Jun 14 2012

Das Wissen der Erde liegt auf dem Rücken der Herde

Clay Shirky hat den heiligen Gral des Investments in den Schmutz geworfen: Warren Buffett. Dessen Investitionen in 24 mittlere Tageszeitungen seien geradezu hanebüchen und sein Verdikt über die Facebook-Aktie wenig weitsichtig. Gut gebellt: „Der Erfolg der Tageszeitungen ist nur ein Unfall gewesen.“ Shirky weist darauf hin, dass Reichweite und Umsatz nicht immer linear korrelieren. Werbung kommt in Buffetts erklärendem Memo gar nicht vor. Das hat einen Grund. Hier weiterlesen


Jul 17 2011

Warnintelligenz

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Google ein gefährlicher Datenkrake und Apple ein nimmersatter Verkäufer digitaler Spielzeuge ist. Diese Archetypen der digitalen Ökonomie haben mittlerweile sogar schon einen Urahn: Der Großvater Microsoft röchelt noch ein wenig auf dem Sofa des weltweiten Datennetzes vor sich hin. Aber auch dieser Methusalem hatte einst richtige Feinde.

Vor 10 Jahren hatten Legionen von Journalisten vor den Konsequenzen der digitalisierten Arbeitswelt gewarnt. Die Menschen wurden krank vor schlechten Monitoren und Bürostühle genügten nicht mehr den ergonomischen Anforderungen. Vor allem der Aufbau der Oberfläche von Microsofts Bürolösungen galt als steinzeitlich. Heute ist das alles vergessen. Seit wir den Monitor auf ein Zehntel verkleinert haben und darauf herumwischen, geht es uns so gut, dass die wahren Gefahren nur noch von den Datenbanken der Werbenetzwerke ausgehen. ZEIT und Süddeutsche Zeitung hatten Mitte der Woche berichtet, dass die kapitalistische Großinvasion namens Google ihre giftigen Arme auf uns gerichtet habe. In einer Datenbank mit dem mysteriösen Kürzel DDP sollten die Interessen der Werbekunden an den Meistbietenden verhökert werden. Der Datenschutz – die goldenen Bulle der letzten Jahre – war in Gefahr. Offenbar hatte Google vor, uns alle zu verwanzen… Hier weiterlesen


Jan 19 2011

Verlage: Erfolg im Web?

In dem facebook-Film The Social Network verlässt Mark Zuckerbergs Freundin ihn mit den folgenden Worten:

“You are probably going to be a very successful computer person. But you’re going to go through life thinking that girls don’t like you because you’re a nerd. And I want you to know, from the bottom of my heart, that won’t be true. It’ll be because you’re an asshole.”

Jeder der schon mal in einer Firma gearbeitet hat, die etwas größer ist, der hat eine Erfahrung gemacht: Viele Menschen setzen jeden Morgen eine grüne Maske auf und starten in den Tag mit dem Vorhaben, mindestens einen Schritt in Richtung Chefposition zu machen. Manche gründen eigene Firmen mit viel Herzblut und/oder dem festen Willen der intensiven Ausbeutung eigener und anderer Ressourcen, andere erklimmen die Karriereleiter langsam und mit viel Gehorsam und Geduld im Rucksack. Nicht selten erkennen sie nicht, dass eine gehörige Portion Glück nötig ist für den steilen Weg zum Arschloch. Es gibt auch welche, die dieselben Ziele erreichen, ohne so zu werden. Präziser müsste man sagen, sie waren nie so und wurden es auch nicht durch den Ehrgeiz. Das mag mehrere Gründe haben. Die Startbedingungen sind oft sehr unterschiedlich. Der Hass und der Neid auf andere ist bei den Menschen verschieden ausgeprägt. Aber am wichtigsten ist die prognostische Fähigkeit und der Glaube an sich selbst.

Mancher erinnert sich an den Springer-Chef Döpfner, der sich vor Steve Jobs verbeugte, weil er glauben wollte, dass das iPad den Verlagen die schwere Arbeit abnehmen würde, im Web lukrative Geschäftsmodelle zu entwickeln. Aber das klappte nicht. Einzig facebook ist aktuell in der Lage, Google ein wenig vom Werbekuchen abzuluchsen – auch in den USA haben einige ihre Hausaufgaben gemacht und verdienen Geld im Web. Mit Blick auf Spiegel Online und bild.de erkennen die Verlage hier, dass es wie immer um Reichweite gehen muss. Den Rest will man mit Apps bei Apple verdienen. Nur verdient einzig Apple in der Apple-Welt. Die Verlage könnten also merken, dass es nicht so schlau ist, jede einzelne Website als App zu verkaufen; es sei denn man hätte einen großen Brand, gutes Design, preisgekrönte User Interfaces und findige Marketingleute. Es dämmert die Idee, dass die „doofen Open Source Freaks“ mit dem Begriff „closed world“ irgendwie den Nerv getroffen hatten. Konsequenzen hat diese Vorstufe einer Erkenntnis nicht…

Denn wer sich in Deutschland bei Verlagen umsieht, der bekommt die Kehrseite der Arschloch-Karrriereleiter zu spüren. Die Entscheider entscheiden nur, was die Altvorderen in der Geschäftsleitung und im Aufsichtsrat gut finden würden (Zeitungsseiten hinter Glas). Auf diese Weise kommen Zeitungen mehr oder weniger 1:1 ins Web und der Rest ist MeToo. Man setzt mal eine Community auf mit einem teuren Tool, lädt dort ein paar Werkstudenten ab und stellt nach 5 Monaten fest, dass die Reichweite nicht für die Anzeigenleitung reicht. Also wird alles wieder abgewickelt. Erinnert sich noch jemand an nachrichten.de? Nein.

Das Heil wird auch nicht eintreten, wenn man den selbst ernannten Experten glauben schenkt, denen auch nichts Besseres einfällt als bisher unbekannte Ideen aus den Staaten zu platzieren in der Hoffnung, dass sie nicht in den nächsten 6 Monaten bei carta oder netzwertig aufpoppen und die fehlende Kreativität offenbaren.

Aber die Einfallslosigkeit ist das Symptom des Erfolges in deutschen Firmen. Wer selber denkt, wird still und leise oder öffentlich demontiert. Nach einigen Jahren der Firmenzugehörigkeit hat sich jeder und jede das vorschnelle Brainstorming abgewöhnt. Man schweigt und lässt andere, neue Kollegen „sich blamieren“. Genauso wird man einen konservativen Markt jahrzehntelang beherrschen: durch Ausbremsen. Aber das Web ist kein konservativer Markt. Der Leser bedenke, wie lange es dauerte, bis Google den Riesen Yahoo zu einem iMännchen degradierte.

