Apr 5 2020

Die Corona-Gebote

Alle sind schlauer geworden. Manche waren schon vorher schlau. Aber trotzdem gab es Mangel. Viel Mangel: Es fehlte an Schutzkleidung, es fehlten Daten, es fehlte Wissen. Und es fehlte Erfahrung. Aber vor allem taten sich alle schwer damit, Daten, Wissen und Verhalten zu sinnvollen Entscheidungen zusammen zu führen. Einsicht wäre das Gebot der Stunde. Doch wer das weit verbreitete Geschrei nach besseren Zahlen und Statistiken beobachtet, kommt nicht zu Unrecht auf die Idee, dass sich dahinter dieselbe Kontrollillusion verbirgt wie hinter dem Hamstern von Klopapier….

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Sep 11 2011

Cyberdämmerung

Eine global koordinierte Cyberattacke auf das Finanzsystem oder die Stromnetze könnte uns zurück ins 18. Jahrhundert werfen. Die Ursachen sind aber nicht technischer sondern gesellschaftlicher Natur. Hier weiterlesen


Mrz 3 2011

Per Handy bezahlen: NFC

Seit vielen Jahren kann man in Afrika mit dem Handy seine Miete bezahlen, den Deckel bei der örtlichen Kneipe auslösen und sogar Geld an seine Verwandten verteilen. Da die meisten Afrikaner kein Bankkonto haben, wurde auf diese Weise der bargeldlose Zahlungsverkehr via Mobiltelefon eingeführt. Vodafone hatte 2007 mit dem Dienst M-Pesa in Kenia einen Stein ins Rollen gebracht, der leider nie nach Europa kullerte, obwohl er es von Tanzania über Äthiopien bis nach Afghanistan schaffte.

Bereits fünf Jahre zuvor hatten Sony und NXP auf dem lizenzfreien Frequenzband von 13,56 MHz eine andere Idee realisiert, die Near Field Communication. Sie soll nun das mobile Bezahlen bei uns ermöglichen. Die Technologie basiert auf Bluetooth, Smartcard-Chips und den allseits unbeliebten RFID-Chips, die mittlerweile an jedem Kleidungsstück kleben, das wir bei den großen Modeketten der Welt erstehen. Um das Ausspähen der übertragenen Daten zu erschweren, reicht die Übertragung bei NFC allerdings nur maximal 10 Zentimeter weit. Bei einer Übertragungsrate von mehr als 400KBit/sec können so Bezahlvorgänge mit einem schnellen Wischen des Handys oder Smartphones über einen Sender an der Kasse erledigt werden. Aktuell ist bisher nur das Ticketing, also der Kauf von Fahrscheinen per NFC realisiert. Im südfranzösischen Nizza hat man mit Nice Cityzi das einzige flächendeckende Großprojekt realisiert. Dort kann man mehrere Tickets für den öffentlichen Nahverkehr per Mobiltelefon erwerben und dann sukzessive abfahren. Das Handy ist dabei eine Art RFID-Transponder, der, an den Kartenautomaten gehalten, den Fahrpreis anzeigt und auch das Abbuchen vom gespeicherten Betrag auslöst.

Telefone, die keinen eigenen NFC-Chip an Bord haben, könnten in Zukunft mit erweiterten microSD-Karten mit Mini-Antennen aufgewertet werden. Auch mit ihnen kann man dann per Handy Beträge aufladen, abbuchen und Preise anzeigen lassen. Natürlich sind Visa und Mastercard mit ihm Boot und übernehmen das Verteilen und Verwalten der Beträge, da diese Technologie ja eigentlich das gesamte bargeldlose Zahlen per Kreditkarten obsolet machen könnten. So will man früh genug mit im Boot sitzen…

Deutschland ist eigentlich schon weiter: Es gibt hierzulande die berühmten Touchpoints an einigen größeren Bahnhöfen, wo man bei Fahrtantritt und beim Aussteigen sozusagen auscheckt, also jeweils sein Mobiltelefon mit NFC-Chip dran hält, aber das System wird nicht besonders umfassend beworben und es gilt auch nur für einige Strecken (touch & travel). Abgerechnet wird dann monatlich per Kreditkarte. Bei Kontrollen des Zugpersonals hält man das Handy einfach in die Nähe das Kontrollgeräts des Schaffners. Aber für den Übergang arbeitet die Bahn jetzt auch mit QR-Barcodes an den einzelnen Bahnhöfen. So sollen auch aktuell iPhones in den Genuss des bargeldlosen Ticketkaufs kommen. Aber abgesehen von den Bodenseefähren in Friedrichshafen und einigen experimentellen Installationen gibt es in Deutschland keine weiteren NFC-Lösungen.

Das neue Google Nexus S auf der Basis von Samsungs mobilem Flaggschiff wird einen NFC-Chip eingepflanzt bekommen. So hat Eric Schmidt von Google auf dem Mobile World Congress (MWC) auch großes Interesse an dieser Technologie angemeldet, da auf diese Weise endlich der Kontext von mobiler Werbung und dem Kaufvorgang näher rücke. Erkennbar ist dies auch daran, dass das neue Android 2.3 die NFC-Technologie nativ unterstützt.

In Barcelona auf dem MWC verriet die Telekom ihre Zukunftsvorhaben in Sachen mobiles Telefonieren. Dabei wurde auch deutlich, dass Samsung und Apple mit dem iPhone 5 auch auf NFC setzen werden. Zum Ein- und Auschecken in Hotels, Flughäfen und Restaurants via Gowalla, Latitude, Plazes und Foursquare gesellen sich also bald allerlei Boutiquen und Läden. Dann wachsen Location-Based-Services und Kreditkartendienstleister zusammen. Big Brother hätte seine helle Freude. Ob und wie vodafone daran denkt sein eingeführtes und erfolreiches M-Pesa-System mit NFC zu verbinden, steht in den Sternen. Aber es scheint klar, dass alle Mobiltelefone der nächsten Generation mit NFC-Chips auf den Markt kommen werden.


Okt 6 2010

Startbahn Mitte #s21

Jetzt ist es passiert. Viele Politiker erleben am Beispiel Stuttgarter Hauptbahnhof (S21) zum allerersten Mal live und in Farbe, wie Demokratie funktioniert. Das Volk versucht zu herrschen und die Volksvertreter belehren das Volk darüber, wie die wahren Verhältnisse sind. Denn die Mitglieder des Volkes sind verwöhnt, gewaltbereit, unanständig, uneinsichtig, verbohrt und grundsätzlich diffamierend all jenen gegenüber, die anderer Meinung sind.

