Jun 26 2010

Was uns wirklich krank macht

Es ist mal wieder soweit. Die Mahner treten gegen die Wünscher an. Fast wäre ich vor Ermüdung eingeschlafen als ich in der FAZ (wo sonst?) den kritischen Artikel vom eigentlich geschätzten Geert Lovink zum Thema Zeit und Informationsüberflutung via Web las. Da ist die Rede von einem externen Zwang zu Echtzeitplattformen wie twitter und facebook. Da ist auch die Rede von all den Informationen, die zwar nicht das Hirn, aber unsere Zeit vermanschen. Auf die andere Seite der Wünscher haben sich Leute wie Clay Shirky und Jeff Jarvis gestellt und werfen mit ihrer Zuversicht und Hoffnung um sich, dass es nur so Feenstaub regnet…
Das Thema Informationsüberflutung ist nirgendwo besser studierbar als bei diesen beiden Gruppen der Ewiggestrigen. Sie haben so viele Bücher gelesen, Studien verfasst und Studentenarbeiten korrigiert, dass ihnen vor lauter kleinsten Differenzierungen Ablagerungen im persönlichen Wissenshorizont passiert sind. Mentale Plaque, an der die immer gleichen Ideen hängen bleiben: Man nimmt nur das als Information, was das eigenen Weltbild stützt.
Man kann sich den persönlichen Wissenshorizont wie ein Flussbett vorstellen. Der Strom der Informationen und Daten knabbert anfangs an den Ufern, wenn aber erstmal große Überschwemmungen Auen geschaffen haben, dann ist das gesamte Flußbett auf ein überschaubares Gebiet beschränkt, weil die Geschwindigkeit herabgesetzt ist durch die Kurven des Mäanderns. Mit Glück wächst dann das Wissen in der Breite.

Leider befleißigt sich bisher keiner fluidmechanischer Betrachtungen. Denn in der tiefen Mitte fließt der Fluß am schnellsten. Das erklärt auch, warum aus den bekannten Mündern nur noch bekannte Ansichten wiedergekäut werden.

In der Folge kann man behaupten, dass Expertise darin besteht, dass Experten nur wenig Informationen aus einem Schwall an Daten benötigen, um ihre kristallisierten Meinungen bestätigt zu sehen. Sie sind daher sehr schnell im Einordnen, aber sie sind auch die Sklaven ihres impliziten Wissens. Denn der Experten-Hintergrund ist ein sehr tiefes Flußbett, dass das Vorbeirauschen der Inhalte extrem beschleunigt.

Informationsverarbeitung ist im Gehirn bisher noch nicht postmechanistisch beschrieben worden. Die Ideen Zuses werden zunehmend von den Netz- und Intelligenzexperten auf Information und die Entstehung von Wissen angewandt. Aber es gibt keinerlei Anlass zu glauben, dass Wissen dadurch entsteht, dass Daten mit anderen Daten solange kalkuliert werden, bis Wahrscheinlichkeiten als Metadaten entstehen und damit quasi als Emergenzphänomen neue Zusatzinformation aus dem Nichts auftaucht. Allein der Gedanke, dass das Gehirn Informationen verarbeitet kann sich ja nur auf Sinnesdaten beziehen. Und spielt es keine Rolle, ob die im Fernseher, an der Straße oder auf der Kirmes einströmen. Das Problem könnte sein, dass Information nicht mehr als reines Außenweltsignal sondern nur noch als codifizierte Sprache oder gestaltete Filme oder Fotos auf uns einströmen. Dies sind dann vermittelte Reize, die nicht unmittelbar der Außenwelt sondern der Innenwelt anderer Menschen entspringen. Das in der Tat ist ein Problem, dass wird nur noch Gedanken und ästhetische Gestaltung als Reize aufnehmen. Da wird die Kultur zur Monokultur. Da hilft einfach ein Spaziergang im Wald. Aber da sind wir schon wieder bei dem grundsätzlichen Problem, das nicht erst seit dem Web entstanden ist. Die städtische Kultur nimmt sich besonders wichtig, weil sie enorm mit Bedeutung aufgeladen ist. Das Netz transportiert diese sensuelle Deprivation, die mit ästhetischer Überreizung einher geht in alle Ecken der Welt. Aber daran ist nicht das Netz schuld sondern die Gläubigen der Religion der Information. Dass diese Religion eine Sekte ist, steht außer Frage. Ob wir deren goldenem Kalb huldigen, bleibt jedem selbst überlassen.