Crosspost von netzpiloten.de


Dez 14 2010

wikileaks: p2p-Journalismus

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hatte sich in den letzten Jahren im Kreis von Medienjournalisten und Webexperten eine Diskussion um die Vierte Gewalt im Staat verselbständigt. In einer frühen Phasen entwickelten sich einige Fachblogs zu Quellen aus denen sich seriöse Journalisten gerne und fast immer ohne Angabe von Quellen bedienten. Als die Leserschaft diese Aktionen bemerkte, schwenkte die Wertung gegenüber Blogs um. Die Reichweitenbeschaffer alias Leser, die Verlage an ihre Anzeigenkunden verkaufen, schauten nun immer öfter selber nach, was fefes blog, Don Alphonso, netzpolitik.org oder Bildblog sich ausdachten oder recherchierten bzw. zugetragen bekamen.

Das war schmerzlich, weil die Verlage eine Deutungshoheit beanspruchen, die sie mit dem Begriff Qualitätsjournalismus gegenüber diesen Emporkömmlingen abgrenzen wollten und wollen. Das größte Problem waren die Diskussionen im Web rund um Artikel, die nicht selten lawinenartig neue Artikel auslösten. Neben der Deutungshoheit verloren die klassischen Medien also auch noch ihre Funktion des Agendasettings, die sie gekonnt im Umgang mit Politikern und PR-Agenturen einzusetzen gewöhnt sind. Einige Verlage haben sich schon verdächtig nahe an die PR-Ausbildung herangerobbt wie die FAZ mit dem FAZ Institut beweist oder arbeiten auf halbseidenen Wegen mit Detektiven, um Fakten, Fakten und Fakten zu schaffen, wo vorher keine waren oder die Privatsphäre einen Schirm aufspannte. Der Begriff Qualitätsjournalismus ist also eher ein Potemkinsches Dorf hinter dem man gegenüber Politikern einen enormen Aufwand (trotz radikaler Entlassungen) als Medienapparat im Dienste der Demokratie verkaufen kann. Im Grunde geht es dabei um ein Ringen nach Subventionen, oder präziser einem Beamtenstatus für alles, was man selbst so qualifiziert. Was nicht Qualitätsjournalismus ist (und das definieren immer die Verlagsvertreter!) – zum Beispiel die Blogger und selbsternannten Journalisten im Web – muss nicht staatlich geschützt werden, weil es keine zwölfstöckigen Denkmäler für die Vierte Gewalt erbaut und außerdem auch noch die hoheitliche Aufgabe der Qualitätsjournalisten vermissen lässt: Man entwertet diese Onlineschreiberlinge mit dem Hinweis darauf, dass sie nicht Agenturmeldungen filtern und umschreiben, dass sie kein Fact-Checking betreiben (wie viele deutsche Verlage auch) und dass sie ja immer nur Meinungen verbreiten…

Und dann kam wikileaks….

Vor einigen Jahren war es der Anlass für viele Leser überhaupt  die Existenz des Begriffs whistleblower zur Kenntnis zu nehmen. Es gab also noch eine andere Welt als die Agenturen. Investigativer Journalismus kann ohne sie gar nicht existieren. Anders als viele glaubten, haben die Mitarbeiter von „Report“ oder „Monitor“ gar nicht wie der selige Wallraff falsche Bärte angeklebt und recherchierten als verdeckte P-Männer und -Frauen (V-Mann=Verfassungsschutz-Mann und P-Mann=Presse-Mann). Und nun kommen so ein paar Irre Hacker daher (wer kennt den Unterschied zwischen Hacker und Cracker?) und ermöglichen whistleblowern das Publizieren ihrer heimlich entwendeten Dokumente über die Scheinheiligkeit von Politikern, multinationalen Konzernen und die bösartigen Greueltaten zu denen Menschen Menschen treiben.

Und nun? Jetzt überschlagen sich plötzlich alle in der Ansicht, dass ein neues Zeitalter angefangen hätte? Die Masse der Daten, die ins Web gekippt werden sollen nun über den Grad der Freiheit der Menschen entscheiden. Wie immer glauben die Adepten aus dem Lager der Webexperten, dass Quantität (Speicherplatz, Bandbreite, Userzahlen etc) über Freiheit, Erfolg und Demokratie entscheiden. Sie sind damit sehr nahe an den klassischen Verlagen: Reichweite=Leserschaft=Relevanz für Demokratie.

Und in der anschließenden Diskussion purzeln die Begriffe nur so durcheinander. Sind Verleger (Veröffentlicher) wie wikileaks nicht eigentlich die neuen Journalisten? Sind Staaten wie die USA oder Frankreich, die Schwächere schon immer gern via Währungsfonds und Weltbank drangsaliert haben und mit economic hitman Weltgeschichte schreiben, sind solche Staaten eigentlich genauso schlimm wie China, die so ein Verhalten ganz offen und schroff zeigen? Nun die Antworten liegen im WIE. Denn es gibt große Unterschiede, nicht nur wenn man ins Detail guckt. Anders als es Reporter ohne Grenzen mit ihrem Vergleich zwischen USA und China Glauben machen wollen, sind die USA ein Land mit weitgehender bürgerlicher Freiheit und sehr pingelig, wenn es um ihre nationale Souveränität geht. China ist in allem mit einer extremen Art von Kontrollzwang. Aber Details interessieren viele gar nicht, die mal wieder den Teufel am Werk sehen? Es ist verständlich, wenn sie Assange in Schutz nehmen wollen, obwohl ich nicht weiß, ob er wirklich die Lichtgestalt ist, die man aus ihm gemacht hat und an die er jetzt offenbar sogar selber glaubt. Eigentlich wäre es schlau aus den Daten und Informationen Erkenntnisse zu gewinnen. Aber das setzt Wissen voraus und nicht jedes Urteil ist Ausdruck oder Folge von Wissen.

Wissen entsteht nur auf dem Hintergrund dessen, was jeder schon vorher kannte. Angesichts so eines Datentsunamis wie bei wikileaks liest jeder – auch und gerade die Qualitätsjournalisten –  nur das heraus, was ihm oder ihr als fehlendes Puzzle zum vorhandenen Hintergrundwissen passend erscheint.