Genau deswegen hat sich auch das verbohrte Volk gegen die Eingaben der Politiker durchgesetzt, dass die AKW-Betreiber einen Teil der Staatsschulden bezahlen müssen, wenn sie weiterhin marode Atommeiler betreiben wollen. Genau deswegen hat das gewaltbereite Volk auch gegen unzählige Demos der Politiker den Einsatz in Afghanistan von einem humanen zu einem militärischen Einsatz umgewidmet. Und deshalb werden auch vom uneinsichtigen Volk gegen den Willen der rechtschaffenen Politiker Hunderte Milliarden Steuergelder in öffentliche Banken gepumpt, damit deren Gläubiger ihr Geld wieder bekommen.

Und deshalb wird ein großer Teil der Milliarden, die der Staat für den Ausbau des bundesdeutschen Schienennetzes bereithält in den Ausbau des Stuttgarter Bahnhofs fließen. Wer will schon, dass die großen bestehenden Strecken gewartet werden, die aktuell unter den Jahren der Ignoranz und der Belastung ächzen.

So könnte man anfangen. Aber in Wirklichkeit geht es noch nicht mal um den Skandal, dass wenig fachlich Begründetes für diese St.-Florians-Begießung in Stuttgart spricht. Es geht um die Mitte…

Seit der große Hannoveraner und fast alkoholkranke Verfechter der lupenreinen Demokratie seine Partei in die Mitte der Gesellschaft führte, war die CDU/CSU in Duldungsstarre. Als er dann zufällig in einen bequemen russischen Posten verklappt war, besann man sich dieser bürgerlichen Mitte und klebte fürderhin das Copyright-C der CDU an den Begriff der Mitte©. Die wollte man adressieren.

In Stuttgart hat man sie sozusagen volles Rohr… getroffen. Schüler, Rentner, CDU-Wähler, ein paar verirrte und ewiggestrige Müslifresser und eben eine große Menge ganz normaler Bürger der Schwäbischen Metropole. Nicht lachen. Wenn es keine Metropole wäre, würde man ja keine Paris-Budapest-Magistrale dadurch bauen.

Da man verdiente polizeiliche Demonstrationsprofis aus den angrenzende Nachbarbundesländern samt Weihwasserwerfer eingeworben hatte, führten die sich auf wie Söldner das eben so tun. Man kann spekulieren, ob das Zufall, Kalkül oder klare Strategie war. Angesichts der wachsenden Kosten, die für S21 budgetiert werden, muss man davon ausgehen, dass die Expertise so gering ist, dass primäre Kenndaten wie Kosten oder eben das Verhalten der Polizisten nur geschätzt werden können von der Obrigkeit, da man ja nie genau wissen kann, wie das was man plant eigentlich überhaupt passieren kann. Deshlab hat man ja diese vielen hocbezahlten Berater, Finanzplaner, Strategieorganistoren und Durchführungsexperten: Damit man später, wenn das Unausprechliche eingetreten ist, mit dem Finger auf sie zeigen kann.

In der Welt der Berufsdemokraten, also der gewählten Politiker, nennt man dies Teilhabe an der Macht.

Und die Bevölkerung soll sich nicht noch einmal dabei erwischen lassen, dass sie Entscheidungen beeinflussen will. Denn Macht ist laut Joschka Fischer, dem großen jovialen Demokraten und liebevollen Gutmenschen, das Treffen von harten Entscheidungen, die auch mal gegen einen selbst gerichtet sein können.

Liebe Stuttgarter, ihr versteht das zwar nicht, aber die CDU will die Mitte treffen. Das ist eine parteipolitische Strategie. Und wenn man dabei mal hart gegen sich selbst ist, also gegen das Volk, dann ist das einfach eine unausweichliche Nebenwirkung der Macht, die ihr den Politikern verleiht. Nehmt das nicht persönlich, das ist wie mit den Pillen der Pharmaindustrie: Eine Pille ohne Nebenwirkungen ist ein Placebo. Nur bittere Medizin hilft auch. Wenn ihr die Politiker endlich ernst nehmt, dann werdet ihr das auch verstehen. Ihr müsst Euch verletzten lassen, damit ihr geheilt werdet von der Wohlstandsverwöhnung. Schaut mal, die Finanzkrise hat euch in Gestalt der Banken schon ganz viel von dem schädlichen Wohlstand weggenommen. Und die Deutsche Bahn nimmt Euch auch einen großen Teil von der Last weg. Dass dabei Eure Bürgerrechte und die alten Bäume im Schlosspark mit Reizgas, Füßen und Worten getreten werden ist Teil der Heilung. Effektiver wäre es, einfach die Mehrwertsteuer auf 50% zu erhöhen und alle übrigen Steuerentlastungen zu kürzen. Aber das kommt dann auch noch. Wenn der Bundestag aus 6.000 Abgeordneten besteht und die Landesadministrationen auf dieselbe Größe wie die Diakonie und die Caritas aufgebläht worden sind. Erst wenn der letzte Bürger verarmt, wenn der letzte Taler für Polizeimaßnahmen ausgegeben und die letzte Abgabe in der 1001. Entschuldung der Deutschen Bahn verschwunden ist, werdet ihr merken, dass der Ölpreis bei 4 Euro liegt. Und dann haben all wieder einen gemeinsamen Feind, den bösen Ausländer, der sich am Öl, Gas, Gold, Diamanten, Silber, Erz, XYZ bereichert!

Ach ja, nach der Startbahn West kamen dann die Grünen erstmals in die Regierung in Hessen. Nur mal so als Hinweis, welche Partei den nächsten Bundeskanzler stellen könnte, nachdem die Grünen stärkste Kraft in BaWü geworden sein werden.