Lovink jedenfalls verharrt mit dem italienischen Netzintellektuellen Franco Berardi weiterhin bei den Grabenkämpfen. In diesem Fall gegen die marktliberalen Kräfte, wenn er den Italiener in der FAZ folgerndermaßen zitiert: “Im Marktwettbewerb müssen wir stets die Ersten und Besten sein. Was wirklich krank macht, ist nicht die Informationsüberflutung, sondern der neoliberale Druck mit seinen unmöglichen Arbeitsbedingungen.“ Das ist nett gegenüber den Bedeutungsvermanschungen die Schirrmacher mit seiner Hirnvermanschung in die Welt tragen will. Aber es verstellt noch immer den Blick auf den Kern: unseren Umgang mit den mentalen Absonderungen der Mitmenschen. Es ist nämlich keineswegs so, dass man gezwungen ist jede Meinungsäußerung oder jedes Angebot zur Kommunikation einzuordnen. Es sei denn, man hat Angst etwas zu verpassen. Das allerdings ist eine längst bekannte behandelbare pathologische Eigenschaft des modernen Menschen. Einige Intellektuelle haben sie längst mit Lyotards Buch über das Postmoderne Wissen von 1979 behandelt: Man bewertet Wissen und seine Vorstufen einfach nicht mehr als Ware. Das könnten endlich auch mal andere probieren. Es hilft sehr gut gegen Zwangserkrankungen und Phobien. Und man kann getrost den Zeitgeist seine Bahnen kreisen lassen, ab und zu kommt er wieder mal vorbei und man kann ihm zuwinken.

Bildnachweis: FlyingPete

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Jun 18 2010

Hallo Leute, es ist Trendtag

… alle machen blau von Flensburg bis nach Oberammergau. Was muss mein entzündetes Bedeutungszentrum da erblicken? Einen Blogbeitrag des Trendtags mit einem Interview mit Prof. Norbert Bolz, dem Robin Hood der schnell geschossenen Sätze. Er gibt von den Bedeutungsreichen und schenkt sich dem Bedeutungsarmen.

Denn der Trendtag hat auch Stowe Boyd und all die Knowledge Flow Experten gehört und gelesen und stellt in totaler Unkenntnis des Konzepts die beiden sich aussschließenden Begriffe “Flow” und “Control” gemeinsam in den aktuellen Slogan. Warum? Das erklärt eben jener Professor des Wyatt Earp-Denkens mit rauchenden Colts:

“Das Grundproblem ist, dass in der modernen Welt Stabilität nicht mehr durch feste Strukturen erreicht werden kann, sondern nur in dynamischen Formen.”

Ähm. Lieber junggebliebener Dozent, ein kleiner Blick in das umstrittene Online-Lexikon Wikipedia hätte Schlimmeres verhindert: Stabilität ist die Fähigkeit eines Systems, nach einer Störung wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren. Per definitionem ist Stabilität also nichts Festes – und eine Form schon mal gar nicht sondern ein Zustand. Aber der begeisterte Selbstdenker macht offenbar keine so großen Unterschiede zwischen Form und Zustand.

Der „Flow“, der Fluss, wird zum Normalzustand. Es gibt nur noch dynamische Stabilität.

Was – wir oben gesehen haben – ein weißer Schimmel, ein junges Baby, ein stinkender Munsterkäse ist – eine Tautologie.

Wir müssen lernen, mit einem nie abreißenden Strom von Informationen und Optionen umzugehen.

Soll ich das jetzt so verstehen, dass man seit dem Internet nicht mehr seine Ohren zuklappen kann und auch nicht mehr die Augen schließen und den Mund halten, wie es unsere Vorfahren – die drei Affen – noch konnten? Wenn es so ist, dann haben ja alle Kinder, die ihre Kindheit vor der elektrischen Oma verbracht haben in der Tat einen Vorteil. Aber dann sind schon die Baby Boomers “Informational Natives”, oder nicht? Oder ist das wilde Herumzappen im Fernseher kein “nie abreißender Strom an Information”? Halt. Ich meine mich zu erinnern, dass es auch dort einen magischen Knopf gibt, auf dem außerirdische Kulturen Symbole wie I/O oder auch ON/OFF hinterlassen haben.