Es macht also Sinn, das alte Modell des Filesharings namens peer-to-peer heraus zuholen. Ein Peer ist eine Bekannter oder Freund. In den Peer-to-Peer oder P2P-Netzwerken sind Daten immer auf allen angeschlossenen Rechnern gemeinsam gespeichert. Keiner weiß wo eine Datei wirklich liegt und wie oft ihre Kopie bei anderen vorhanden ist. Wie sollten dieses Modell für wikileaks nutzen um dieses tolle Werkzeug nicht in persönlichen Ränkespielen Einzelner zu trivialisieren. Ich kenne Assange nicht, aber das Werkzeug wikileaks sollte aus seinen Händen genommen werden, um ihn und uns zu entlasten. Wie? Es gibt ein tolle Projekt namens dot-p2p dazu, dass wir alle unterstützen sollten: URLs, die auf .p2p enden werden in dieser P2P-Cloud von uns allen gehostet und können nicht mehr von einzelnen Providern abgeschaltet werden. Dies ist erst der Anfang der wahren Diskussion um Netzneutralität, denn es geht um den Ort der Daten: Sie müssen da sein, wo auch das Wissen ist – bei uns allen.


Apr 20 2010

Die Welt zu Gast bei der re:publica10


Vor einem Vierteljahr hat der FAZ-Autor Jauer begonnen, einen Artikel über lächerliche deutsche Blogger zu schreiben. Rechtzeitig zur re:publica10 Mitte April war er dann in Print und online zu lesen. Dass es dort mit der Wahrheit oder der Würde der dargestellten Personen nicht so klappte, mag viele Gründe haben. Vielleicht war es einfach nur Gehorsam gegenüber dem Ressortchef und Herausgeber, dessen aktuelles Buch mysteriöse Verschwörungstheorien über die Auswirkungen von Algorithmen und Computerprognosen verbreitet, über die besagte Blogger öffentlich herzogen. Aber wahrscheinlich sitzt der Stachel sehr viel tiefer.

Roger de Weck warf Schirrmacher ja vor einem guten halben Jahr in den Sternstunden des SF schon vor, dass die FAZ eine enorme Boulevardisierung durchmache. (Das Interview ist übrigens ein herausragendes Dokument über die Argumentationskraft von Schirrmacher) Ich finde es keineswegs verwunderlich, dass bei den Qualitätsmedien die hehren Grundsätze des Journalismus mit Füßen getreten werden. Wer sonst hätte schuld an dem rasenden Untergang einer Branche, die Jahrzehnte über die Gewinnmargen von Autoindustrie und Maschinenbau lächeln konnte. Es müssen doch die Journalisten schuld sein. Wieso sonst werden sie in Heerscharen entlassen und durch freies, günstiges, willfähriges Kanonenfutter aus den überlaufenen Journalistenschulen aufgefüllt.
Sternstunde Philosophie vom 05.07.2009 (Geduld – vor allem ab Minute 20 wird es spannend.)

Aber was kommt nun?

Dankenswerterweise hat Markus Beckedahl seine ehemalige Bloggerkonferenz auf ein neues Niveau gehievt, das genau die neuen Wege des Publizierens von Inhalten sehr umfassend und profund aufzeigte für all diejenigen, die gekommen waren. Die zweite Aufklärung ist in vollem Gang, langsam aber stetig entwickelt das Web eine neue globale Gesellschaft weiter. Offenbar werden einige ausgeschlossen oder schließen sich selber aus. Marcus Jauer weilte gerade in Nepal, deshalb konnte er die Zukunft der vierten Gewalt (heute noch Presse) und den Aufstieg der fünften Gewalt (David Sasaki von globalvoices.org über Social Media) nicht beobachten. Denn außerhalb von unserem qualitätsmedial eng umzäunten Wegen hat die Welt gerade entdeckt, dass man mit Echtzeit-Warnsystemen wie ushahidi ein kaum vorstellbares Potenzial heben kann. Haben früher noch Afrikaner dieses Portal genutzt, um per SMS auf lokale Gewalttaten der Obrigkeit oder Gewalt gegen Frauen in Echtzeit hinzuweisen, ist das System spätestens seit dem Desaster von Haiti als Übersicht für Katastrophenhilfe unabdingbar. Denn dort haben die Hilfesuchenden direkt per SMS gezeigt, welche Hilfe wo gebraucht wurde. Und noch viele andere internationale Gäste aus über 30 Ländern hatten in Berlin die Chance ergriffen, uns rückständigen Netznutzern zu zeigen, wie digitaler Aktivismus helfen kann Gesellschaften zu emanzipieren – sei es in Indien, Afrika, Lateinamerika oder in Osteuropa. Und mit Evgeny Morozov war sogar jemand da, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Direktor einer NGO erlebte, wie man mit neuen Medien den zersplitternden Gesellschaften zu einer Stimme verhilft, die jeder ergreifen kann. Er hat in seinem viel beachteten Vortrag allerdings auch klar gemacht, dass in Russland bereits viele Blogs unterwandert werden von offiziellen Stellen. Sodass die erwünschten Meinungen in den Bürgermedien erscheinen – so wie wir das von unseren parteinahen Medien und Institutionen auch kennen.

War in den früheren Jahren noch ein Braten im eigenen Saft zu verzeichnen, wo ganz nach Jauerscher Manier Personen angegriffen wurden, statt Themen und Prozesse zu diskutieren, war es dieses Jahr ein anderer Wind, der durch die enorm gewachsene Konferenz wehte. Denn im Friedrichstadtpalast, der Kalkscheune und dem Quatsch Comedy Club gaben sich kritische und skeptische Menschen gegenseitig die Mikrofone in die Hand. Nur das es diesmal Leute waren, die wussten, dass es nicht mehr reicht, einfach nur zu kommunizieren und zu kommentieren. Man konnte in vielen Augen lesen, dass der neue Wind aus der Richtung kam, die der Outreach Director von globalvoices.org David Sasaki in einem Satz zusammenfasst: “Not issues but processes.“
Wer ein Beispiel dafür braucht, dass unseren Schulen sofort helfen würde ohne auf die langjährigen inhaltslosen Mantras der Regierung zu warten, der möge sich hier umsehen – ausgerechnet ein amerikanisches Beispiel, wie aus brennenden Themen Prozesse werden. Leider eignen sich dafür nur social media, da die überkommenen Medien seltsame intransparente Initiativen wie ein „Herz für Kinder“ hinbekommen, wo keiner weiß, wer wann wieviel wofür bekommt. Die tradierten Medien sind nämlich nicht selten Teil des Problems Intransparenz.