Bildnachweis: cymaphore

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Apr 20 2010

Die Welt zu Gast bei der re:publica10


Vor einem Vierteljahr hat der FAZ-Autor Jauer begonnen, einen Artikel über lächerliche deutsche Blogger zu schreiben. Rechtzeitig zur re:publica10 Mitte April war er dann in Print und online zu lesen. Dass es dort mit der Wahrheit oder der Würde der dargestellten Personen nicht so klappte, mag viele Gründe haben. Vielleicht war es einfach nur Gehorsam gegenüber dem Ressortchef und Herausgeber, dessen aktuelles Buch mysteriöse Verschwörungstheorien über die Auswirkungen von Algorithmen und Computerprognosen verbreitet, über die besagte Blogger öffentlich herzogen. Aber wahrscheinlich sitzt der Stachel sehr viel tiefer.

Roger de Weck warf Schirrmacher ja vor einem guten halben Jahr in den Sternstunden des SF schon vor, dass die FAZ eine enorme Boulevardisierung durchmache. (Das Interview ist übrigens ein herausragendes Dokument über die Argumentationskraft von Schirrmacher) Ich finde es keineswegs verwunderlich, dass bei den Qualitätsmedien die hehren Grundsätze des Journalismus mit Füßen getreten werden. Wer sonst hätte schuld an dem rasenden Untergang einer Branche, die Jahrzehnte über die Gewinnmargen von Autoindustrie und Maschinenbau lächeln konnte. Es müssen doch die Journalisten schuld sein. Wieso sonst werden sie in Heerscharen entlassen und durch freies, günstiges, willfähriges Kanonenfutter aus den überlaufenen Journalistenschulen aufgefüllt.
Sternstunde Philosophie vom 05.07.2009 (Geduld – vor allem ab Minute 20 wird es spannend.)

Aber was kommt nun?

Dankenswerterweise hat Markus Beckedahl seine ehemalige Bloggerkonferenz auf ein neues Niveau gehievt, das genau die neuen Wege des Publizierens von Inhalten sehr umfassend und profund aufzeigte für all diejenigen, die gekommen waren. Die zweite Aufklärung ist in vollem Gang, langsam aber stetig entwickelt das Web eine neue globale Gesellschaft weiter. Offenbar werden einige ausgeschlossen oder schließen sich selber aus. Marcus Jauer weilte gerade in Nepal, deshalb konnte er die Zukunft der vierten Gewalt (heute noch Presse) und den Aufstieg der fünften Gewalt (David Sasaki von globalvoices.org über Social Media) nicht beobachten. Denn außerhalb von unserem qualitätsmedial eng umzäunten Wegen hat die Welt gerade entdeckt, dass man mit Echtzeit-Warnsystemen wie ushahidi ein kaum vorstellbares Potenzial heben kann. Haben früher noch Afrikaner dieses Portal genutzt, um per SMS auf lokale Gewalttaten der Obrigkeit oder Gewalt gegen Frauen in Echtzeit hinzuweisen, ist das System spätestens seit dem Desaster von Haiti als Übersicht für Katastrophenhilfe unabdingbar. Denn dort haben die Hilfesuchenden direkt per SMS gezeigt, welche Hilfe wo gebraucht wurde. Und noch viele andere internationale Gäste aus über 30 Ländern hatten in Berlin die Chance ergriffen, uns rückständigen Netznutzern zu zeigen, wie digitaler Aktivismus helfen kann Gesellschaften zu emanzipieren – sei es in Indien, Afrika, Lateinamerika oder in Osteuropa. Und mit Evgeny Morozov war sogar jemand da, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Direktor einer NGO erlebte, wie man mit neuen Medien den zersplitternden Gesellschaften zu einer Stimme verhilft, die jeder ergreifen kann. Er hat in seinem viel beachteten Vortrag allerdings auch klar gemacht, dass in Russland bereits viele Blogs unterwandert werden von offiziellen Stellen. Sodass die erwünschten Meinungen in den Bürgermedien erscheinen – so wie wir das von unseren parteinahen Medien und Institutionen auch kennen.

War in den früheren Jahren noch ein Braten im eigenen Saft zu verzeichnen, wo ganz nach Jauerscher Manier Personen angegriffen wurden, statt Themen und Prozesse zu diskutieren, war es dieses Jahr ein anderer Wind, der durch die enorm gewachsene Konferenz wehte. Denn im Friedrichstadtpalast, der Kalkscheune und dem Quatsch Comedy Club gaben sich kritische und skeptische Menschen gegenseitig die Mikrofone in die Hand. Nur das es diesmal Leute waren, die wussten, dass es nicht mehr reicht, einfach nur zu kommunizieren und zu kommentieren. Man konnte in vielen Augen lesen, dass der neue Wind aus der Richtung kam, die der Outreach Director von globalvoices.org David Sasaki in einem Satz zusammenfasst: “Not issues but processes.“
Wer ein Beispiel dafür braucht, dass unseren Schulen sofort helfen würde ohne auf die langjährigen inhaltslosen Mantras der Regierung zu warten, der möge sich hier umsehen – ausgerechnet ein amerikanisches Beispiel, wie aus brennenden Themen Prozesse werden. Leider eignen sich dafür nur social media, da die überkommenen Medien seltsame intransparente Initiativen wie ein „Herz für Kinder“ hinbekommen, wo keiner weiß, wer wann wieviel wofür bekommt. Die tradierten Medien sind nämlich nicht selten Teil des Problems Intransparenz.

Nicht mehr Themen stehen im Vordergrund, sondern die Prozesse, die sie anstoßen. Im Interview erklärte Sasaki gegenüber den Netzpiloten, dass wir am Anfang einer Entwicklung seien, die in der Emanzipationstradition steht, die schon mittels des Buchdrucks die Macht des Vatikans zum Einsturz brachte. Es wird dauern, aber die Kontrolle der Demokratie durch die Bürger mittels der neuen Medien wird die Macht der Presse enorm relativieren. Vielleicht spüren das die ehemaligen Hohepriester der Realitätsdeutung in den Verlagsstuben und schicken genau deswegen den Jockel aus, das Fürchten zu lehren.

