Der soziale Krebs: Kooperation vs. Institution

Wer die Nachrichten und Talkshows verfolgt, konnte die fleißigen Helfer am Werk sehen: Die Funktionäre von gemeinnützigen Institutionen schützen ihre Homebase vor Kritik. Obwohl oder gerade weil sie nicht im luftleeren Raum agieren, sind die Institutionen empfindlich gegenüber nachbohrenden Journalisten. Gegründet wurden sie, um gesellschaftliche Aufgaben zu organisieren, aber sie verharren seit langem nur noch im Stadium der Selbsterhaltung. Wer Anfang 2014 den ADAC betrachtete oder die Parteien angesichts der Edathy-Affäre, dem wurde offenbar, dass sie zwar munter wachsen, aber dem Wirtsorganismus nur noch eingeschränkt dienlich sind. Und da sie offenbar kein lebenswichtiges Organ der Bevölkerung mehr darstellen, wird es Zeit, das Ziel ihres Wachstums kritisch zu hinterfragen.


Kasuistik

Eine hochgestellte Persönlichkeit überführt sich nicht ganz freiwillig eines gesellschaftlichen Tabus: Er kauft Bilder von nackten minderjährigen Jungen. Die Fachwelt beschreibt derartiges Verhalten auf der Basis des WHO-Codierverzeichnisses ICD als Sexualstörung namens Pädophilie (F65.4) oder Hebephilie. Doch die den Pädophilen umgebende Umwelt reagiert, wie es sich gehört. Verhalten außerhalb der gesellschaftlichen Regeln wird mit Ausschluss geahndet. Das ist die härteste Strafe, die eine Gemeinschaft verhängen kann. Soweit so vorhersehbar. Dieser Delinquent entzieht sich jedoch selbst der Verbannung. Er schließt sich selber aus, indem er das Land verlässt. Die Gemeinschaft verhält sich missgestimmt, weil sie ihrer Sanktionen beraubt ist. Das zurückbleibende Führungspersonal ist zunächst ob des Tabus rat- und hilflos. Es reagiert erwartungsgemäß mit erlernten Gefühlen, aber leider nicht mit Führungsverhalten. Auch die Opfer bleiben weiter im Schatten des Tabus.

Eine angesehene Institution der vielfach notleidenden Autofahrer, die jedes Jahr aufs Neue zur Unzeit von kaltem Wetter überrascht wird, scheint seltsame Seitengeschäfte zur Hauptattraktion für eine völlig neue Klientel zu machen. Die Interessenvertretung findet nicht selten ohne klare Billigung der einstigen Zielgruppe statt. Tröpfchenweise rinnen verstörende Informationen in die Öffentlichkeit.

Eine vielgestaltige operative Hektik offenbar, die diese Institutionen in ein tadelloses Moralkostüm kleiden soll. Ein Wettbewerb des besten Verhaltens greift um sich. Die Bühne für derlei Gebaren bieten Talkshows und Interviews mit den Medien. In einem pyroklastischen Strom von Anschuldigungen, Gegenreden und Schuldzuweisungen wird die Hilflosigkeit der Institutionen gegenüber nicht besonders einzigartigen Geschehnissen wie psychischen Störungen offenbar. Man könnte anstelle der Pädophilie auch die Gewalt gegen Kinder und Frauen, die epidemisch zunehmenden dementiellen Erkrankungen betrachten. Oder gar die Langzeitschäden durch Krach, Abgase und Umweltverschandelung durch Windräder, fast hätte ich Straßen geschrieben. Hier wie dort wird offenbar, dass die Rädelsführer der gelungenen Gesellschaft weder zur eigentlichen Sache reden noch überhaupt ein Interesse an praktischem Expertenwissen hätten, es sei denn es sichere die Interessen der Institution, die sie vertreten. Anstelle gesellschaftlicher Führung tritt ein existenzielles Sichern der eigenen Positionen. Dies ist leider ein all zu vertrautes Geschehen.

Ätiologie und Pathogenese

Im medizinischen Begriff des Krebs wird ungerichtetes Zellwachstum zusammengefasst, anders als die sonstigen Gewebestrukturen übernimmt der Krebs keine Aufgabe im Sinne der Überlebenssicherung des gesamten Organismus. Im Gegenteil, Krebszellen verdrängen überlebenswichtiges Gewebe. Wenn man postmoderne Politiker und zunehmend auch ihren Beratern zuhört, wird offenbar, dass zumindest ein großer Teil der gesellschaftlichen Führungselite keine Aufgabe mehr im Sinne des gesamten Organismus übernimmt. Der Verweis auf Partikularinteressen könnte seit einem Jahrzehnt zum Wort des Jahres avancieren. Im häufigsten und leider auch schlimmsten Fall sichert der oder die Führungsfigur das Überleben einer der gesellschaftlichen Institutionen wie etwa den politischen Parteien.