Nicht mehr Themen stehen im Vordergrund, sondern die Prozesse, die sie anstoßen. Im Interview erklärte Sasaki gegenüber den Netzpiloten, dass wir am Anfang einer Entwicklung seien, die in der Emanzipationstradition steht, die schon mittels des Buchdrucks die Macht des Vatikans zum Einsturz brachte. Es wird dauern, aber die Kontrolle der Demokratie durch die Bürger mittels der neuen Medien wird die Macht der Presse enorm relativieren. Vielleicht spüren das die ehemaligen Hohepriester der Realitätsdeutung in den Verlagsstuben und schicken genau deswegen den Jockel aus, das Fürchten zu lehren.

Fazit

Was seltsam ist: Prof. Kruse spricht von einem Kulturraum, wenn er das Netz beschreibt. Aus meiner Sicht ist es deutlich näher an einem Werkzeug oder präziser ein Werkzeugkoffer, den man nutzen kann. Wir müssen uns bewusst werden, dass globale Kommunikation im Netz den Begriff unserer lokalen Traditionen und Kulturen und die damit zusammenhängenden Aktionen relativiert. Insofern greifen die stupiden Vorwürfe der alten Publikationswelt nicht nur zu kurz sondern enthüllen das Unvermögen, sich auf etwas zuzubewegen, das sich im Wandel befindet. Wir können eigentlich nur lernen, wie andere das Web für sich nutzen. Pembazuka News hat seinerzeit mittels SMS die Wähler befragt, was sie wirklich gewählt haben und dann verglichen mit den jeweiligen Auszählungsergebnissen der Wahllokale. Das haben sogar die Amis von den Afrikanern übernommen, weil sie so etwas wie in Florida bei der vorletzten Wahl absolut ausschließen wollten. Wer stellt sich also hin und bezweifelt begründet die demokratische Potenz. Und das Komplexität mit und ohne Web ein Synonym der Experten für Ich-weiß-nicht-mehr-weiter ist, hat nichts mit der digitalen Revolution zu tun.

Jacques Lacan hat der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts das Spiegelstadium geschenkt. Freud war zu seiner Zeit noch nicht klar, dass der Mensch sich selbst eigentlich vornehmlich über den anderen erfährt. Im Web gibt es sehr viel anderes und Andere. Es ist eine Chance, dadurch viel über sich und über uns zu erfahren. Die Xenophobie, also die Angst vor dem Anderen, Fremden ist zuallerlerst das verdeckte Wissen um das eigene Böse, das man dem Anderen aufprojeziert und hofft, es so los zu werden. Wer auf der republica10 war, wer viel im Netz international unterwegs ist und nicht nur auf den zwei Lieblingsblogs, der wird sich selbst entdecken und standhalten können, weil er soviele Facetten erleben kann. Vielseitige Differenz ist die reife Form der Komplexität. Es ist kein Kulturraum, es sind wir selbst, die es zu entdecken gilt. Das was ich in der FAZ über mich entdecken durfte, stimmte zu fast 30% mit dem überein, was ich in 2,5 Stunden dem Autor erzählt hatte – der Rest war freie Dichtung, Alltagspoesie, Gesinnungslyrik.

Dass ein Kaleidoskop von Ideen und historischen Versatzstücken, die sich im Begriff des Bloggers brechen, gleich zu einer Theorie des Internet stilisiert werden, macht die Ratlosigkeit und Unbeholfenheit der Journalistenschulen gegenüber dem Web offensichtlich. Denn er war sehr jung der Herr Jauer. Er hätte in seiner Ausbildung Grundlagen von Social Media lernen können. Aber er hat nicht in den USA, Asien oder Lateinamerika studiert. So konnte er kaum einordnen, was ich da faselte von Subjektmodellen, Sprechakttheorie und performativer Kommunikation. Übrigens, der bekannte Russe hieß Gurdjieff und war kein Revolutionär. Aber so ist das mit dem Zuhören: Russland – Seltsamer Vogel – Beginn des 20 Jahrhunderts. Da hatte sein Gehirn das bekannte Netz der russischen Revolution schon aufgespannt, um das Memorieren zu vereinfachen. So macht ein gelernter Journalist Kontext: Intentionales Weghören um die passenden Versatzstücke der vorgefundenen Realität in dem eigenen Horizont unterzubringen. Ich verstehe jetzt, worin die Filterfunktion der Qualitätsmedien besteht: Differenzen werden eingeebnet. Heterogenität zu Homogenität umgedichtet. Da finde ich Hollywood deutlich näher am aufklärerischen Ideal und die re:publica wäre dann die reale Instanz solcher Ideen.

Bildnachweis: Jörg Wittkewitz

Crosspost von Netzpiloten.de


Mrz 23 2010

Social Media Management System

Eigentlich widerspricht das Broadcastmodell der Idee von Social Media, dass man einfach eine Nachricht in 1000 Kanäle bläst. Eigentlich widerspricht der Ansatz von social media überhaupt dem aktiven Verteilen einzelner Botschaften an viele, denn die Nutzer sollen selbst dafür sorgen, dass sie das Verteilen übernehmen. Das tun sie natürlich nur, wenn sie den Inhalt verteilenswert finden. Aber die Marketeers wären nicht auf der Welt, wenn es nicht für alles ein Werkzeug gäbe, und so haben sie die Social Media Management Systems ins Leben gerufen. Jeremiah Owyang (Altimeter Group) stellte sie am Freitag auf seiner Seite vor; einige Bekannte sind da vertreten aber auch neue Player.