Fazit

Was seltsam ist: Prof. Kruse spricht von einem Kulturraum, wenn er das Netz beschreibt. Aus meiner Sicht ist es deutlich näher an einem Werkzeug oder präziser ein Werkzeugkoffer, den man nutzen kann. Wir müssen uns bewusst werden, dass globale Kommunikation im Netz den Begriff unserer lokalen Traditionen und Kulturen und die damit zusammenhängenden Aktionen relativiert. Insofern greifen die stupiden Vorwürfe der alten Publikationswelt nicht nur zu kurz sondern enthüllen das Unvermögen, sich auf etwas zuzubewegen, das sich im Wandel befindet. Wir können eigentlich nur lernen, wie andere das Web für sich nutzen. Pembazuka News hat seinerzeit mittels SMS die Wähler befragt, was sie wirklich gewählt haben und dann verglichen mit den jeweiligen Auszählungsergebnissen der Wahllokale. Das haben sogar die Amis von den Afrikanern übernommen, weil sie so etwas wie in Florida bei der vorletzten Wahl absolut ausschließen wollten. Wer stellt sich also hin und bezweifelt begründet die demokratische Potenz. Und das Komplexität mit und ohne Web ein Synonym der Experten für Ich-weiß-nicht-mehr-weiter ist, hat nichts mit der digitalen Revolution zu tun.

Jacques Lacan hat der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts das Spiegelstadium geschenkt. Freud war zu seiner Zeit noch nicht klar, dass der Mensch sich selbst eigentlich vornehmlich über den anderen erfährt. Im Web gibt es sehr viel anderes und Andere. Es ist eine Chance, dadurch viel über sich und über uns zu erfahren. Die Xenophobie, also die Angst vor dem Anderen, Fremden ist zuallerlerst das verdeckte Wissen um das eigene Böse, das man dem Anderen aufprojeziert und hofft, es so los zu werden. Wer auf der republica10 war, wer viel im Netz international unterwegs ist und nicht nur auf den zwei Lieblingsblogs, der wird sich selbst entdecken und standhalten können, weil er soviele Facetten erleben kann. Vielseitige Differenz ist die reife Form der Komplexität. Es ist kein Kulturraum, es sind wir selbst, die es zu entdecken gilt. Das was ich in der FAZ über mich entdecken durfte, stimmte zu fast 30% mit dem überein, was ich in 2,5 Stunden dem Autor erzählt hatte – der Rest war freie Dichtung, Alltagspoesie, Gesinnungslyrik.

Dass ein Kaleidoskop von Ideen und historischen Versatzstücken, die sich im Begriff des Bloggers brechen, gleich zu einer Theorie des Internet stilisiert werden, macht die Ratlosigkeit und Unbeholfenheit der Journalistenschulen gegenüber dem Web offensichtlich. Denn er war sehr jung der Herr Jauer. Er hätte in seiner Ausbildung Grundlagen von Social Media lernen können. Aber er hat nicht in den USA, Asien oder Lateinamerika studiert. So konnte er kaum einordnen, was ich da faselte von Subjektmodellen, Sprechakttheorie und performativer Kommunikation. Übrigens, der bekannte Russe hieß Gurdjieff und war kein Revolutionär. Aber so ist das mit dem Zuhören: Russland – Seltsamer Vogel – Beginn des 20 Jahrhunderts. Da hatte sein Gehirn das bekannte Netz der russischen Revolution schon aufgespannt, um das Memorieren zu vereinfachen. So macht ein gelernter Journalist Kontext: Intentionales Weghören um die passenden Versatzstücke der vorgefundenen Realität in dem eigenen Horizont unterzubringen. Ich verstehe jetzt, worin die Filterfunktion der Qualitätsmedien besteht: Differenzen werden eingeebnet. Heterogenität zu Homogenität umgedichtet. Da finde ich Hollywood deutlich näher am aufklärerischen Ideal und die re:publica wäre dann die reale Instanz solcher Ideen.

Bildnachweis: Jörg Wittkewitz

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Mrz 23 2010

Social Media Management System

Eigentlich widerspricht das Broadcastmodell der Idee von Social Media, dass man einfach eine Nachricht in 1000 Kanäle bläst. Eigentlich widerspricht der Ansatz von social media überhaupt dem aktiven Verteilen einzelner Botschaften an viele, denn die Nutzer sollen selbst dafür sorgen, dass sie das Verteilen übernehmen. Das tun sie natürlich nur, wenn sie den Inhalt verteilenswert finden. Aber die Marketeers wären nicht auf der Welt, wenn es nicht für alles ein Werkzeug gäbe, und so haben sie die Social Media Management Systems ins Leben gerufen. Jeremiah Owyang (Altimeter Group) stellte sie am Freitag auf seiner Seite vor; einige Bekannte sind da vertreten aber auch neue Player.

Hier seine kleine Liste:

Liste der Social Media Management Systems (SMMS)

  • Social Marketing Hub (Awareness Networks) bereits großer Player im Geschäft, der eigene Tools für  Facebook, youtube, flickr und Twitter anbietet
  • CoTweet (Exact Target) ist das Tool, was fast alle PR-Agenturen nutzen, die für mehrere Kunden twittern bzw. alle tweets in deren Namen auswerten
  • Distributed Engagement Channel (DEC ) Content publizieren, tracken und beobachten und Performanceberichte
  • KeenKong Natural Language Processing für twitter und facebook – cool aber nur für englischsprachige Länder sinnvoll.
  • MediaFunnel Facebook und Twitter werden über verschiedene Rollen und Workflows bedient und überwacht.
  • Objective Marketer Diese hier sind mit Social Media Kampagnen und deren Überwachung dick im Geschäft. Was Kamagnen im Social Media bEreich sollen ist mir schleierhaft…
  • SocialTalk Twitter, Facebook, WordPress und MoveableType werden hier bespielt und überwacht – wieder mit Workflow und diversen Planungs/Kontroll-Tools
  • SpredFast Noch einer mit  Collaborative Campaign Management und Planungs/Kontroll-Tools für den social stream
  • Sprinklr Owyang hebt hervor, dass deren Website empfiehlt, die Tools zunächst zum Zuhören (Beobachten) einzusetzen und dann erst zum Verteilen. Klingt irgendwie…na…1000-Mal-gehört, ja das war’s
  • Vitrue: Diese hier können auch mit Facebook und Twitter und haben Planungstools UND können sogar mehrere Seiten bei Facebook bespielen, indem sie sie verbinden…

Ich werde das Ganze weiter beobachten. Es scheint schon jetzt der eigentliche Gedanke des uralten cluetrain in Klump gehauen zu sein. Ein Glück, dass es noch Gonzo Marketing gibt, aber wer hat das schon gelesen. Also wird nun die Social Media Trommel malträtiert bis das Fell reißt oder die Stöcker zerbrechen. Ich gestehe, dass ich es kaum erwarten kann, bis die Karawane weiter gezogen ist…