Das gilt bei genauerer Betrachtung genauso für Geldflüsse wie für die Karrieren der einzelnen Menschen oder für die Zusammensetzung unserer Lebensgeschichten. All das entfernt sich immer weiter von selbstverständlichen, festen Strukturen.

Da hat der hoch intelligente Professor aber mal messerscharf analysiert. Früher, als die Fugger und der Papst praktisch die einzigen waren, die Gelder austauschten, da waren die Flüsse noch sowas von fest. Und heutzutage fliessen die Mitarbeiter hin und her wie die Wellen am Strand. Genau das haben Hagel und Boyd mit information und knowledge flow gemeint… Eine Karriere ist das Herumfliessen der Menschen von einem Ort zum anderen. Aha.

Und dann kommt der akademische Offenbarungseid. Denn das Flowkonzept von Mihaly Csikszentmihalyi hat er offenbar nie gelesen oder nie verstanden. Ja, in den Achtzigern war aber auch noch kein dynamischer Fluß, weil das Internet noch ganz weit weg war. Das entschuldigt ihn. Also, der Ungar beschrieb auf der Basis der Arbeiten von Kurt Hahn und Maria Montessori einen Zustand des Tätigkeitsrauschs, der bei Risikosportarten genau im mittleren Bereich zwischen Unter- und Überforderung auftritt. Ältere Leserinnen werden diesen Zustand von ihren Männern kennen, die an Modelleisenbahnen oder ihren Motorrädern herumbasteln und für Kaffee, Kuchen oder gar Gespräche in keiner Weise zugänglich sind. Die Pseudopsychologie spricht von einem Harmoniezustand zwischen dem limbischen System und dem kortikalen System, zwei organischen Strukturen im Gehirn, denen seit den 80er Jahren emotionale bzw. verstandesmäßige Informationsverarbeitung zugeschrieben werden. Da Harmonie aber keine physische Kategorie ist – außer vielleicht in der Akustik (Schallwellen!) – kann man solche naturwissenschaftlichen Entitäten wie Gehirnstrukturen nur unter Zuhilfenahme des esoterischen Glaubens mit musikalischen Kategorien verbinden. Eigentlich ist Harmonie eher ein ästhetischer Begriff. Diese Kategorie ist aber nicht anwendbar auf physikalisch messbare Körper. Denn sie ist die Aneignung derselben als mentale Repräsentation. Insgesamt ist Csikszentmihalyis Konzept nicht unumstritten und wird in der trivialen Psychologie der Ratgeber- und Selbstmanagementbücher oft anzufinden sein ohne besondere wissenschaftliche Analyse oder Begründung. Schlimm sind dann solche Verharmlosungen von Zwangserkrankungen, wie Bolz das Konzept hier exemplarisch mißversteht:

Das große Verdienst dieser psychologischen Arbeit ist, zu zeigen, dass „im Fluss zu sein“ keine Bedrohung ist, sondern der eigentliche Glückszustand. Als Beispiel könnte man den Workaholic heranziehen, den man sich nicht als Süchtigen, sondern als glücklichen Menschen vorstellen kann.[…] Ziel ist, Selbstverwirklichung nicht auf den Feierabend zu verschieben, sondern dass praktisch die ganze Existenz in einer solchen Fließbewegung erlebt wird.

Was genau all dies mit Flow Control zu tun hat, erschließt sich kaum. Ein Glück, dass der linksradikale Manuel Castels auch auf dem Trendtag sprechen wird. Er hatte ja bereits vor 20 Jahren eigenwillige Thesen zum Web und der Gesellschaft aufgestellt. Ob Herr Bolz das aber inhaltlich erfassen kann, ist bezweifelbar. Denn auf die Frage, was einem Menschen die Fähigkeit verleiht, Glück statt Überforderung zu erleben, antwortet er, sagen wir mal, kreativ.

