Feb 4 2018

Invasion der Falschpositiven

Eine 2017 veröffentlichte Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young untersuchte täuschendes Verhalten in 4.100 Firmen in 41 Ländern: Deutsche Mitarbeiter betrügen das Management deutlich mehr als im europäischen Ausland. Zehn Prozent der Befragten bejahten folgendes Item: „Würden Sie sich zur Beschleunigung Ihrer Karriere oder um sich einen anderweitigen Vorteil (Bonus, geldwerter Vorteil) zu verschaffen auf folgende Weise verhalten? Versorgung des Managements mit falschen Informationen“. Deutschland liegt damit auf einer Wellenlänge mit Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Türkei und Indien, denn nur dort sind die Werte auch zweistellig. Der westeuropäische Durchschnitt liegt bei vier Prozent. Wo könnten die Ursachen liegen?

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Jul 21 2013

Die Feinde der Schafe sind…

Im Internet begegnet sich der Mensch selbst. Ein Kaleidoskop aus Milliarden Bildern und Wörtern. Nicht wenige haben auf diesem Weg eine neue Identität gefunden. Auch die Institutionen. Die vielgehasste Überwachung des militärisch-industriellen Komplexes, also der Verbrüderung der Hochtechnologie mit staatlichen Behörden, ist ein Lackmus-Test für den Umgang der Politiker mit dem Wahlvolk. Über Nacht wurden Verschwörungstheoretiker zu faden Realisten. Das passiert nicht zum ersten Mal. Hier weiterlesen


Sep 23 2012

Still ruht (k)ein See

Das Web 2.0 ist in die Jahre gekommen. Diejenigen, die in seinem Kielwasser zu Ansehen und Reichtum kamen, haben sich abgewandt. Sie verkaufen bestenfalls ein funktionales Verständnis dessen, was eine soziale Bewegung des global vereinigten Individuums hätte werden können. Das Tröstende daran ist, dass alle staunenden Zuschauer jetzt live bei der Entzauberung dabei sind. Offenbar ist die Ära der Projektionen zuende. Das lange bestaunte Web ist zum Alltag geworden. Hier weiterlesen


Jun 4 2012

Wir werden inkompatibel!

Nun also ist es mal wieder soweit. Revolution. Disruption. Oder wenigstens Evolution. Unter dem Begriff Zeitenwende macht es heute kein Experte mehr, der sich das Netz, die Software oder gar Mechatronik/Robotik vorgenommen hat. Da plätschern die Innovationen in der Automobilbranche, der Pharmaindustrie oder der Bankenwelt so vor sich hin. Aber die Welt der digitalen Technik hält wacker das Fähnchen der Innovation hoch. Nur wir dumme Gesellschaft kommen nicht mit – durch unser soziales Gewese… Hier weiterlesen


Jan 12 2012

Ist der Algorithmus ein Feind?

Es kam, wie es kommen musste. Der Algorithmus. Eine Handlungsvorschrift, die sequentiell, also nacheinander abgearbeitet wird, um ein Problem zu lösen bzw. eine Aufgabe zu erfüllen, wird zum Spielball der Dichter und Denker. Als Miriam Meckel darüber geschrieben hat – und nichts anderes fand als die fade recommendation engine aus dem eCommerce – war es mir der Mühe zu gering, darauf zu antworten. Als aber nun die geschätzte Kathrin Passig in der SZ sich bemüßigt sah, auf die am Boden argumentierende Meckel auch noch einzuschlagen, da wurde der Beschützerinstinkt in mir geweckt… Hier weiterlesen


Dez 6 2011

Datenschutz als Vorbild?

Ein Schleswig-Holsteinischer Datenschützer legt sich mit Facebook an. Facebook hortet illegale Kinderprofile. Es wäre Zeit zu reden. Denn die in solchen Meldungen verborgene Aufgabe kann uns zu einer Neubestimmung der sozialen Marktwirtschaft inspirieren.

Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte man eine lukrative Karriere mit einer Vortragsreihe über das Ende der Nationalstaaten realisieren. Jetzt im Jahr 20 nach der neuen Zeitrechnung des weltweiten Datennetzes für jedermann ist der Nationalstaat im Netz oft ein zahnloser Tiger. Millionen von Bürgern vertrauen Kreditkartenfirmen und Rabattdienstleister ihr Innerstes an: ihr Konsumverhalten. Es ist eigentlich gar kein Problem, mithilfe dieser Daten ein Bewegungsprofil und eine Studie über Charaktereigenschaften zu erstellen. Keinen störte das bisher. Im Internet gilt so ein Verhalten der Firmen als verwerflich. Denn die Firmen sind im Niemandsland namens USA. Dort passieren allerlei böse Dinge mit dem Klickverhalten unbescholtener Bundesbürger im geliebten Internet. Allen voran sind Google und Facebook die Bösewichter par excellence. zumindest haben uns das viele so gesagt – in Talkshows, in Artikel und am Stammtisch. Und wir, die normalen Nutzer der Webdienste, sind die lahmen Enten, die keine Ahnung von Technik haben und daher auch nicht wissen dürfen oder müssen, was eigentlich mit unseren Daten gemacht wird… Hier weiterlesen


Sep 11 2011

Cyberdämmerung

Eine global koordinierte Cyberattacke auf das Finanzsystem oder die Stromnetze könnte uns zurück ins 18. Jahrhundert werfen. Die Ursachen sind aber nicht technischer sondern gesellschaftlicher Natur. Hier weiterlesen


Aug 30 2011

Datenschutz für oder gegen die Nutzer?

Ein Schleswig-Holsteinischer Datenschützer legt sich mit Facebook an. Facebook hortet illegale Kinderprofile, ruft ein anderer Datenschutzbeauftragte. Es wäre Zeit zu reden. Denn die in solchen Meldungen verborgene Aufgabe kann uns zu einer Neubestimmung der sozialen Marktwirtschaft inspirieren… Hier weiterlesen


Feb 4 2011

Das Kaffeehaus des 3. Jahrtausends?


Einer vielzitierten Geschichte des Philosphen Habermas nach entstand die moderne Öffentlichkeit in den Caféhäusern des 19. Jahrhunderts. Dort traf sich das Bildungsbürgertum und konnte sich analog dem antiken griechischen Bürgertum eines gewissens Reichtums und der daraus folgenden Muße befleißigen, um in Disputen und Diskussionen aus einer literarischen Kultur eine politische Öffentlichkeit zu entwickeln. Der geneigte Leser erkennt schnell in diesem Gedankengut, dass Habermas keineswegs davon ausging (ausgeht?), dass Öfffentlichkeit eine repräsentative Auswahl an Bevölkerung als notwendige Bedingung braucht. In den „emerging democraties“, die so wenig Unterstützung in ihrem Freiheitswillen erhalten wie Somalia Beachtung für seine Hungernden, wird das historisierte Modell des wenig lebenserfahrenen Habermas auf den Kopf gestellt. Konnte man dem „großen“ Philosophen schon früher vorwerfen, dass Öffentlichkeit kein Begriff ist der in einer ständischen Gesellschaft besonders gut zu verankern ist. Da macht sein Hinweis auf die literarischen Quellen der politischen Öffentlichkeit im psychologisierenden Roman sowie der Belletristik überhaupt die ganze Sache auch nicht besser. Er hatte ein Vorhaben, dass er ex ante in die historischen Fakten hinein gelegt hatte: Die Vernunft muss am Werk sein. Denn er ist Rationalist und kann die Öffentlichkeit nur als Ausfluss der Vernunft begründen. Und so musste er die Balken der Historie zurechtbiegen. Ägypten weist noch weiter in eine ganz andere Richtung…

Würde er aufmerksam die Geschehnisse im Iran, in Tunesien oder in Ägypten beobachten – soweit es die amerikanischen, britischen und katarischen Sender zulassen – dann würde er seine Meinung revidieren müssen. Denn dort ist erkennbar, dass Medien wie das Internet oder früher die Flugblätter nur dazu dienen können, eine Zivilgesellschaft zusammenzuführen. Aktivisten schließen sich via Internet zusammen. Und und diesem Fall sind Aktivisten junge Familien, weibliche und männliche Singles, Großväter und Witwen aus allen Schichten. Habermas könnte erkennen, dass die Schergen des Mubarak auf den bestehenden Verhältnissen als etablierter Struktur aufbauen. Sie sitzen in den modernen Teehäusern und disputieren den Verfall der Sitten bis sie aufgerufen werden, sich für „die gerechte Sache“ einzusetzen. Der Ausdruck der Vernunft liegt – das verklausulieren viele repräsentative Politiker des Westens in diversen vernünftigen Statements – in der Stabilität des verhassten Regimes. Dafür reiten sie dann in die Menge wie die apokalyptischen Reiter…

