Die Corona-Gebote

Alle sind schlauer geworden. Manche waren schon vorher schlau. Aber trotzdem gab es Mangel. Viel Mangel: Es fehlte an Schutzkleidung, es fehlten Daten, es fehlte Wissen. Und es fehlte Erfahrung. Aber vor allem taten sich alle schwer damit, Daten, Wissen und Verhalten zu sinnvollen Entscheidungen zusammen zu führen. Einsicht wäre das Gebot der Stunde. Doch wer das weit verbreitete Geschrei nach besseren Zahlen und Statistiken beobachtet, kommt nicht zu Unrecht auf die Idee, dass sich dahinter dieselbe Kontrollillusion verbirgt wie hinter dem Hamstern von Klopapier….

Vor der Corona-Pandemie waren sich alle klar: Wir brauchen Information und Daten. Die muss man in Datenbanken packen. Noch besser schickt man KI-Algorithmen über die Datenbankinhalte. Und Wissen, das muss man auch haben. Junge Leute jahrelang mit Buchstaben und Grafiken vollzupumpen und nachher abtesten, ob ihr Gedächtnis funktioniert. Könnte das Wissen hervorrufen? Wenn das Gedächtnis funktioniert, bekommen sie ein Zertifikat: Bachelor oder besser Master. Und danach sollten sie anderen beim Arbeiten zuschauen und das Gesehene nachmachen: Trainee oder Praktikum. Dann hat man wissen und kann bald schon selber Entscheidungen fällen oder gar Teams führen. Aber das praktische Wissen, das man so erworben hat, kommt dann aus früheren Jahrzehnten. Könnte helfen, muss es aber nicht. Denn Gegenwart schert sich selten um Erfahrungen.

Der freie Markt ist noch nicht schulreif

Und dann kam Polly. Nein, Corona. Das höchst industrialisierte Land der Welt beobachtete, wie ausländische Firmen Abermillionen für Masken und Schutzkleidung einnahmen. Wenn sie überhaupt in Deutschland ankamen. Aber nicht alle Länder waren kooperativ. Aber es handelt sich um Produkte, die jedoch keine Raketenwissenschaft erfordern. Aber sie wären eigentlich systemrelevant. Hätten die Liberalen recht und man könnte sich auf den Markt verlassen, hätten smarte deutsche Industriekapitäne in den vergangenen Wochen Maschinen gekauft oder umgerüstet und diese Millionen und Milliarden gescheffelt, die alle anderen Länder bereit waren zu zahlen. Leider hat ihnen die KI dies nicht empfohlen. Nicht mal ein Unternehmensberater hatte sich in diese Richtung geäußert. Diese Firmen warteten stattdessen auf sichere Abnahmezusagen der Regierung, und es mussten erstmal ganz andere Länder das ganz große Geld verdienen – und natürlich das organisierte Verbrechen. Denn anders als der freie Markt hilft Organisation beim Bewältigen von Problemen sehr. Oft produzieren Länder, die nicht mal wissen, was Liberalismus ist, solche Schutzkleidung. Aber wie war es überhaupt zu dem Mangel gekommen? Denn es gab ja elaborierte Pandemiepläne, die riesige Mengen an „protecive gear“ bei den Krankenhäusern forderten. Leider waren solche Bevorratungen nicht der Fall. Wissen war da, Daten auch, nur leider keine Einsicht. Offenbar ist der Platz für diese Mengen an Kartons zu teuer. Oder der freie Markt hatte es den Besitzern der Krankenhäuser nahe gelegt, Eventualitäten zu mißachten. Wir können fest halten:
1. Gebot: Der freie Markt kann nix, wenn es wirklich drauf ankommt. Er ist ein naives Kind, das auf der Kellertreppe pfeift, wenn es dunkel wird.