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Mrz 17 2010

Berater-Gefasel: In den 80ern Chaos – heute Komplexität

Kaum hat jemand erfolgreich das Thema Banken und Finanzkrise aus der Öffentlichkeit entfernt, springen auch schon die ersten virtuosen Faselmeister in die offen stehende Bresche. Es dauert für den Steuerzahler mindestens 20 Jahre, um die Schäden der Bankenkrise abzuzahlen. Schon heute verdienen die meisten Banken wieder fast soviel wie vor der Krise. Und sie haben jetzt ein bombensicheres Risikomanagement. Den Staat. Und nun treten die großen Namen auf den Plan und beginnen das große Einpeitschen wie seinerzeit als das libertäre Mantra des staatlichen Rückzugs auf allen Kanälen erklang. Der Erste, der sich aus den Büschen traut, ist der allseits beliebte Fredmund Malik, Gründer und Leiter des Malik Management-Beratungsunternehmens in St. Gallen. Auf die Frage im Interview auf buchreport.de, ob die aktuellen Bedingungen den Rahmen für Managemententscheidungen ändern, antwortet er mit einem dreifachen “Komplexität”.

Ein Mega-Trend ist die Komplexifizierung der Welt, d.h. das Entstehen der neuen Welt hochdynamischer Systeme und der Komplexitätsgesellschaft. Das bedeutet das Ende von Gewissheit, Vorhersehbarkeit und herkömmlichen Mitteln der Unternehmenslenkung.

Aha. Was genau war wann eine Gewissheit? Gab es jemals irgendjemanden, der im ökonomischen Umfeld Gewissheiten erkannt hatte? Würde das den Primat der Wahrscheinlichkeitstheorie erklären? Würde das die Binse erklären, die da sagt, der Aktienmarkt besteht zu 50% aus Psychologie? Wenn Märkte jemals vorhersehbar gewesen wären, wären wir alle Risikokapitalgeber gewesen, weil es nie ein Risiko gegeben hätte. Herkömmliche Mittel der Unternehmenslenkung werden immer dann abgeschafft, wenn neue Vorstände berufen werden. Die Unternehmenskultur einer Firma ändert sich ständig aber immer nur im Zeitlupentempo. Firmen lassen sich ähnlich lenken wie große Containerschiffe, jede Lenkbewegung wird erst mit enormer Verzögerung eine Wirkung zeigen – außer Entlassungen. Mit Verlaub, diese Erklärung ist weitgehend inhaltsleer. Deshalb wird er offenbar nochmal formuliert:

Ein weiterer Mega-Trend ist die Entstehung gänzlich neuer komplexitätsgerechter Lenkungs-, Leitung- und Führungssysteme für Organisationen.

Wirklich spannend, wird es dann in einem kleinen Zusatz, der eine postdemokratische und posthabermasche Grundhaltung verrät:

Der kleinste gemeinsame Nenner und diesem entsprechende Kompromisse genügen heute nur noch selten für die Lösung politischer Probleme.

Kaum fragt man jemanden nach Managemenentscheidungen, schon landet er bei der Politik. Man versteht langsam, warum die teuren PR-Agenturen, die man uns als politische Parteien verkauft, längst auf internationale Anwaltskanzleien zurückgreifen müssen. Denn Managemententscheidungen sind offenbar neuen Gesetze. Man nennt das auch “profit by regulation”. Die Verlage führen das gerade mit dem Leistungsschutzrecht an allen deutschen Bühnen auf.

Wirtschaft und Gesellschaft gehen durch eine Periode des vielleicht tiefgreifendsten Wandels, den es je gab. Die aktuelle Krise, in ihrer Natur weitgehend missverstanden, sind die Geburtswehen der neuen Welt.

Und was glaubt der geneigte Leser, was movens und agens dieser neuen Welt sind?

Der wichtigste Treiber des Wandels ist die immense Komplexität der vernetzten Systeme, die rund um die Welt ihre Dynamik entfalten.

Wenn jemand mehrfach auf multikausale Zusammenhänge eines ganzen Konglomerats an Teilproblemen angesprochen wird und permanent mit einem einzelnen Begriff antwortet, der auch noch derart schwammig ist, wie der der Komplexität, dann wird es Zeit, genauer hinzusehen. Der Begriff erklärt sich aus einem Modell der gesamten Welt, das man aus der Biologie entlehnt hatte. Dort führte man das große Gesamte unserer bekannten Welt, also Natur und Kultur auf Elemente und Strukturen zurück, die durch ein Etwas organisiert werden. Man erkennt daran, dass die Erklärungspotenz dieses Modells vor allem daran scheitert, dass schnell sehr viele Elemente und Strukturen zusammengefasst werden. Kategorienfehler bleiben nicht aus und was noch bedeutsamer ist, die Organisation als wichtigstes, weil ordnendes Moment kann ab einer bestimmten Menge an Elementen und Strukturen gar nicht mehr erkannt, ermessen oder in Relation gesetzt werden. Genau dann spricht man von Komplexität. Man könnte also sagen, dass die Theorie der Systeme die Grenze ihres Erklärungshorizonts im diffusen Begriff der Komplexität zur Stärke umdefiniert.

Daher erklärt sich auch, dass Komplexität je nach Wissenschaftsgebiet oder Forscher völlig unterschiedlich definiert und begriffen wird. Es scheint sich dabei eher um eine Art Glaubenscredo zu handeln. In der Wirtschaftstheorie ist Komplexitätsmanagement der Einbruch der Historie, also der Zeitleiste in das Lenkunsggeschehen, denn man erkennt darin ein Modell der Dynamik, das in der Philosophie schon lange Kontingenz heißt. Und dieses ist nichts anderes als das Eingeständnis, dass man kausale Zusammenhänge eher als zufällig denn als erklärbar darstellt. Schlichte Menschen, die nicht 5000€-Tagessatz verdienen nennen dies Ungewissheit.

Auf dieser Basis der Ungewissheit rät Malik der Medienbranche zu Folgendem:

Die Herausforderung auf einen Satz gebracht und keineswegs nur für die Medienbranche: Doppelt so gut funktionieren – mit der Hälfte des Geldes. Für herkömmliches Denken ist das zwar unvorstellbar, aber es entspricht im Kern den Leistungsfortschritten in vielen anderen Bereichen, z. B. in Technik und Medizin. Wer etwa in Kategorien des früheren Telefons denkt, wird die Welt des Handys nicht für möglich halten. Das Unmögliche von heute ist häufig der selbstverständliche Standard von morgen.