Im Wesentlichen geht es um das Vermögen, mit Unvorhersehbarkeit umgehen zu können. Man kann prinzipiell nicht voraussagen, wie sich die Dinge oder das eigene berufliche Schicksal entwickeln. Aber eines ist auf alle Fälle klar: Egal, was kommt, man muss reaktionsfähig sein. Sicherheit entsteht nicht mehr von außen, sie muss von innen kommen – als eigene Reaktionsfähigkeit oder Geis­tesgegenwart. Man könnte auch sagen, es geht darum, Spaß an der Komplexität zu haben. Es gibt Leute, die Angst vor der Komplexität haben. Sie wollen alles vereinfachen, sie leben nach der Devise „Simplify your Life“. Und dann gibt es Menschen, die Komplexität als Chance sehen, neugierig werden, ein Rätsel lösen wollen. Das ist der große Mentalitätsunterschied

Die Geistesgeschichte kennt diese Unvorhersehbarkeit als Kontingenz, die in ihrer banalen Form als Zufall in die moderne Denkwelt Einzug hielt. Aus logischer Sicht bezeichnet es eine Existenz, die weder wahr noch falsch ist – sogar gar nicht sein könnte. Glück nun angesichts der menschlichen Schicksalsergebenheit gegenüber den großen Bewegern wie Gott, Zufall, Naturgesetze oder ähnlichem als reaktionsfähig zu bezeichnen, rückt das Glück in eine verdächtige Nähe zum Adjektiv lebendig, denn nur tote (feste?) Materie reagiert nicht auf zufällige Einflüsse wie Regen, Donner, Liebe oder Beschimpfungen.

Und dann kommt das Wort, ohne das man heute praktisch gar keine Meinung mehr formulieren kann. Komplexität. Bolz bezeichnet den Spaß an diesem Amalgam aus Elementen und Strukturen als innere Reaktionsfähigkeit. Und dann entwertet er diejenigen die vielfältige Gebilde vereinfachen wollen, die aus ineinanderverwobenen Einzelteilen bestehen, die fast undurchschaubar verheddert sind. Der Begriff Komplexität ist zum Glück nicht Teil dieser Vereinfachungstendenz. Ein Glück. Zumindest glaubt Bolz das. Aber wenn man Komplexität als Rätsel auffasst, mag das stimmig sein. Das ganze Leben ist ein Quiz, und wir sind nur die Kandidaten. Und wie man das in der Prxis umsetzen könne, will der/die Interviewer/in wissen.

Natürlich eine gewisse Ausbildung und Bildung. Dann ist ein großes Maß an Sozialität, also eine Lust an der Geselligkeit, notwendig. Man muss auch eine Art „Gadgetlover“ sein, also Spaß an den Kommunikationstechnologien selbst haben. „To work the network“, am Netzwerk selbst mitarbeiten – wenn man das gern macht und auch kann, hat man alle Chancen, zu den glücklichen Workaholics zu gehören.

Nee, ist klar. Wenn man ein Gadgetlover ist und das Netzwerk melken kann, ähm werken, nein, also wenn man es arbeiten kann, dann klappt’s auch mit dem Nachbarn. Genau, und dann wird man ein glücklicher Zwangskranker, der seine stofflose Sucht ausleben kann, weil die Gesellschaft – zumindest die Arbeitgeber solcher Charaktere – ihre Spaß daran haben, wenn einer mit seiner Krankheit für den Profit Anderer sorgt. Aha.

Letztlich heißt das, zu einer Ich-AG zu werden, um ein früheres Trendtagsthema zu zitieren.

Also besser hätte ich das jetzt nicht zusammenfassen können. Prekariat, dass sich selbst ausbeutet. Glückliche Workalholics. Das nenne ich mal eine präzise ethische Durchleuchtung des marktliberalen Menschenbilds. honi soit qui mal y pense.

Wer jetzt nicht weiß, was ich damit meine, dem erklärt Bolz das haarklein im nächsten Absatz:

In Deutschland ist das Sicherheitsdenken historisch sehr stark verankert. Wir haben eine ungebrochene Tradition von Bismarcks Sozialgesetzgebung bis zu Hartz IV. Deutschland ist das Land ohne Revolution. Das bedeutet, dass die Deutschen für ihr „politisches Wohlverhalten“ erwarten, dass der Staat als sorgender Vater für sie da ist – egal, was im Leben geschieht. Dieser paternalistische Geist ist sicher der größte Feind der Zukunftsfähigkeit, den es überhaupt gibt.