Causa

Da es viele zum Teil sehr differenzierte Sichten auf gesellschaftliche und individuelle Problemlagen gibt, wachsen seit langem die gesellschaftlichen Institutionen wie Pilze aus dem Boden. Leider sind sie zum allergrößten Teil mit der Selbsterhaltung beschäftigt: Sie müssen Geldgeber finden. Nur wenige Auswüchse dieser Entwicklung werden öffentlich in Parteispendenskandalen. Ähnliches spielt sich täglich hundertfach auf kleinerer Ebene ab. Und auch auf persönlichem Niveau findet sich dieser unheilige Verlauf des sozialen Krebs wieder in Postengeschacher und dem allseits bekannten Mobbing. Dass sich wichtige Institutionen zunehmend als Produkte mit Warencharakter darstellen, kann man auf Zellebene verstehen. Sie verkleiden sich so vor den Wächterzellen und dem Immunsystem.

Contributio

Es gab und gibt im Organismus sogenannte Wächtergene, die seltsames Wachstum eindämmen können. Auf gesellschaftlicher Eben sind sie Whistleblower und investigative Journalisten. Wenn aber in zunehmenden Maße diese Wächtergene geschwächt werden oder gar zum Katalysator werden für ungerichtetes Krebswachstum, ist der Organismus dieser Sinnlosigkeit praktisch schutzlos ausgeliefert. Denn Krebszellen verdrängen gesundes Gewebe. Ehrenamtliche verlieren ob des seltsamen Verhaltens der gesellschaftlichen Eliten das Interesse an ihrer Berufung. Verantwortliche in Firmen und anderen Institutionen, die das Zusammenleben zum Besseren ändern wollen verabschieden sich in die innere Mongolei ihres trauten Eigenheims und engagieren sich im besten Fall im Kindergarten oder dem Sportverein. Aber auch das lässt nach. Dann schließen Elterninitiativen und selbstgewählte Kommunen sowie Gemeinschaften, die auf freiwilliger Kooperation beruhen. Übrig bleiben die professionalisierten Gegenstücke zu diesem gesellschaftlichen Bindegewebe. Aber auf dem Knochengerüst allein lässt sich kein flexibles Vorankommen bewerkstelligen. Denn gerade das Bindegewebe hat eine eminent wichtige Aufgabe für die Beweglichkeit des Lebewesens wie jeder Ostheopath, Physiotherapeut und Sportmediziner bestätigen kann.

Therapie

Es wird Zeit das Konstrukt des Liberalismus vom Kopf auf die Füße zu stellen. Kleine und kleinste Einheiten gesellschaftlicher, freiwilliger Kooperation bedürfen der monetären und gesellschaftlichen Anerkennung. Denn anders als das interne Outsourcen von Problemen und gesellschaftlichen Aufgaben an Institutionen, die zunächst nur sich selbst erhalten, sind diese kleinen Einheiten extrem flexibel und oft stark intrinsisch motiviert. Es handelt sich im Zweifel um ehemalige Betroffene oder besonders engagierte Praktiker, die im Alltag kooperieren. Es wird daher Zeit, dass Parteien und Institutionen ihr Führungsversagen einsehen und ungerichtetes Verhalten aufgeben. Sie sind – wie die besten Führungskräfte – dafür da, zu erkennen, wenn Mitarbeiter oder kooperative Initiativen Hilfe und Zuspruch brauchen, um ihre Aufgaben zu erfüllen und sich dynamisch zu entwickeln. Wir müssen die politisch aktiven Zellen im gesellschaftlichen Organismus umprogrammieren, damit sie von Selbsterhaltung umschalten auf Erhaltung der Form von Kooperation, die den Betroffenen am besten hilft. Natürlich hat das auch Folgen in der Art wie das Beste in diesem Fall evaluiert wird. Der Blick muss vom System (Element, Struktur, Organisation) wegführen zur evidenzbasierten Gesellschaftslehre.

Es steht zu erwarten, dass die Compliance der Bürger zunimmt – vor allem, wenn Firmen und Organisationen die Chancen erkennen, die einer Bevorzugung der freiwilligen Kooperation vor der verordneten Institution liegen. Psychische und psychosomatisch Erkrankungen könnten sich reduzieren, weil der Sinn im Alltag zunimmt. Das Beratergefasel von Selbstoptimierung und ganzheitlichem Ansatz würde sich direkt vor Ort zugunsten lokaler und lebensnaher Zusammenarbeit am Problem auflösen. Und die Politiker könnten endlich zeigen, dass sie gesellschaftliche Entwicklungen fördern und nicht bloß institutionalisieren in Arbeitskreisen und neuen Behördenstrukturen.


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