Still ruht (k)ein See

Das Web 2.0 ist in die Jahre gekommen. Diejenigen, die in seinem Kielwasser zu Ansehen und Reichtum kamen, haben sich abgewandt. Sie verkaufen bestenfalls ein funktionales Verständnis dessen, was eine soziale Bewegung des global vereinigten Individuums hätte werden können. Das Tröstende daran ist, dass alle staunenden Zuschauer jetzt live bei der Entzauberung dabei sind. Offenbar ist die Ära der Projektionen zuende. Das lange bestaunte Web ist zum Alltag geworden.

Es begann damit, dass viele öffentliche Stimmen Web 2.0, soziale Medien und sogar social media gar nicht mehr als Begriffe der eigenen Expertise benutzten. Nach den ersten Jahren des Herbeiredens wurde händeringend nach neuen Wörtern gesucht, die mit möglichst innovativer oder skandalfähiger Bedeutung aufgeladen werden konnten. So kam es zu einer Fachsprache, die „Echtzeit“, „“stream“, „shitstorm“ oder gar „storytelling“ an die Stelle von Flansch, Fuge oder Aufmaß setzte. Der Grund war klar: Es musste sich um eine Art Handwerk handeln, also ein Bündel an Fähigkeiten umfassen, die Berater in Seminaren, Workshops und Mandaten unter das Volk jubelten.

Es dauerte drei Jahre, bis Agenturen aller Art hinter das Geheimnis gekommen waren und nun mithilfe des Web das alte Reichweitenspiel zwischen eine virtuelle U1 und U4 pressten. Der Umschlag war nun nicht mehr aus 235er Papier mit Mattlack sondern vollführt heutzutage unter dem schlichten Begriff der Domain eine tollkühne Wiederauferstehung des Zeitungsboten, der überall und nirgends seine Meldung in die öffentliche Räume ruft: Affiliate-Netzwerke, SEO und SEA sind da nurmehr die Spitze eines Eisbergs, der seinerseits zum Abschmelzen tendiert, seit Google seine Algorithmen auf den Kern fokussiert: Menschen, ihre Sinnzusammenhänge und die Folgen davon im Reich der Buchstabenwelt.

Ein Schelm, wer glaubt, dass die Buchstabenwelt im Internet eine gänzlich andere sei als im Zeitalter der Massenmedien. Nur weil die Massenmedien durch die Medienmassen ersetzt wurden, wurde uns der Kern der digitalen Revolution noch nicht vor Augen geführt: Es sterben nicht mehr Abermillionen von Bäumen, damit wir unsere Zeit lesend verbringen. Es sterben Milliarden von Bäumen, damit wir Papier und Öl herstellen. Das Papier brauchen wir zum Ausdrucken all der Medienmassen und das Öl, damit die Computer, Monitore und Drucker genug Strom haben. Es hat sich also der Energieaufwand zur Verbreitung der Meinungen radikal erhöht, ohne dass die Menschen die neuen Werkzeuge einsetzen, um einen neuen Umgang mit Inhalten und Nachrichten und miteinander auf Augenhöhe zu pflegen. Manche nutzen das Web, um Hass zu verbreiten, andere um das (Nach)Denken nicht selbst realisieren zu müssen, einige nutzen es, um ihren Horizont zu erweitern. Aber es ist keine Initiative in Sicht, neben der globalen Ökonomie auch einen globalen Austausch der Moral, der Kunst, der Musik, der Philosophie, der Wissenschaften in einem offenen und toleranten Umgang miteinander einzusetzen.

Vielleicht brauchen wir erst treibende Institutionen, die Millionen Anhänger mit Hochfrequenzdiskussionen erreichen, damit uns klar wird, was wir da mit dem Gefasel über Social Media Kampagnen für Chancen vertun. Die Occupy-Bewegung hatte einen entscheidenden Fehler, den man fast allen digitalen Aktivisten vorwerfen kann – abgesehen von globalvoices.org: Die Banken schreiben der Industrie vor, wer was wann produzieren kann, indem sie Kredite vergeben. Sie verdienen dann auch noch an den Wetten daran, welche Güter in welcher Stückzahl wo produziert werden und welche Firmen möglicherweise keine Chancen mehr am Markt haben. All diese Verhältnisse, die als Markt bezeichnet werden, steuern sehr wenige Institute weltweit und verdienen vor allem an den Wirtschaftskrisen Milliarden, weil in diesen Jahren immer sehr günstig in die Industrien investiert wird, die vorher kaputt gespart wurden in Effizienzarien. Occupy hat seine bevorzugten Normen und Werte nicht auf diese Weise inflationiert. Warum?

Die Menschen könnten das Internet nutzen, und all die lokalen Auswirkungen dieser seltsamen Steuerungsbewegungen diskutieren, sich eine eigene Form von Austausch mit Leuten in anderen Kontinenten überlegen, die über Hilfe hinausgeht, also den Gedanken von ashoka.org erweitert. Denn letztlich ist das strategische Ausnutzen der Early Birds im Netz als Web-2.0-Berater im Grunde nichts Anderes als derjenige, der schon Anfang Oktober eine gefütterte Jacke trägt, um dann beim ersten Morgenfrost triumphierend im Büro zu stehen und es besser gewusst zu haben.

Schon lange vor dem Begriff des Shitstorms wussten alle vielgelesenen Blogger, dass die Kommentarbereiche Nachweis ihrer Reichweite und Hort von Problemen gleichermaßen sind. Der Begriff selbst hat keine neue Erkenntnis über das Netz in die Welt gebracht. Aber das Phänomen scheint jetzt operationalisierbar, was es definitiv noch immer nicht ist. Genau so wenig wie die Globalisierung durch das globale digitale Dorf ein supranationales Verständnis für menschliche Belange hervorgebracht hat. Da braucht man dann wahrscheinlich keine Berater und erst recht keine Macher, sondern reflektierte Menschen. Aber wie macht man die?

Das ist leicht: Alle diejenigen, die Normen festlegen, müssen deren Gründe rechtfertigen und zur Diskussion stellen. Wer das nicht tut, ist übrigens hinter die Demokratie zurückgefallen, was auf den größten Teil der Arbeitswelt zutreffen dürfte. Also beginnt das Einüben in globales Verständnis in der eigenen Familie und in der eigenen Firma und der Rechtfertigung der dort vorherrschenden ungeschriebenen und geschriebenen Ordnungen. Dann klappt es erstmal zuhause vor der eigenen Tür. Auf andere kann man dann immer noch mit dem ausgestreckten Finger zeigen.


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