Richtig. Darin sind sich alle einig, das Gutenbergs bewegliche Lettern aber auch gar keine Revolution gegenüber der Macht des Vatikans ausgelöst hat. Ach, Revolutionen könne nicht von einer technischen Spielerei ausgehen. Oh. Scusi. Das hatte ich vergessen, dass Revolutionen nur mit Blut und Pulverdampf funktionieren.

Genau, es war nicht die Rationalisierung durch Automatisierung und Digitalisierung sowie das Verlagern der industriellen Produktion nach Asien, was die Leute arbeitslos gemacht hat sondern deren Wunsch nach Vater Staat, der alles bezahlt. Genau so war das! Und die Tatsache, dass gut ausgebildete Absolventen Jahre lang als Praktikanten und in Kurzanstellungen ihr Leben dahinfrissten und deshalb keine Familien gründen oder Häuser bauen, das machen sie auch nur, damit sie von Zeit zu Zeit auch mal ein bißchen Transferleistungen zwischen zwei Praktika einstreichen können, weil doch die Eltern nur dann die Wohnungsmiete übernehmen, wenn die Kinder von ihrem Praktikumsentgelt von 500 EUR wenigstens das Essen und die Monatskarte selber zahlen mit einem Diplom und vier Zusatzzertifikaten in der Tasche. Glückliche, arme Workaholics, die sie sind. Und dann kommt eine Glorie auf Amerika mit seiner Zweiklassenausbildung, seiner Zweiklassenberufswelt und seinen Zweiklassenstädten. Dort vermutet Bolz trotz starker kreationistischer Welterklärungen die alten transatlantischen Tugenden der ähm…Atlantikbrücke:

Die Amerikaner leben eine Vorstellung von Selbstverwirklichung, die individualistisch und mit der Eroberung des Neuen verknüpft ist. Dazu kommt ein unzerstörbarer Optimismus in die technische Verbesserbarkeit der Welt. Auf der anderen Seite stehen die Fehlerfreundlichkeit der amerikanischen Kultur und der Glaube, dass Irrtümer zur Evolution dazu gehören.

Und dann kommt der Nachweis, dass das Mittelmaß zwischen Unter- und Überforderung des ursprünglichen Flow-Konzepts völlig über Bord gegangen ist in einem großen Fanal des glücklichen Irren, ähm…falsch, es muss ja jetzt heißen des völlig enthemmten Workaholics:

[…] Was versteht man unter Exzellenz? Ich würde dem Begriff der Exzellenz nicht Perfektion oder Optimierung zuordnen. „Flow“ heißt, dass Geschwindigkeit oft wichtiger ist als Qualität. In einer modernen Gesellschaft ist die Orientierung an dem, was gut genug ist, rationaler als die Orientierung am Perfekten. Und zwar, weil nur dann die erforderlichen Geschwindigkeiten erreicht werden können und damit die Rechtzeitigkeit von Innovationen, Ideen und Handlungen. Insofern bedeutet das für mich in keinster Weise einen Widerspruch, sondern ganz im Gegenteil: Exzellenz besteht gerade darin, zu sehen, was nötig ist.

Amen.

Crosspost von netzpiloten.de


Jun 9 2010

Clay Shirky: Does the internet make us smarter?

Clay Shirky, der berühmte Redner zum Thema Social Web, hat sich einen Werbeartikel zu seinem neuen Buch geschrieben – und zwar im Wall Street Journal. Offenbar spricht er jetzt nicht mehr zur Gemeinde sondern zu seinen zukünftigen Beraterkunden. Das könnte erklären, warum der Artikel so seltsam platt und unausgegoren daherkommt.