Hier seine kleine Liste:

Liste der Social Media Management Systems (SMMS)

  • Social Marketing Hub (Awareness Networks) bereits großer Player im Geschäft, der eigene Tools für  Facebook, youtube, flickr und Twitter anbietet
  • CoTweet (Exact Target) ist das Tool, was fast alle PR-Agenturen nutzen, die für mehrere Kunden twittern bzw. alle tweets in deren Namen auswerten
  • Distributed Engagement Channel (DEC ) Content publizieren, tracken und beobachten und Performanceberichte
  • KeenKong Natural Language Processing für twitter und facebook – cool aber nur für englischsprachige Länder sinnvoll.
  • MediaFunnel Facebook und Twitter werden über verschiedene Rollen und Workflows bedient und überwacht.
  • Objective Marketer Diese hier sind mit Social Media Kampagnen und deren Überwachung dick im Geschäft. Was Kamagnen im Social Media bEreich sollen ist mir schleierhaft…
  • SocialTalk Twitter, Facebook, WordPress und MoveableType werden hier bespielt und überwacht – wieder mit Workflow und diversen Planungs/Kontroll-Tools
  • SpredFast Noch einer mit  Collaborative Campaign Management und Planungs/Kontroll-Tools für den social stream
  • Sprinklr Owyang hebt hervor, dass deren Website empfiehlt, die Tools zunächst zum Zuhören (Beobachten) einzusetzen und dann erst zum Verteilen. Klingt irgendwie…na…1000-Mal-gehört, ja das war’s
  • Vitrue: Diese hier können auch mit Facebook und Twitter und haben Planungstools UND können sogar mehrere Seiten bei Facebook bespielen, indem sie sie verbinden…

Ich werde das Ganze weiter beobachten. Es scheint schon jetzt der eigentliche Gedanke des uralten cluetrain in Klump gehauen zu sein. Ein Glück, dass es noch Gonzo Marketing gibt, aber wer hat das schon gelesen. Also wird nun die Social Media Trommel malträtiert bis das Fell reißt oder die Stöcker zerbrechen. Ich gestehe, dass ich es kaum erwarten kann, bis die Karawane weiter gezogen ist…

Crosspost von blogpiloten.de


Mrz 3 2010

Dementia Gelernterensis

Da schau her, eben noch als Counterpart zu Schirrmachers Thesen auf der DLD im Panel “informavore”, heute schon assimiliert in der FAZ bzw. der FAS, der Boulevardausgabe der Frankfurter. Die Verdauung der Ansichten scheint eher einem Schlingen denn genüßlichem Kauen zu ähneln. Worum geht es? In seinem Buch versuchte Schirrmacher das Verhältnis des Menschen zu den digitalisierbaren Informationen, die aus ihm entweichen und in ihn eindringen, zu dokumentieren. Er fokussiert dabei auf die Organisation dieser Informationen, die sich seit Jahr und Tag die Informatiker quasi per Berufsbezeichnung auf die Fahnen geschreiben haben. Schirrmacher folgt ihnen darin und erweitert dieses Feld auf das Internet als Marktplatz und Informationsmaschinengewehr. Im Grunde fordert er einen Waffenschein für diese automatischen Buchstabenwaffen und stößt dabei oft auf Zustimmung manchmal aber auch auf Ablehnung.

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Jan 25 2010

Der Mensch denkt, das Google lenkt

Nachdem Iran seine Revolution (nicht) hatte, Michael Jackson schon länger seine Ruhe genießen darf, ist die Meute der Meinungsbesitzenden weiter gezogen. Da gerade kein Skandal in Sicht war, hat man sich wieder auf die großen Firmen gestürzt, die aufgrund ihrer jüngsten Geschichte am meisten Sediment aufgewirbelt haben. Eine von denen ist das Unternehmen aus Mountain View. Da Google sich überall dort aufhält, wo früher der umherziehende Barde die Geschichten aus 1001 Nacht zum Besten gab, sind das heute die schneidenden Kanten der Medienwelt.


Die Bevölkerung bekommt von Google nichts mit. Weder am Fernseher, noch beim Lesen der Zeitung während des Morgenkaffees noch beim Tatort am Abend. Auch beim Fußball, der Formel 1 oder im Puff gibt es kein Google. Grund genug für viele Schreiber, die marktbeherrschende Stellung des Informationsimperiums in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Und bei diesem leicht anmutenden Thema kommt es dann zu Verwerfungen. Denn die Kalifornier wollen laut eigener Aussagen das Wissen der Welt auf ihren Servern versammeln. Mindestens wollen sie wissen, wo es steht. Sie meinen damit alle Buchstaben, die je ein Mensch in die Tasten gehauen hat, alles Geschreibsel, dass je auf Papier getrocknet ist und zusätzlich alle ASCII-Zeichen dieses Planeten.


Dabei müssen sie natürlich diesen Wunsch finanzieren. Bei genau Betrachtung der Renditen einzelner Industriezweige sind ihnen drei Branchen aufgefallen, die hohe zweistellige Renditen sei Jahrzehnten abwerfen: Medien, Energieanbieter und Banken. Von den Medien haben sie zunächst das Geschäft der Werbung übernommen, um den Grundumsatz der allwissenden Müllhalde zu garantieren. Keiner ahnt, was Hundertschaften von Serverfarmen verfrühstücken – außer Facebook vielleicht. Wenn es aber nicht reicht, alle Websites, die mehr als 100 Besucher am Tag haben, mit Textanzeigen vollzupflastern und die Wegweiser des Internet mit Werbung zu bekleben, dann muss man natürlich dahin, wo noch keine Werbung klebt. Das ist das Handy und jeder Ort wohin es mitgenommen wird. Es wird der Fernseher sein, der Internet anzeigt und mobile Displays am Gürtel, in der Schminktasche, an der Mütze oder am Schuhabsatz.

Und dann? Dann wird Google zum Energieriesen, weil alle glauben, dass Elektroautos der Renner sind. Denn wenn ein paar reiche Familien auf der arabischen Halbinsel mehr als die Hälfte Europas besitzen, nur weil sie ein paar Jahrzehnte lang Öl verkauften, dann wird Google sich um die nächsten Jahrzehnte kümmern. Denn – wie gesagt – der Werbemarkt finanziert nur den Grundumsatz der allwissenden Müllhalde. Selbst denken kann sie erst, wenn das Äquivalent von 12 Atomkraftwerken ein künstliches Gehirn aus 127651726517625172651725617256172651726517265 parallelen 64-Kern-Prozessoren antreiben kann, dann wird Google überhaupt erst die Augen aufschlagen.

Ach, und wenn man via Google mit seinem Handy einen Einkauf mit einem Klick oder Laut seines Besitzers bezahlen kann, werden schon 376 Banken ins Grass gebissen haben wegen des mobile payment.


Und dann schaut uns all das an, was wir nicht geschafft haben, vor Google in Sicherheit zu bringen. So wie die Touristen in den Urlaubszentren beim Schwimmen alte Bekannte wieder finden, die sie nach dem Frühstück verabschiedet hatten. Denn dann fliegt uns all das um die Ohren und Augen, was jemals jemand niedergeschrieben hat. Die Gedanken werden in Muster zerlegt, analysiert, neu verknüpft und als Menschheitswissen für teures Geld an uns zurück verkauft.