Ich denke, dass das geistige Niveau meiner Leser an dieser Stelle um einige Größeneinheiten unterschritten wird. Ich freue mich, dass Herr Malik ab jetzt die doppelte Zeit für die Hälfte des früheren Honorars arbeitet (also zwei Tage arbeiten für einen halben Tagessatz). Aber ich befürchte, dass eine Übertragung dieser genialen Idee an der Wirklichkeit scheitert. Wenn das ein berühmter Managementpapst öffentlich verbreiten läßt, dann ist klar, warum es aktuell so ist, wie es ist.

Bildnachweis: flickr

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Jan 25 2010

Der Mensch denkt, das Google lenkt

Nachdem Iran seine Revolution (nicht) hatte, Michael Jackson schon länger seine Ruhe genießen darf, ist die Meute der Meinungsbesitzenden weiter gezogen. Da gerade kein Skandal in Sicht war, hat man sich wieder auf die großen Firmen gestürzt, die aufgrund ihrer jüngsten Geschichte am meisten Sediment aufgewirbelt haben. Eine von denen ist das Unternehmen aus Mountain View. Da Google sich überall dort aufhält, wo früher der umherziehende Barde die Geschichten aus 1001 Nacht zum Besten gab, sind das heute die schneidenden Kanten der Medienwelt.


Die Bevölkerung bekommt von Google nichts mit. Weder am Fernseher, noch beim Lesen der Zeitung während des Morgenkaffees noch beim Tatort am Abend. Auch beim Fußball, der Formel 1 oder im Puff gibt es kein Google. Grund genug für viele Schreiber, die marktbeherrschende Stellung des Informationsimperiums in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Und bei diesem leicht anmutenden Thema kommt es dann zu Verwerfungen. Denn die Kalifornier wollen laut eigener Aussagen das Wissen der Welt auf ihren Servern versammeln. Mindestens wollen sie wissen, wo es steht. Sie meinen damit alle Buchstaben, die je ein Mensch in die Tasten gehauen hat, alles Geschreibsel, dass je auf Papier getrocknet ist und zusätzlich alle ASCII-Zeichen dieses Planeten.


Dabei müssen sie natürlich diesen Wunsch finanzieren. Bei genau Betrachtung der Renditen einzelner Industriezweige sind ihnen drei Branchen aufgefallen, die hohe zweistellige Renditen sei Jahrzehnten abwerfen: Medien, Energieanbieter und Banken. Von den Medien haben sie zunächst das Geschäft der Werbung übernommen, um den Grundumsatz der allwissenden Müllhalde zu garantieren. Keiner ahnt, was Hundertschaften von Serverfarmen verfrühstücken – außer Facebook vielleicht. Wenn es aber nicht reicht, alle Websites, die mehr als 100 Besucher am Tag haben, mit Textanzeigen vollzupflastern und die Wegweiser des Internet mit Werbung zu bekleben, dann muss man natürlich dahin, wo noch keine Werbung klebt. Das ist das Handy und jeder Ort wohin es mitgenommen wird. Es wird der Fernseher sein, der Internet anzeigt und mobile Displays am Gürtel, in der Schminktasche, an der Mütze oder am Schuhabsatz.

Und dann? Dann wird Google zum Energieriesen, weil alle glauben, dass Elektroautos der Renner sind. Denn wenn ein paar reiche Familien auf der arabischen Halbinsel mehr als die Hälfte Europas besitzen, nur weil sie ein paar Jahrzehnte lang Öl verkauften, dann wird Google sich um die nächsten Jahrzehnte kümmern. Denn – wie gesagt – der Werbemarkt finanziert nur den Grundumsatz der allwissenden Müllhalde. Selbst denken kann sie erst, wenn das Äquivalent von 12 Atomkraftwerken ein künstliches Gehirn aus 127651726517625172651725617256172651726517265 parallelen 64-Kern-Prozessoren antreiben kann, dann wird Google überhaupt erst die Augen aufschlagen.

Ach, und wenn man via Google mit seinem Handy einen Einkauf mit einem Klick oder Laut seines Besitzers bezahlen kann, werden schon 376 Banken ins Grass gebissen haben wegen des mobile payment.


Und dann schaut uns all das an, was wir nicht geschafft haben, vor Google in Sicherheit zu bringen. So wie die Touristen in den Urlaubszentren beim Schwimmen alte Bekannte wieder finden, die sie nach dem Frühstück verabschiedet hatten. Denn dann fliegt uns all das um die Ohren und Augen, was jemals jemand niedergeschrieben hat. Die Gedanken werden in Muster zerlegt, analysiert, neu verknüpft und als Menschheitswissen für teures Geld an uns zurück verkauft.


Dass viele Verleger und Sender jetzt Probleme mit demjenigen haben, der der natürlich Feind jedes Filterns ist, erscheint klar. Google will alles lesen! Aber dann, wenn Google genau wissen wird, was wir zu jedem gegebenen Zeitpunkt unseres Lebens als Information brauchen werden, dann wird auch den Politikern und den Experten und den Lehrern klar, dass die nächste Zeitrechnung angebrochen sein wird: Nach der Landwirtschaft und der Industrie wird nun die Dienstleistung zu einem exorbitanten Prozentsatz von der allwissenden Müllhalde rationalisiert, koordiniert, geordnet und verordnet werden. Computer werden die Menschen mit Aufgaben betreuen, die ihr Gedächtnis verbessern, sie werden den Menschen Aufgaben geben, die die allwissender Müllhalde nicht allein verrichten kann und am Lebensende werden die Menschen mit Computern und Reaktionsübungen an der Demenz gehindert, die ihnen Linderung über sinnlose Leere ihres Lebens hätte verschaffen können.


Es geht nicht darum, einfach Märkte zu besetzen, die hierarchisch organisierte Firmen aufgrund mediokren Strategiemanagements und mit Zuckerbrot und Peitsche einfach brach liegen lassen. Es geht auch nicht darum, den Politikern und ihren Besitzern aus dem Hoch- und Geldadel einen Strich durch die Rechnung zu machen: Es geht um das ureigene Programm des Guten Menschen: Bring Erleuchtung in jede Hütte. Nur, was Buddha als den mittleren Weg bezeichnete, ist bei Google das Fokussieren auf alles, was Buchstaben hat.