Einmal mehr wird die Erfindung der beweglichen Lettern durch Gutenberg zum Brandbeschleuniger der Emanzipation der Gesellschaft erklärt. Ohne den Buchdruck, so Shirky, wäre der Siegeszug der Reformation kaum so verlaufen. Das intellektuelle Leben Europas wurde durch die Flut an Publikationen in tausend Teile zerlegt und Chaos sei die Folge gewesen. Aus Shirkys Sicht ist das, was folgte, nämlich unsere neue Ordnung des Geschriebenen in fiktionale und nicht-fiktionale Druckwerke einfach eine neue Normierung, die das intellektuelle Leben befruchtete und nicht hemmte. In einem Analogieschluß sieht er auch das Web als so eine technisch inspirierte Revolution, die durch Wikipedia, ushahidi und andere Web-Projekte unser intellektuelles Leben auf eine neue Stufe hebe.

Da kommen mir doch erste Zweifel. Eine derart geringe mentale Differenzierungsleistung hatte ich Shirky gar nicht zugetraut. Ushahidi (swahili für Zeugenaussage) ist eine Web Plattform, die 2008 in Kenya während der Unruhen nach den Wahlen benutzt wurde, um in Echtzeit und mittels web oder Handy direkt auf einer Karte auf dieser Website anzuzeigen, wo gerade Gewaltverbrechen stattfinden. Der Ursprung liegt im Kenianischen Bürgerjournalismus. 45.000 Menschen machten damals Gebrauch von diesem Mittel, um dem eigenen Land, Journalisten und den Politikern den aktuellen Stand darüber zu zeigen, in welchen Regionen was passierte – direktes, soziales Feedback der Bürger in Echtzeit! Schutz und Kontrolle von und durch Menschen von nebenan.

Wikipedia ist ein sehr kleiner Zirkel von arrivierten Freiwilligen, die in jedem Sprachgebiet hoheitlich darüber wachen, was zu einem bestimmten Begriff im Online-Lexikon steht. Diese Texte sind sehr weit von einer Echtzeit-Dokumentation der Diskussionen über ihren Inhalt entfernt. Nicht selten werden die Modernisierungen und Korrekturen, die Fachleute durchführen wollen, durch die “Alten Hasen” wieder zurückgenommen. Sie rekrutieren sich nicht selten aus akademischem Personal. In Deutschland funktioniert das akademische Leben aber noch immer sehr stark nach dem Prinzip Gehorsam. Das heißt, dass in nicht wenigen Fachbereichen diejenigen zügig einen Doktorvater bekommen, die sich seinen/Ihren Wünschen besonders gut anpassen. Das führt nicht selten dazu, dass die wirklich guten und klugen Köpfe ihre postgradualen Abschlüsse im Ausland oder an fremden Unis erwerben müssen – oder es einfach aufgeben. Diese Hierarchiestruktur aus dem 19. Jahrhundert hat sich auch zum großen Teil bei der Wikipedia etabliert. Bürgerjournalismus, bzw. in diesem Fall Bürgerexpertise findet also mitnichten in einer vergleichbaren Weise statt wie bei ushahidi. Auch wenn man die amerikanische Wikipedia etwas anders sehen muss hinsichtlich der Offenheit der Strukturen.

Der wesentlichw Punkt ist jedoch, dass man keine neue Art von intellektuellem Leben durch das Web postulieren kann, ohne die Normierungsphase (fiktionales und nicht fiktionales Schreiben) abzuwarten, die vom Web ausgeht, wenn der Vergleich zwischen Gutenberggalaxis und Webgalaxis überhaupt bestand haben soll.

Der Hinweis von Shirky, dass Peer Review (also das Begutachten von wissenschaftlichen Arbeiten im Kreis der weltweiten wissenschaftlichen Gemeinde) die Qualität oder Verlässlichkeit der wissenschaftlichen Revolution via Web regelt, hinkt. Man braucht dieses Argument gar nicht per Wikipedia zu verlängern. Denn schon im postmodernen Methodenkanon der Wissenschaftstheorie klappt dieses Postulat als Verbesserungsmechanismus nur allzu selten. Denn es wird enorm viel publiziert. Und diejenigen, die wirklich Erfahrung, Expertise und akademische Renommee (also die Mittel haben) um Zweifel zu überprüfen, müssen ihrerseits sehr viel Zeit aufwenden, um selber viel Neues zu publizieren. Zeitmangel und Oberflächlichkeit sind die Folge. Die Flut der Wissensausflüsse in Wissenschaftsmagazinen hat es schon vor dem Web gegeben. Und auch die Ohnmacht vieler Fachbereiche, all die Arbeiten wirklich ausreichend mit Experimenten oder anderen Prüfverfahren auf Herz und Nieren zu validieren. Da hat das Einbeziehen Freiwilliger bei Wikipedia in keiner Weise eine neue Qualität entfacht, die auf das intellektuelle Leben neuartig normierend zurückwirkt. Lediglich der Ton der “internen” Diskussionen wird bei Wikipedia nicht selten unsachlich, persönlich und prädemokratisch geführt. Es liegt also eher eine Regression als eine Weiterentwicklung vor.