Dass viele Verleger und Sender jetzt Probleme mit demjenigen haben, der der natürlich Feind jedes Filterns ist, erscheint klar. Google will alles lesen! Aber dann, wenn Google genau wissen wird, was wir zu jedem gegebenen Zeitpunkt unseres Lebens als Information brauchen werden, dann wird auch den Politikern und den Experten und den Lehrern klar, dass die nächste Zeitrechnung angebrochen sein wird: Nach der Landwirtschaft und der Industrie wird nun die Dienstleistung zu einem exorbitanten Prozentsatz von der allwissenden Müllhalde rationalisiert, koordiniert, geordnet und verordnet werden. Computer werden die Menschen mit Aufgaben betreuen, die ihr Gedächtnis verbessern, sie werden den Menschen Aufgaben geben, die die allwissender Müllhalde nicht allein verrichten kann und am Lebensende werden die Menschen mit Computern und Reaktionsübungen an der Demenz gehindert, die ihnen Linderung über sinnlose Leere ihres Lebens hätte verschaffen können.


Es geht nicht darum, einfach Märkte zu besetzen, die hierarchisch organisierte Firmen aufgrund mediokren Strategiemanagements und mit Zuckerbrot und Peitsche einfach brach liegen lassen. Es geht auch nicht darum, den Politikern und ihren Besitzern aus dem Hoch- und Geldadel einen Strich durch die Rechnung zu machen: Es geht um das ureigene Programm des Guten Menschen: Bring Erleuchtung in jede Hütte. Nur, was Buddha als den mittleren Weg bezeichnete, ist bei Google das Fokussieren auf alles, was Buchstaben hat.


Rettung naht. Die Wissenschaft hat schon längst festgestellt, dass Aufgeschriebenes nichts mit Wissen zu tun hat. Denn der Code der Wörter enthält nur den Teil des Wissens, der von der eigenen Erfahrung, den eigenen Erlebnissen abstrahierbar ist. Die Bedeutung der Wörter erschließt sich also erst, wenn man die historischen gesellschaftlichen Parameter und den persönlichen Zustand des Autors beim Niederschreiben zur aktuellen Situation des Lesens hinzuaddiert. Das ist eine einfach Aufgabe für Menschen. Für Maschinen ist das niemals lösbar, weil ihre Gehirne keine Subjektmodelle selbst entwerfen können. Ihre Aufnahmekapazität ist viel zu groß. Der menschliche Geist kann nicht viel auf einmal wahrnehmen, daher lernt er jeweils nur Differenzen zu dem, was er schon einmal gesehen oder gehört hat. Dies erfordert eine mehrwertige Logik im Rechner. Aktuell können wir davon ausgehen, dass die Computer in ungefähr 2000 Jahren in der Lage sind, so ein wachsendes Modell der Welt in parallem Lernen in Differenzen zu schaffen: Dazu bräuchte man allerdings erst einmal ein taugliches Modell einer mehrwertigen Logik, deren Dimensionen einerseits heterarchisch und andererseits vieldimensional sein müsste. Das könnte die Mathematik sicher in einigen hundert Jahren schaffen. Bis dahin beoachten wir, wie Google den Weg alles Irdischen geht. Erinnern sie sich noch an die Weltherrscher Watson, Edison, Bell, etc. pp.

Bildnachweis: jeltovski

Crosspost von blogiloten.de


Dez 8 2009

Visuelle Suche mit Goggles: Google ist zwei Jahre vor dem Wettbewerb

Die Verlage meckern über ihre mickrigen 10% Gewinn; das sind sie nicht gewöhnt. Google muss wohl schuld sein, dass die Innovationen vieler Verlage keine waren. Wer sonst? Die Kunden vielleicht? Dann müssen sie dafür zahlen – und zwar gesetzlich geschützte Zahlungen wie bei der GEZ müssen es sein. Es geht schließlich um ganze Verlegerdynastien, die sind so etwas wie die Dinosaurier, die muss man pflegen und hegen. Wenn die Asiaten Europa bald zum Touristenparadies erklären, dann hat man was Pittoreskes zum Vorzeigen. Derweil wird Google größer als Mercedes, Ford und EADS zusammen. Wie? Weiterlesen!

Microsoft hat versucht mit bing die Idee von Google etwas zu verbessern. Also haben sie Videos und das social web integriert. Nett. Gute Idee. Aber zukunftsträchtig?

Denn mittlerweile befindet sich das Web in der Hosentasche von Millionen von Nutzern. Das Telefon bringt unter anderen mit der innovativen Telefonnummer zum Mitnehmen (Google Voice) und den vielen location based services à la Gowalla und Foursquare einen echten Mehrwert, weil die Menschen nun ihre Umwelt und ihre Handlungen mit Webfunktionen synchronisieren, dokumentieren und erweitern können. Nicht auszudenken, wenn Flip, iPhone, Zooms H2 und ein DVB-T-Tuner in einem Android Gerät zusammenwachsen…

Mobile Mediamachines. Fehlt nur noch der Anschluß an die Warenwelt, oder?

Was wäre, wenn dazu noch eine Suche käme, die direkt mit den Dingen um uns herum funktioniert. Handy raus, das Weinetikett fotografieren und Googles neue visuelle Suche namens Goggles findet den Anbieter, das Anbaugebiet, einen Laden in der Nähe, der denselben Wein noch billiger anbietet oder sucht den passenden Käse dazu aus. Damit nehmen sie den Fehdehandschuh von Wikitude und Layar auf.

Wer glaubte, dass Google den Zug mit social software verpennt hat, der wird feststellen, dass sie offenbar das Social Web genauso überspringen, wie viele Microsoft Kunden Windows Vista ausgelassen haben. Enterprise 2.0 nehmen sie ja mit Wave noch mit. Macht Sinn die visuelle Suche, denn wenn augmented reality so funktioniert wie Goggles, dann ist das nächste große Rad, Werbung und Empfehlungen To Go im mobilen Web. An dieser Stelle scheint Goggle dann noch deutlich weiter als wikitude und layar. Das dürfte dann noch ein paar Anzeigenmilliarden aus dem Fernsehen ins Web ziehen. Goggle 1.0 hat der Presse die Hosen ausgezogen. Goggles wird das für Radio und TV erledigen. Da macht es auch nichts, wenn Android 2013 die Nummer zwei hinter Symbian wird. Kann helfen. Vielleicht werden sie sogar das iPhone unterstützen – eine zeitlang.

