Invasion der Falschpositiven

Eine 2017 veröffentlichte Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young untersuchte täuschendes Verhalten in 4.100 Firmen in 41 Ländern: Deutsche Mitarbeiter betrügen das Management deutlich mehr als im europäischen Ausland. Zehn Prozent der Befragten bejahten folgendes Item: „Würden Sie sich zur Beschleunigung Ihrer Karriere oder um sich einen anderweitigen Vorteil (Bonus, geldwerter Vorteil) zu verschaffen auf folgende Weise verhalten? Versorgung des Managements mit falschen Informationen“. Deutschland liegt damit auf einer Wellenlänge mit Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Türkei und Indien, denn nur dort sind die Werte auch zweistellig. Der westeuropäische Durchschnitt liegt bei vier Prozent. Wo könnten die Ursachen liegen?

Eine Ursache ist sicher das Lernen am Model. Das Modell sind dabei einige Vorstände. Was Schmidt zum Ruhm nutzt, sollte auch Schmidtchen schmücken. Eine andere Ursache liegt in einer verqueren Art, Selbstdarstellung zu betreiben. Um einem sozialen Stigma zu entgehen, lügen viele Mitarbeiter, dass sich die Balken biegen. Oft belügen sie sogar sich selbst. Der Psychologe Paulhus deckte auf, dass passive Selbsttäuschung und aktive Selbstdarstellung zwei Seiten derselben Medaille Impression Management im Beruf sind. Zum einen wird das Gegenüber getäuscht und zum anderen die eigene Persönlichkeit über die wahren Unzulänglichkeiten im Dunkeln gelassen, indem man Kollegen und Vorgesetzte, oft sogar die eigene Familie belügt. Damit entgeht man der sozialen Ächtung aufgrund familiärer Verpflichtungen, Beziehungsproblemen oder gar persönliche Sinnkrisen. Es handelt sich also um eine amateurhafte Form von Stressmanagement. Das ist schade und kostet im Endeffekt die Firmen und die Gesellschaft über Fehlzeiten, falsche Entscheidungen, Täuschungen oder Sabotage Milliarden Euro.

Aber wenn man den Einsatz von IT in vielen Firmen betrachtet, dann erfüllen viele Projekte dieselbe Aufgabe auf der Mesoebene von Abteilungen oder Niederlassungen oder noch schlimmer auf der Makroebene einer Organisation. Statt einen langwierigen Veränderungsprozess anzustoßen, um alle Mitarbeiter und Führungskräfte ins selbe Boot zu holen, wird eine verkrustete Unternehmenskultur einfach durch die bösen Softwarebuben und ihre Generalunternehmer- Vasallen zu Klump geschossen. Am Ende stehen verunsicherte Fachabteilungen am Rande der operativen Lähmung, interne IT-Mitarbeiter mit von Schuldzuweisungen zerfetztem Selbstwertgefühl und Dienstleister, die sich allein durch die Einnahmen aus dem Claim Management jegliche Neukundenakquise sparen können. Denn wenn die Firma wieder erwacht aus dem 100jährigen Projektschlaf, wird klar, dass es vorher schneller, billiger und sicherer zuging. Und gegen den alljährlichen Eissturm aus dem Lizenzmanagement mit kreativer Updatepolitik und astronomische Wartungskosten wirkt ein engagierter Betriebsrat wie eine laue Brise aus der Luftpumpe. Selbsttäuschung ist ein sehr teures Hobby. Erst recht, wenn man es auf Organisationsebene betreibt. Erinnert sich noch jemand an Wissensmanagement? Oder gar Groupware? Das waren noch Zeiten, als Menschen Daten und Informationen für Entscheidungen brauchten und man glaubte, dass mehr und schnellere Informationen zu mehr Qualität im Handeln und damit zu mehr Quantität im Umsatz führen. Heute lernen schon Schüler, dass das Wichtigste an statistisch basierten Entscheidungen die Sensitivität und Spezifität der zugrundeliegenden Tests sind, die über eine Datenmenge laufen. Das sind die richtig Positiven und die richtig Negativen. Sie kennen das von medizinischen Tests, die eine Krankheit anzeigen, wo aber real gar keine ist. Besonders wichtig ist das in Bezug auf die Größe der Stichprobe: Große Datenmenge (Big Data) macht große Mengen an Falschpositive und Falschnegative. Der weit gereiste Leser kennt das, wenn am Flughafen unbescholtene Bürger von den Diensten verdächtigt und einer heiligen hochnotpeinlichen Befragung unterzogen werden. Damit gleicht sich die künstliche Intelligenz an einige Vorstände an. Da wird die Zahl der Falschpositiven offenbar auch immer größer. Und das B-Level folgt nach. Wenn man der Studie von Ernst & Young glauben darf, ist der Trend jetzt ganz unten angekommen. Lernen am Modell.
Dieser Artikel wurde erstmals im Rahmen der Jubiläumsausgabe (25 Jahre) des Newsletters der Unternehmensberatung Project Consult in Hamburg publiziert und ist unter diesem Link auch dort einsehbar, Den gesamten Jubiläums-Newsletter können Sie hier als PDF herunter laden.


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