Es ist erkennbar, dass es keinen herrschaftsfreien Diskurs mehr gibt, wenn die eine „Hälfte“ der Bevölkerung auf den bestehenden Verhältnissen beharrt und der Rest assoziiert wird mit unruhigen oder gar chaotischen Verhältnissen. Der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ könnte aber nach Habermas sowieso nur eingelöst werden, wenn es eine äußere Referenz gibt/gäbe, die darüber entscheiden könnte, welche der Ansichten wahrhaft und richtig seien. Habermas behauptet sogar, dass eine Verbreiterung der Öfffentlichkeit eine Schwächung der kritischen Kraft zu Folge habe und die bürgerliche Öffentlichkeit auflöse. Dass können wir aktuell am Beispiel in Ägypten in keiner Weise erkennen.

Wael Abbas, Journalist und Blogger, ging für seine kritischen Blogeinträge ins Gefängnis, er gilt in Ägypten als Instanz der Bürgerbewegung. Neben den vielen Diskussionen die überall stattfanden, sind es aber solche Stimmen, die die Massen orientieren. Der Grund liegt in der Übereinstimmung von Wort und Tat. Man nennt das Glaubwürdigkeit. Dafür ist das Internet der beste Lackmus-Test: Jeder kann dort vieles schreiben, aber die Leser erkennen an den Taten, wer welche Absichten mit seinem Tun verfolgt. Die Politische Öffentlichkeit entsteht aktuell also nicht im herrschaftsfreien Diskurs unter der Knute des Konsens. Sie versammelt sich rund um glaubwürdige Personen und formiert eigene Ideen rund Leute, die diese besonders nachvollziehbar leben. Das ist keine literarische Quelle (1:n), die sich in Urteilen schult. Hier darf und soll jeder egalitär seine Ideen erzählen, vorleben und von anderen überprüfen lassen. Die Gemeinsamkeiten liegen schon vor jeder Diskussionen offen und unversöhnlich auf dem Tisch des Hauses: Beharrung im Bestehenden oder tabula rasa für neue Konzepte, die sich erst im Laufe der Zeit und der Gedanken- und Meinungsfreiheit kristallisieren. Insofern entsteht politische Öffentlichkeit erst dann, wenn der Wandel der Werte neue Institutionen schaffen darf und soll.

Es ist übrigens kein Zeichen von Demokratienähe, wenn aufgrund möglicher geopolitischer Unwägbarkeiten eine Bürgerbewegung distanziert betrachtet wird, während ihr Gegenüber trotz jahrelanger Folter offen die Sympathien gewählter Volksvertreter entgegen nimmt. So ein Verhalten ist wahrscheinlich sogar ein Grund, Politiker aus dem Kreis überzeugter Demokraten auszuschließen und sie in eine neue Kategorie einzureihen, die ich mal in Anlehnung an Habermas Konsensdemokraten nennen will. Das Tier, dass an dieser Stelle wohnen könnte, wäre mit dem Begriffsfeld Globalisierung von Bürgerbewegungen als Vorstufe einer Demokratie sicher nicht unzufrieden. Die Begleitung solcher Bewegungen könnte dann gemeinsam mit der Arabischen Liga, der EU, NAFTA und den BRIC-Staaten passieren…

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Jul 20 2010

Digitale Bohème wird Proletariat?

Es ist mal wieder soweit (carta.info). Das Heer der mehr oder weniger freien Arbeiterbienen, die in und um das Netz ihr Geld verdienen, erfährt eine neue Attribution. Jetzt werden sie durch crowdsourcing-Firmen wie clickworker.com oder Demand Media zu Fließbandarbeitern gestempelt. Und weil heutzutage die Substanz aller Analogien in wikipedia haust, nimmt man von dort auch gleich noch Fords Fließband als Urahn des scientific management in Gewahrsam. Denn bei beiden Anbietern erstellt das fleißige Volk der Texter und Designer Abertausende an Gebrauchstexten, Artikeln, Übersetzungen und Ratgeberbeiträgen.