Vorhersage: 2013 wird der Werbemarkt im Fernsehen im Vergleich zu 2008 bei rund 70% liegen. Aber nur dann, wenn die Sender extreme Rabatte einräumen, sonst eher gegen 70%. Meine Damen, halten Sie ihre Hüte fest. Wenn Goggles zum Fliegen kommt, wird es eng. Dann brauchen mehr Medien als nur die Verleger Schutzzölle für ihre Geschäftsmodelle aus dem Jahr 1852.

Dann werden ehemalige Massenmedien zu Medienmanufakturen für Connaisseurs oder sie gehen baden. Außer Springer: iPhone und Android machen sich nicht so gut neben der guten alte Maurermarmelade mit Zwiebeln.

Quelle: android.net


Nov 28 2009

Schirrmacher fordert die Abschaffung der Medien

schirm-backAuf Bild.de findet sich ein Interview mit dem FAZ-Cheffeuilletonisten Schirrmacher, um sein neues Buch anzupreisen. In vielen anderen Artikeln in der On- und Offlinewelt gibt es Rezensionen und sogar im Fernsehen hat er sich in die postbürgerlichen Welten einer Talkshow begeben. Es ist auffällig, dass seine etwas platten und dadurch scheinbar extrem leichtverdaulichen Thesen immer durch einzelne Studien faktiziert werden. Er sucht sich Strömungen in der Gesellschaft und in der postmodernen Anthropologie namens Hirnforschung. Dort pflanzt er seine eigenen Meinungen ein, verallgemeinert sie und sucht immer genau ein bis drei Studien aus den Naturwissenschaften, die seine Thesen belegen mögen. In fast jedem Fall stellt er sich jedoch ein Beinchen oder manchmal sogar eine mehrere hundert Meter hohe Mauer.

Ein Beispiel aus dem BILD-Interview:

BILD: Würden Sie Ihrem Kind erlauben, sein ganzes Leben auf SchülerVZ zu posten?

Schirrmacher: Wenn es ginge, würde ich das verbieten. Das geht aber leider nicht. Deshalb muss man in der Bildung eher darauf achten, dass man ein neues Wissen vermittelt. Ich nenne in dem Buch die Erkenntnisse der amerikanischen Psychologieprofessorin Ellen Langer: Menschen, die für zwei Wochen von allen aktuellen Informationen abgeschieden waren, wurden nachweislich gesünder.

Offenbar ist Schirrmacher im Namen des Herrn unterwegs und verspricht uns heil, wenn er unseren Informationskonsum kritisch analysiert.
Nun. Wenn man dieses Zitat auf seinen Gehalt und dessen Tragweite untersucht, dann hat er mit seinem Buch einen gehörigen Anteil an der Krankheit vieler Menschen beigetragen und macht es mit jedem Artikel und jedem Interview schlimmer. Sogar die zitierte Studie hat Schirrmacher kränker gemacht als er vorher war, enthält sie doch eine enorme Menge an Informationen.

Auf der Rückseite des Buchdeckels findet sich noch ein Hinweis auf die hohe Mission, die den Mann antreibt:

Multitasking ist Körperverletzung.

Apple hat das schon vor Jahren gewusst und deshalb kann das iPhone auch immer nur eine Aufgabe erfüllen. Mehrere Fenster oder Funktionen kann es nicht parallel halten: Entweder telefonieren oder Adressdaten eingeben, entweder twittern oder eine neue Location bei Gowalla anmelden. Mich beschleicht aber ein leiser Zweifel, ob das von Apple als besonderes Feature für die Gesundheit gedacht war. Denn das SchirrmacherPhone gab es schon vor seinem Buch. Aber nun mag es vielleicht auf Krankenschein verschrieben werden für alle Menschen, die von den Nachrichten und tweets ihrer Freunde in den gesundheitlichen Ruin getrieben werden.
Was mir in der Diskussion bisher fehlte, sind die Leute, die schon früher das Telefon klingeln lassen konnten und nicht sofort aufgesprungen sind. Aber zurück zu den Studien.

Ich empfehle nur jedem die „Studien“ der Psychologin Ellen J. Langer genau zu studieren, mit denen Schirrmacher vielen seiner Meinungen einen Schein der Faktizität verleiht.

Ein weiteres Beispiel:

Zwei Gruppen von Menschen werden einige Gegenstände präsentiert: eine Verlängerungsschnur, ein Föhn oder eine Kauspielzeug für Hunde. Unter dem Vorwand, eine Verbraucherstudie durchzuführen, werden Gegenstände gezeigt und benannt. Der einen Gruppe sagt man schlicht den Namen des Artikels, der anderen Gruppe benennt man diese Dinge nicht mit einer eindeutigen Aussage sondern mit einem Satz in der Möglichkeitsform: „Das hier könnte ein Föhn sein“. Dann erhalten die Testpersonen Formulare, die sie ausfüllen sollen und Bleistifte dazu. Beiden Gruppen erklärt man, nach einiger Zeit ganz aufgelöst, dass die Anweisungen falsch gewesen seien und keine Formulare mehr da seien und auch keine Radiergummis. Die zweite Gruppe, die unsichere Zuordnungen vonseiten der Wissenschaftler zu den Dingen bekam, kommt auf die glorreiche Idee, doch das Kauspielzeug als Radiergummi zu nehmen. Die erste Gruppe kommt nicht auf diese Idee. (Langer, Piper, Friedus: The Prevention of Mindlessness, 1987)

Wie deutet Schirrmacher das?

Wir lieben die Eindeutigkeit, denn je stärker sie ist, desto stärker unser Gefühl der Kontrolle. Das ist unsere Art, mit Risiken umzugehen. Wir entwickeln dann Routinen, die denen der Computer ähneln.

Risiko kann man abstrakt als das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses und dessen Konsequenz ansehen unter Bezug auf die Abweichung von den selbst oder fremd gesteckten Zielen. Wer keine Absichten verfolgt, lebt also extrem risikolos. Risiken hängen als sehr davon ab, ob man überhaupt offen ist für die Kontingenz des Lebens. Dieser Begriff aus der Philosophie wird oft mit Zufall übersetzt, bedeutet aber eher die Offenheit des Lebens. Wer sich also dafür öffnet, dass das Leben ihm das eine oder andere gute oder schlechte in den Weg stellt, der wird wenig Risiken eingehen, weil er nur sehr laxe Pläne zur Zukunft entworfen hat. Das hat aber rein gar nichts mit Computern zu tun. Es ist eher ein Frage der persönlichen Einstellungen, die aufgrund vieler verschiedener Komponenten entstehen und sich auch nicht selten ändern.