Rettung naht. Die Wissenschaft hat schon längst festgestellt, dass Aufgeschriebenes nichts mit Wissen zu tun hat. Denn der Code der Wörter enthält nur den Teil des Wissens, der von der eigenen Erfahrung, den eigenen Erlebnissen abstrahierbar ist. Die Bedeutung der Wörter erschließt sich also erst, wenn man die historischen gesellschaftlichen Parameter und den persönlichen Zustand des Autors beim Niederschreiben zur aktuellen Situation des Lesens hinzuaddiert. Das ist eine einfach Aufgabe für Menschen. Für Maschinen ist das niemals lösbar, weil ihre Gehirne keine Subjektmodelle selbst entwerfen können. Ihre Aufnahmekapazität ist viel zu groß. Der menschliche Geist kann nicht viel auf einmal wahrnehmen, daher lernt er jeweils nur Differenzen zu dem, was er schon einmal gesehen oder gehört hat. Dies erfordert eine mehrwertige Logik im Rechner. Aktuell können wir davon ausgehen, dass die Computer in ungefähr 2000 Jahren in der Lage sind, so ein wachsendes Modell der Welt in parallem Lernen in Differenzen zu schaffen: Dazu bräuchte man allerdings erst einmal ein taugliches Modell einer mehrwertigen Logik, deren Dimensionen einerseits heterarchisch und andererseits vieldimensional sein müsste. Das könnte die Mathematik sicher in einigen hundert Jahren schaffen. Bis dahin beoachten wir, wie Google den Weg alles Irdischen geht. Erinnern sie sich noch an die Weltherrscher Watson, Edison, Bell, etc. pp.

Bildnachweis: jeltovski

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Dez 8 2009

Visuelle Suche mit Goggles: Google ist zwei Jahre vor dem Wettbewerb

Die Verlage meckern über ihre mickrigen 10% Gewinn; das sind sie nicht gewöhnt. Google muss wohl schuld sein, dass die Innovationen vieler Verlage keine waren. Wer sonst? Die Kunden vielleicht? Dann müssen sie dafür zahlen – und zwar gesetzlich geschützte Zahlungen wie bei der GEZ müssen es sein. Es geht schließlich um ganze Verlegerdynastien, die sind so etwas wie die Dinosaurier, die muss man pflegen und hegen. Wenn die Asiaten Europa bald zum Touristenparadies erklären, dann hat man was Pittoreskes zum Vorzeigen. Derweil wird Google größer als Mercedes, Ford und EADS zusammen. Wie? Weiterlesen!

Microsoft hat versucht mit bing die Idee von Google etwas zu verbessern. Also haben sie Videos und das social web integriert. Nett. Gute Idee. Aber zukunftsträchtig?

Denn mittlerweile befindet sich das Web in der Hosentasche von Millionen von Nutzern. Das Telefon bringt unter anderen mit der innovativen Telefonnummer zum Mitnehmen (Google Voice) und den vielen location based services à la Gowalla und Foursquare einen echten Mehrwert, weil die Menschen nun ihre Umwelt und ihre Handlungen mit Webfunktionen synchronisieren, dokumentieren und erweitern können. Nicht auszudenken, wenn Flip, iPhone, Zooms H2 und ein DVB-T-Tuner in einem Android Gerät zusammenwachsen…

Mobile Mediamachines. Fehlt nur noch der Anschluß an die Warenwelt, oder?

Was wäre, wenn dazu noch eine Suche käme, die direkt mit den Dingen um uns herum funktioniert. Handy raus, das Weinetikett fotografieren und Googles neue visuelle Suche namens Goggles findet den Anbieter, das Anbaugebiet, einen Laden in der Nähe, der denselben Wein noch billiger anbietet oder sucht den passenden Käse dazu aus. Damit nehmen sie den Fehdehandschuh von Wikitude und Layar auf.

Wer glaubte, dass Google den Zug mit social software verpennt hat, der wird feststellen, dass sie offenbar das Social Web genauso überspringen, wie viele Microsoft Kunden Windows Vista ausgelassen haben. Enterprise 2.0 nehmen sie ja mit Wave noch mit. Macht Sinn die visuelle Suche, denn wenn augmented reality so funktioniert wie Goggles, dann ist das nächste große Rad, Werbung und Empfehlungen To Go im mobilen Web. An dieser Stelle scheint Goggle dann noch deutlich weiter als wikitude und layar. Das dürfte dann noch ein paar Anzeigenmilliarden aus dem Fernsehen ins Web ziehen. Goggle 1.0 hat der Presse die Hosen ausgezogen. Goggles wird das für Radio und TV erledigen. Da macht es auch nichts, wenn Android 2013 die Nummer zwei hinter Symbian wird. Kann helfen. Vielleicht werden sie sogar das iPhone unterstützen – eine zeitlang.

Vorhersage: 2013 wird der Werbemarkt im Fernsehen im Vergleich zu 2008 bei rund 70% liegen. Aber nur dann, wenn die Sender extreme Rabatte einräumen, sonst eher gegen 70%. Meine Damen, halten Sie ihre Hüte fest. Wenn Goggles zum Fliegen kommt, wird es eng. Dann brauchen mehr Medien als nur die Verleger Schutzzölle für ihre Geschäftsmodelle aus dem Jahr 1852.

Dann werden ehemalige Massenmedien zu Medienmanufakturen für Connaisseurs oder sie gehen baden. Außer Springer: iPhone und Android machen sich nicht so gut neben der guten alte Maurermarmelade mit Zwiebeln.

