Warum wählen Menschen AfD?

Ein große Verwunderung ging durch das Land als eine rechtsnationalistische Partei namens AfD im Herbst 2017 in den Bundestag einzog. Statistiken zeigten klar, dass die Wählerschaft allgemein den Süden und spezieller das Gebiet der ehemaligen DDR als Wohnsitz bevorzugt. Aber die farbliche Darstellung der Wählerdichte nach Regionen erklärt wenig. Und so gab es 1001 Talkshow sowie Dutzende mehr oder weniger sinnstiftender Artikel in den sogenannten Qualitätsmedien. Aber erklärt wurde wenig. Zeit, die Spekulationen mit etwas Licht zu erhellen…

Der Umgang mit Tradtionen

In den seltensten Fällen wurde auf charakterliche bzw. persönliche Gemeinsamkeiten hingewiesen. Denn Erzkonservative, Nationalisten und Rassisten eint vor allem eine Eigenschaft, die in drei Attributen umschrieben werden kann: Traditionsbewusstsein, das Bedürfniss nach starken Führungspersonen und eine gewisse Härte bei der Durchsetzung von Regeln und Gesetzen. Diese drei persönlichen Eigenschaften werden von den Betroffenen als Glauben oder Überzeugungen präsentiert. Sie eignen sich gut, um sich einer Gruppe anzuschliessen oder sie zu formen, die sich in dem Ziel einig ist, alles Fremde, Unbekannte oder Neue auszuschliessen und abzuwerten. Bis in die 1980er Jahre wurde diese Eigenschaft in der Wissenschaft vielfach diskutiert unter dem Begriff des Autoritarismus. Seit gut 40 Jahren hat beginnend mit Bob Altemeyer (1981, 1988,1996) eine Revision des Begriffs stattgefunden und ist nun deutlich präziser und besser bewährt. Er wurde als Right-Wing-Authoritarism (RWA) international mehrfach bestätigt.

Er besteht aus den drei oben benannten charakterlichen Facetten:
1. autoritäre Aggression (durch Autoritäten sanktionierte generelle Aggression gegenüber anderen und anderem, vor allem Schwächere und Unbekanntes)
2. autoritäre Unterwürfigkeit (Unterwürfigkeit unter etablierte Autoritäten und generelle Akzeptanz ihrer Aussagen und Handlungen – oft ohne nachzuprüfen)
3. Konventionalismus (gehorsames Befolgen etablierter gesellschaftlicher Konventionen)

Und was hat das mit mir zu tun?

Der Versuch, die charakterliche Eigenschaft des Right-Wing-Autoritarismus allgemeingültig in der gesamten Bevölkerung zu verankern, scheiterte u.a. daran, dass empirisch vor allem die Anhänger anderer politische Ideologien wie etwa Linke oder Liberale nicht in signifikanten Ausmaßen diese charakterlichen Eigenschaften aufweisen. Was seit 2014 besonders relevant erscheint, ist eine aktuell relevante Bedrohungsgeschichte, die man makabererweise am besten mit einem WItz umschreiben kann. Sie wird jedoch von Medien für Reichweiten und von einigen Parteien und selbst ernannten Führern zum Einfangen von Lesern, Wählern und Fußvolk verwendet.

Ein Arbeitsloser, ein Banker und ein Asylsuchender sitzen an einem Tisch mit zehn Stückchen Kuchen. Der Banker nimmt neun davon und sagt im Rausgehen zum Arbeitslosen: „Pass auf, dass dir der Asylant nicht dein Stück Kuchen klaut.“

Wir waren alle Zeuge, als die Immobilienkrise in den fernen USA nicht zufällig zu einer europäischen Bankenkrise, also einem echten Problem direkt um die Ecke wurde. Merkel sah sich genötigt, vor laufenden Kameras zu behaupten, dass die Spareinlagen der Deutschen sicher seien. Zumindest bis zu einem gewissen Betrag. Als dann ohne monatelange Diskussion demokratischer Gremien wie von Geisterhand Milliardensummen für Bankenrettungen und Rettungsschirme vergeben wurden, glaubte praktisch kein Zuschauer oder Leser, dass das alles nur virtuelle Beträge seien. Zudem regten sich Zweifel an der demokratischen Legitimation. Als dann die Bundeswehr, die Polizei, die Schulen und vieles mehr offensichtlich nicht mehr dem gewohnten Standard entsprachen, hätte das Thema Europa und die Zukunft mithilfe eines visionären Konzepts für die eigene Bevölkerung diskutiert werden müssen. Statt dessen wurde die Wirtschaft mit viel Unterstützung in den Stand gesetzt, mit vielen neuen mittelmäßig bis schlecht bezahlten Arbeitsplätzen anderen europäischen Industrien Paroli zu bieten. Der Export stieg, die Überstunden und die Gewinne der Firmeneigentümer und Anteilseigner erreichten schnell astronomische Ausmaße.