Das mag aus der Sicht von jemandem, der seine Auftraggeber bei den finanzstarken, parteiunterwanderten öffentlich-rechtlichen Zwangsmedien weiß, ein legitimes Herabschauen auf die Niederungen mediokrer Geschäftsmodelle sein. Zu recht wird auf diese Weise die digitale bohème auf den rechten Platz auf der Hühnerleiter der Arbeitsbienen verwiesen. Aber ist es inhaltlich in irgendeiner Weise eine neuartige Erkenntnis? Der Taylorismus als Extremform der entfremdeten Arbeit ist ja nicht dadurch besonders hervorzuheben, dass ihm Leute freiwillig anheim fallen. Die engen Vorgaben in Zeit und Umfang sind hier weniger charakteristisch – eigentlich sogar eher abwesend, “one best way” ist daher eher zu negieren. Das Zerlegen eines Prozesses in extrem fragmentierte Einzelschritte passiert gerade nicht, weil möglichst viele Schritte direkt in die Verantwortung der freiberuflich arbeitenden Arbeitsbiene verlegt werden. Und zuguterletzt: Die demokratiefeindliche Art der Vereinzelung der Arbeiter haben diese sich selbst ausgesucht und bevorzugen offenbar das anonyme Arbeitsumfeld im Web. Und die Disponibilität der einzelnen Arbeitskräfte ist eher deren freiem Willen als dem digitalen Fließband geschuldet…

Möchte man also auf solche prekären Arbeitsverhältnisse aus der Premium-Sicht eines Auftragnehmers monopolistischer Content-Anbieter herabsehen, dann würde sich die Perspektive eines konstruktiven Blicks in die Zukunft anbieten. Das Gegenteil ist der Fall: Allein die Tatsache, dass Endert uns die Interpretation anbietet, dass eine zweite stählerne Zeit heraufdämmert, in der nicht Stahl sondern Contentbarone ihre Villa Hügel errichten, könnte schon sehr viel früher ihren Anfang genommen haben. Genau genommen beschreibt Endert damit eigentlich eine Content-Produktion, die mit dem Web im Untergehen begriffen sein könnte und deren Blütezeit mit Namen wie Mohn, Burda und Springer beschrieben wäre. Dass sich nun die oben benannten Anbieter anschicken, diesem alten Content-Adel Tausende entlassener Contentbienen quasi artikelweise zu vermieten, erinnert auch eher an die Dämmerung der Leiharbeitsfirmen und weniger an den alten Ford, der seinen Fließbandarbeitern damals ungeheuer hohe Löhne zahlte.

Es könnte einem so vorkommen, als wenn die neue Arbeiterschaft einfach aller sozialer Errungenschaften beraubt sei und dies auch noch als Freiheit empfände. Die demokratische Potenz des Netzes könnte sich also gar nicht entfalten, weil allein die Abwesenheit der Stechuhr und der Besitz an den Produktionsmaschinen die digitale bohème dazu verleitet, einer Simulation von Selbstbestimmung zu erliegen, die durch freie Meinungsäußerung ein derart dröhnende Kakophonie inflationiert, dass die Nachfrager sich wieder dem überschaubaren Angebot der wenigen Contentbarone zuwenden.
Warum nun aber immer noch alle glauben, dass das Kapital keiner normativen Setzung unterliegen soll, bleibt genauso unklar wie eine noch immer ausbleibende Begründung des ökonomistischen Weltbildes. Es scheint, dass die Grundlage des Gehorsams naturrechtlich anerkannt wird, als wäre das Kapital und seine torkelnde Willkür einfach eine Art Naturgewalt. Dieser zivilisatorische Offenbarungseid ist aber mitnichten den Textern und freien Journalisten anzulasten. Es ist ein Schiffbruch der gesamten Sozial- und Geisteswissenschaft des Webzeitalters.

Bildnachweis: western4uk

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