Daten sind das neue Laub

Aber zumindest können wir uns auf unsere wichtigste Ressource verlassen! Information, oder zumindest Daten. Denn Daten sind fast sowas wie Fakten, oder? Daten sind das neue Öl. Das haben wir alle rund 45675 mal in den letzten 20 Jahren in der Zeitung gelesen oder von Experten in Talkshows gehört. Wir haben alle erlebt, wass es heißt, wenn man feststellt, was Daten an sich bedeuten können. Sind Infizierte, alle, die getestet sind? Oder sind das alle Getesteten plus eine errechnete Dunkelziffer. Oder sind das alle positiv Getesteten, die nach einigen Tagen per Fax an eine Behörde übersandt worden sind. Auf Sicht fahren ist ja gut. Nur in welche Richtung schaut man dabei. Sieht man in den Rückspiegel, fährt man auch auf Sicht. Das ist schon bei 30 km/h kaum sinnvoll. Bei einer Pandemie befindet man sich aber im 5.Gang, Overdrive, da sollte man nicht zulange in den Rückspiegel gucken, wenn man Entscheidungen auf dieser Basis treffen will. Und da ist schon das böse Wort: Entscheidung. Politiker tragen Verantwortung. Die können weder den Epidemiologen zuhören, die sich um Modelle streiten, noch Virologen, die sich um Zellbarrieren kümmern. Klar ist, dass es keine gut gepflegte Kultur der Multidisziplinarität gibt. Wenn man mehr Virologen oder Epidemiologen zuhört, hat man mehr Meinungen gehört, aber nicht mehr Wissen erlangt. Denn es fehlt die Fähigkeit, Kontexte zu bilden, in die all das Einzelwissen eingebettet wird und zwar strukturiert und lösungsorientiert. Denn schon Einstein wusste, dass nur Narren die Lösung eines Problems auf der Ebene suchen, wo es entsteht.
Gebot 2: Wissen produziert weder Macht noch gute Entscheidungen, wenn die Koordination der Wissensbausteine fehlt. Und wenn EInsicht nicht stattfindet, ist weder humane noch künstliche Intelligenz mehr wert als Sand in der Wüste.

Führung besteht nicht darin, Mitarbeiter mit neuartigen Organisationsformen zu traktieren, während man Alltagsprobleme ignoriert

Was ist also zu tun? Wie bekommt man Menschen dazu aus Daten, Informatione und Wissen Einsicht zu gewinnen und diese umzusetzen? Das ist die Frage, die mindestens diejenigen beantworten müssen, die Verantwortung tragen. Ihre Berater sind dann immer sehr still. Man nennt dies Leitungsfunktion. Es ist sinnvoll diese Aufgabe grundlegend von Führungsfunktionen zu trennen. Denn nicht jeder, der gute Entscheidungen trifft, ist in der Lage, Mitarbeiter oder Bürger zu motivieren oder Ressourcen zu verteilen. Leider trennen noch heute sehr wenige Firmen diese Funktionen. Wie erlernt man gute Entscheidungen? Und wie lernt man das Motivieren oder einen ressourcenorientierten Managementansatz? Bei Führungskräftetrainings wird in 10-Jahres-Wellen der eine oder andere Trend durchs Land gejagt: Lean Management, Kanban, Digitalisierung, Selbstmanagement, gesunde Führung, agile Firmenkultur…
Diese Themen ernähren Horden von Beratern, und verwirren alle paar Jahre all die Menschen, die mit der Hand am Arm ihre Arbeit erledigen müssen und schon genug im Kampf gegen mehr oder weniger hilfreiche SAP-Oberflächen, andere Abteilungen, viel zu wenig Kollegen und viel Ignoranz auf allen Seiten erschöpft werden. Von denen braucht keiner agiles Denken und Fühlen oder hippes Duzen der Person, die sich nicht die Bohne dafür interessiert, dass der Schwiegervater im Sterben liegt und dessen Frau, fast dement, den Feierabend nicht gerade zum holotropen Atmen inspiriert.
Gebot 3: Kooperation ist das Gebot der Stunde. Ihr Gegenpol heißt Institution. Alle Menschen, die ihre (berufliche) Position ausbauen, stören bei der Lösung von Problemen und beim Erfolg von Vorhaben. Aber Führungskräfte denken noch immer, dass sie Karriere machen, wenn sie Kosten sparen, also ihre Mitarbeiter mit Aufgaben überschütten. Und Leitungskräfte denken noch immer, dass sie führen, wenn sie die Richtung vorgeben.

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.
(Albert Einstein)


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