Der Banker war mit den neun Stückchen Kuchen über alle Berge. Die Arbeitenden fühlten sich ähnlich unwohl wie die Arbeitslosen.

Da kamen plötzlich(?) eine Million Flüchtlinge aus dem jahrelang währenden syrischen Bürgerkrieg ins Land und niemand sprach mehr über die Bankenkrise, die nur wenige Jahre vorher zufällig in eine Staatsschuldenkrise europäischer Nationen verwandelt worden war. Wieder war die demokratische Legitimation dieses Vorkommens fraglich. Wieder war das Management des Problems scheinbar spontan und ad-hoc und wieder ähnlich durchschnittlich wie bei der Bankenkrise. Griechenland, Italien und eventuell auch Frankreich wankten schon. Aber das Thema Staatsschulden war tot. Niemand sprach mehr über sinkende Reallöhne oder die Unmöglichkeit für eine mittelständische Firma, Kredite zu bekommen.

Denn es gab endlich jemanden, der eine wirkliche Bedrohung für das letzte Stück Kuchen darstellte.

Wissenschaftler konnten nachprüfbar belegen, „dass Personen mit steigender Autoritarismusneigung Bedrohungen ihrer Gruppe oder Kultur stärker warnehmen und daraufhin Vorurteile gegenüber anderen Menschen zeigen (z. B. Altemeyer, 1998; Cohrs & Asbrock, 2009; Cohrs & Ibler, 2009; Duckitt & Sibley, 2010)“. Besonders einfach gelingt das gegenüber Menschen, die man ohne Problem als jemanden identifizieren kann, der oder die in keinem Fall zur eigenen Gruppe der Traditionsbewussten gehört. Experimentelle Studien sind in der Lage kausale Hypothesen über Menschen zu bestätigen. Sie ergaben, „dass Autoritarismus durch Bedrohung ansteigen kann (Asbrock & Fritsche, 2013; Duckitt & Fisher, 2003)“. Es ist also offenbar so, dass die vermeintlich stabile persönliche Eingenschaft des Autoritarismus durch reale oder medial bzw. per Führungsperson „vermittelte Bedrohungen beeinflusst [verstärkt] werden kann (Feldman und Stenner, 1997; Stenner, 2005)“.

Wenn nun also als Rezept gegen „diese Entwicklung in unserem Land“ (sic!) autortiär auftrende Führungspersonen einen Rechtsruck mit noch mehr Bedrohungsszenarien und noch mehr autoritärer Aggression im Dienste staatlicher Regeln ausrufen, sollte der geneigte Leser und die geneigte Leserin jetzt bessere Einsicht in die Ursachen und Konsequenzen haben. Und ja, Menschen mit einer Biographie in einem totalitären Staat haben eine besondere Prägung zu reagieren: ob es Gehorsam oder Rebellion ist, hängt von den Führungspersonen der Gruppe und ihrer charakterlichen Ausstattung ab – wie bei so vielen Prozessen in einer Gesellschaft. Man kann Menschen ihre Persönlichkeit nicht ausreden. Aber man kann die Trigger und Schalter kennen, die andere nutzen, um sie fernzusteuern. In diesem Fall wäre eine möglichst breite Diskussion der realen Bedrohungen und der Konzepte, ihnen zu begegnen sinnvoll. Wenn die Traditionsbewussten bereit sind, sich namentlich registrieren zu lassen, können sie gern sammeln gehen bzw. gemeinsam sich die 40 Milliarden für einen Grenzzaun rund um Deutschland teilen. Die Kosten für eventuelle Strafen durch die EU und das rechtliche Durchfechten gegen das Bundesverfassungsgericht müssen sie natürlich auch zahlen. Man soll die Menschen ernst nehmen, sie müssen aber auch lernen, ihre Wünsche selbst zu zahlen, wenn sie nicht durch die Mehrheit der restlichen 87% gedeckt sind.

Wer nun wissen will, wie man Autoritarismus bei Rechtskonservativen (RWA) messen kann, welche Forschung es zu dem Thema gibt, der möge sich die Kurzskala KSA-3 ansehen und ihre theoretische Einbettung. Man findet dort all die hier zitierten Aussagen inkkusive des Literaturverzeichnisses.

 

 


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