Quelle: android.net


Okt 14 2009

Germany’s last Geschäftsmodell

Wer kennt es nicht, das Einkloppen auf die Holzmedien, die Musikverlage, die Autohersteller, die Politiker, die Lobbyisten, die XYZ…

Neulich hat sich mal wieder ein Verlegerdobermann aus der westdeutschen Provinz im „Burda“-Umhang versucht und auf die schlimmen Verhältnisse im Web eingedroschen. Allerdings musste Burda das tun, weil genau das Geschäftsmodell, das er beim vermeintlich Bösen Dämon Google anprangerte, Wochen später selber als neues Geschäftsfeld vorstellte. Rupert Murdoch, der internationale Medientycoon machte das auch unlängst zusammen mit dem AP-Chef Tom Curley. Was Letzterer allerdings im Gegensatz zu den deutschen Kollegen genau wußte, war die Tatsache, dass es eine Inflation an Inhalten im Web gibt. Nachrichten ist aktuell das schlimmstmögliche Geschäftsmodell im Web. Das Netz erstickt dran.

zukunft-zeichenWarum? Alle Zeitungen, die eine Online-Präsenz haben, verbreiten auf dieser Nachrichten, die sie extern bei Agenturen einkaufen. Dadurch sinkt die Relevanz der Inhalte gegen Null. Und den Lesern wird durch vergleichen (man nennt das kritischen Konsum) mit sechs Klicks schnell klar, worin eigentlich die Arbeit der Zeitschriftenverlage bisher bestand: Externe Autoren mit Honoraren beleidigen, die journalistische Exkrementik befördern. Lokale Inhalte werden von den Vereinen, Firmen und Veranstaltern selbst geschrieben und zur Veröffentlichung im Lokalteil eingereicht samt Foto – ich nenne das gern die Erfindung der lokalen Schwarm-PR. Das geht soweit, dass wir uns früher immer einen Spaß daraus machten, extra Fehler einzubauen oder zweideutige Sätze, um zu testen, ob Lokalredakteure im Büro noch lesen oder schon wohnen. Gerade große Regionalzeitungen sind da weitgehend imprägniert und reduzieren ihren redaktionellen Einfluß auf die Auswahl der Bilder (aufgepasst und mitgedacht liebe Taubenzüchtervereine, wer mehrere hochaufgelöste Dateien mitschickt, erhöht die Abruckdrate um 200%, weil der Redakteur Auswählen durfte (hoheitliche Auswahl, die: Berufsethos eines Journalisten ist das Filtern (Auswählen) von Informationen aus einem Überangebot).

In einem herrlichen Beitrag hat Christian Jakubetz gestern die seltsamen Verhältnisse in dieser westdeutschen Provinz (s.o.) ins rechte Licht gerückt und dabei so ganz nebenbei die Finger in die Wunde der aktuellen Krise gelegt, die verschiedene Branchen heimsucht. Es sind nicht immer Umsatzeinbrüche, die diese Krise begeleiten, es ist das schleichende Abwenden der Kunden von überkommenen Geschäftsmodellen, wie in der Autoindustrie oder das Partizipationsmodell „politische Partei“, die ihren Zenit lange überschritten hatten. Und nun stehen die Verantwortlichen vor etwas , dass auch für die gesamte Wirtschaft gilt.

Man nennt es noch etwas wissenschaftlich verklausuliert „Evolution“. Dummerweise haben einige Menschen mit mediokrem Mittelschulabschluß den Slogan dieses Welterklärungsmodells mit „Überleben des Fittesten“ übersetzt und das Leistungsprinzip darin erkannt. Dabei bedeutet „survival of the fittest“ das Überleben des Bestangepassten. Nun ist Anpassung in etwa das Gegenteil von Gehorsam. Es bedeutet, dass ein Lebewesen ja nach den Umständen die Möglichkeit hat, alternativ zu reagieren. Es verhält sich also nicht nach Mustern oder Befehlen, die ihm sozial oder per Expertise eingeprägt sind, sondern es entwickelt im besten Fall eine Methode ganz neu – anhand der aktuellen Situation. Das erfordert Achtsamkeit und und ein flexibles Inventar an Handlungen.

Die superschlauen Berater nennen das neumodisch Improvisation und bemühen Jazzmusiker, um jedem das zu erklären, was er sich in 9-13 Jahren Schulbesuch mühsam abtrainieren musste: Das Erfinden von Ausreden, das spontane Herbeifaseln von Erklärungen mit genauem Blick auf die Mimik des Lehrers, ob man eher näher oder weiter von der Lösung entfernt faselt. Die Systemtheoretiker kommen dann daher und faseln ihrerseits von Mustererkennung und Resonanzen und verkaufen allerlei Tand rund um neuartige Sozialgraphen, die Menschen und Soziale Körper nach Werten, Normen und Ideen strukturieren können sollen. ACHTUNG! All dies ist überholtes Denken aus dem letzten Jahrtausend.

Der einzige, der einer Firma sagen kann, wo es lang geht, ist der Kunde selbst. Leider spricht er in tausend Stimmen. Auch die rhetorisch mehr oder weniger begabten Berater rund um das Thema Babel 2.0 sind hier keine besonders guten Helfer. Aber sie haben einen Vorteil: Sie haben erkannt, dass die systematische, statistische oder stochastische Bewertung von Menschen und ihren Lebensentwürfen Schmuck am Nachthemd sind. Wer glaubt, mit den linearen oder zirkulären Modellen der aktuellen Wissenschaftlergeneration wirklich Relevantes zu erfahren, sollte sich umgehend ärztlich untersuchen lassen. Denn niemand fährt auf der Autobahn mit dem Blick in den Rückspiegel, auch dann nicht, wenn der Rückspiegel alle Prüfinstitute mit einem „sehr gut“ verlassen hat.

Wir schauen nach vorne. Und zu einer Zeit, als es noch keine Navis gab, kamen wir auch an unser Ziel. Wie das ging? Fragen! Einfach die Leute am Straßenrand fragen. Dazu muss man natürlich freundlich sein und gegebenfalls etwas aufschreiben oder die Leute bitten, Details zu erklären. Was man dazu braucht? Etwas Zeit und die Einsicht, dass man weder Marktführer noch Weltmarktführer noch Technologieführer ist, sondern einfach eine Firma auf dem Weg in die Zukunft.

Achja, kennen Sie die muskelbepackten Fittesten aus dem Freibad, die vor lauter potenzieller Kraft kaum gehen können? So ähnlich ergeht es gerade auch den Buchverlagen. Deshalb zeigen diese jungen Leute hier, wie es auch anders geht mit Interview: Einfach anderen Leuten ermöglichen, kostenlos Fachbücher online zu lesen. Das ist kein Geschäftsmodell? Tja, für hochdotierte Experten in Fachverlagen mag das stimmen, für die neue Welt des klaren Kundennutzens klappt es gut.