Dann versucht Schirrmacher seinen Terminus von „unsicherer Information“ als volle analoge Weltsicht, welche dem defizienten (schwachen) Digitalen des Computers überlegen ist, weiter zu stärken. Das Problem bei all diesen Versuchen, naturwissenschaftliche Binsenweisheiten (die gerne alle paar Jahrzehnte über den Haufen geworfen werden) in das kulturelle Leben zu übertragen, liegt darin, dass viele oft nicht verstehen, dass der Computer damals ein Versuch war, die Operationen des Denkens transparent zu machen. Er war ein Modell zum Verstehen der Denkens.

Die höchste Kunst der Antike war die Astronomie, weil sie den Lauf der Gestirne vorhersagen konnte. Also gottähnliche Dinge wie den Tagesanbruch, Sonnenfinsternis oder Wintersonnenwende vorhersagen konnte (Maya, Azteken, Ägypter – sogar die Cro-Magnon-Menschen vor 100.000 Jahren). Diese Prophetie basierte auf Mathematik. Deshalb galt es als ausgemacht, als man „alles“ über die Umwelt wusste, aber nichts über das Denken, dass derjenige, der Rechenoperationen in Maschinen simulieren könnte, derselbe wäre, der die höchste Form des Denkens verstanden hätte.

Dass nun aber nach dem maschinellen Zeitalter (steampunks) das elektronische Zeitalter nicht mit viel und wenig Dampf arbeitete, sondern mit Strom/KeinStrom, dass war eher ein unhintergehbarer Umstand der vorhandenen Technologie und keine freie Entscheidung der Entwickler. Sie wollten noch immer ein Modell des Denkens bauen. Dafür nahmen sie einfach den am besten belegten Gehirnvorgang, das Kalkulieren. Deswegen basieren die modernen Rechenmaschinen aktuell nur auf dem binären Code 0 und 1. Das ist kein Konzept, es ist eine Notwendigkeit. Die Quantencomputer werden auch dreiwertige Logiken zulassen können, möglicherweise sogar sehr viel mehr Grundzustände als drei.

Wenn man nun einen Wellengang eines Tons im Frequenzspektrum mehrere Milliarden Mal pro Sekunde abfragt und in eine Tabelle abträgt dann kann man mit ein bißchen Mathematik die Kurve des analogen Tons digital aufzeichnen als Zahlen und den Ton später wieder mit diesen Zahlen simulieren, ohne dass der Mensch einen Unterschied hört. Die Ungenauigkeit der menschlichen Wahrnehmung ist der Hauptgrund, warum diese Täuschung klappt – und etwas Mathematik. Der Computer liefert nur eine Annäherung an das Original, die uns ausreicht. Er ist mitnichten genau.

Wenn man aber trotzdem die Eindeutigkeit in Schirrmachers Argumentation als Kriterium der unmenschlichen Herrschaft der Computer herausarbeiten will, dann müsste er vor allem eines Tun: Er müsste nachweisen, warum all die vielen Beispiele, die er als Nachweis für seine Eingebungen anführt nur genau die Deutung zulassen, die ihnen angedeihen lässt. Ist nicht sein ganzes Buch voller Eindeutigkeiten? Die digitale Welt der Computer wandelt einfach alle Informationen in Zahlenreihen. Wenn sie sie wieder in wahrnehmbare Töne oder Bilder zurückverwandelt, also von der Festplatte abspielt, dann sind zwischen den gespeicherten Werten unverbundene Löcher, die nur mit mathematischen Gleichungen in einer zufallsgesteuerten Annäherung die Werte zu einem Strom von Tönen verbinden. Das ist mir allemal sympathischer und nachvollziehbarer als ein Schirrmacher, der seine Ideen mit Quasi Messwerten (Studien) speicherbar macht und nachher Querverbindungen herstellt, ohne das Verfahren zu nennen, dessen er sich bedient.

Und genau dieses Verfahren ist es, dass auch die Menschen vor der ungesunden Informationsflut rettet. Es ist das Vermögen sich anzupassen. Manche passen sich so gut an die sich ändernden Verhältnisse an, dass sie viele Nachkommen bekommen. Das hat zur Folge, dass ihre Gene in die nächsten Generationen getragen werden. Es kann sogar sein, dass manche von denen eine besondere Genmutation erlebt haben und deshalb besonders nutzbringend mit bestimmten Entwicklungen umgehen können. Aber das ist keine Generationenfrage sondern eine der individuellen Veranlagung, der Übung und der Robustheit. Auch der grundlegende Zweifel am Glaubensmodell der Zahlenkirche, die in der Statistik ihre Hohepriester weiß, ist kein Nachweis für irgendetwas außer der Entscheidung für eine der Millionen Möglichkeiten, die Welt zu deuten.

Journalisten und Wissenschaftler haben oft eines gemeinsam. Sie sind der Ansicht, dass Informationen, also das Pressen von Gedanken in Schriftcode, einen besonderen Stellenwert in der Überlebensstrategie der Menschheit hat. Das ist aber nicht nachzuweisen. Es ist aber nachzuweisen, dass der Austausch mit anderen in der Gruppe seit dem Neandertaler einen enormen Überlebensvorteil bedeutet. Und das Netz fördert den Austausch mit Menschen. Und wenn man statt per E-Mail nur mit einigen nun per twitter mit Hunderten kommuniziert, kann das den Vorteil stärken oder schwächen. Aber das einfach Herausbrüllen von Meinungen der Wissenschaftler oder Journalisten hat diesen Vorteil nicht und wird deshalb immer nur eine geduldete Form des Ausdrucks sein. Die wahre Kunst und der echte Vorteil ist das Hin und Herr der Informationen zwischen den Menschen. Dort wächst auch die Kultur am schnellsten und am erfolgreichsten.

Wenn Schirrmacher also seine eigenen Deutungen der Studien ernst nähme, müsste er aus humanitären Gründen darauf verzichten, weiter mehr Informationen zu verbreiten. Er könnte mit dem Unterlassen solcher verhinderten Kinderbücher und dem Appell an alle Verleger, die Masse der Informationen auf den Stand von 1920 zurückzuführen einen Beitrag zur Volksgesundheit leisten, der mich dazu veranlassen würde, ihn für das Bundesverdienstkreuz vorzuschlagen.