Auch der Hinweis auf open source, die ohne Managerkontrolle sozusagen einfach so aus einer Gemeinschaft Freiwilliger emergiert, läßt den Hinweis zu, dass Shirky entweder wirklich glaubt was er schreibt oder eine Mission hat, die er nicht verrät. Gerade die bekannten Open Source Projekte sind deshalb noch immer erfolgreich, weil sehr wenige Köpfe entscheiden und kontrollieren, was wie realisiert und integriert wird. Stellvertretend möge sich der geneigte Leser die Entwicklung von Linux genauer ansehen. Die Abwesenheit von “managerial control” wie sie Shirky beschreibt ist dort mitnichten erkennbar sondern – im Gegenteil – ist der Fokus auf wenige Entscheider eher der Grund für den lang anhaltenden Erfolg.

Das Problem der Zerstreuung des intellektuellen Fokus, dass schon Schirrmacher wie eine Monstranz vor sich hertrug, bewertet Shirky als eien historische Konstante, die auch schon den Buchdruck begleitet hatte, als er schreibt, dass es bereits 100 Jahre vor den ersten wissenschaftlichen Magazinen erotische Literatur gab. Ich würde da zwar eher an anthropologische Konstanten denken oder an Maslows Bedürfnispyramide, aber Schwamm drüber. Shirky meint, dass die Antwort auf die mentale Zerstreuung durch die vielen Informationsquellen in sozialen Strukturen läge. Schirrmachers Ängste würden unterstellen, dass in der Vergangenheit alles perfekt gelaufen ist hinsichtlich des Umgangs mit Wissen, dass wir aktuelle Leser nur dummen Quatsch vorfinden und dass die aktuelle Generation keine neuen Normierungsvorgänge realisiere.

Shirky erklärt, dass wir kurz vor dem Siegeszug des Web, also in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts deutlich weniger gelesen haben, weil wir mehr vor der Glotze saßen, womit das erste Argument der Webpessimisten widerlegt sei. Der gegenwärtige (verwerfliche) Fokus auf Wegwerf-Medieninhalte hätte anders als sonst eben den Vorzug zum Wegwerfen gemacht zu sein – man könne also sowohl in Buchläden wie auch im Web verfolgen, dass der Mist, der überflüssig sei, sehr schnell wieder verschwinde. Man müsse sich also nur auf das konzentrieren, was bliebe. Der einzige Stress, dem wir ausgesetzt seien, sei der, dass wir die Generationen seien, die erlebten, dass alte und neue Institutionen parallel um unsere Aufmerksamkeit buhlten. Dieser Überfluß aber sei kein Übel. Wir müssten einfach angesichts der neuen technischen Möglichkeiten neue Institutionen und neue Fähigkeiten entwickeln wie wir das schon einmal taten.

Ja, das haben wir eigentlich schon vor 10 Jahren ziemlich genauso überall gelesen. Leider tun sich gerade diejenigen, die sehr hoffnungsfroh und voller Zuversicht über die Chancen des Web sprechen, sehr schwer damit, neuen Fähigkeiten und Institutionen klar zu benennen. Shirky bleibt ein weiteres Mal im Nebel, den auch schon sein Counterpart Nicholas Carr verbreitet. Einfach ein paar Projekte aufzuzählen und in eine Argumentationkette einzubauen, erinnert stark an das Schirrmachersche Indienstnehmen beliebiger Experimente, um seinen Meinungen einen positivistischen und damit irgendwie faktischen Anstrich zu verleihen. Aber Meinungen werden durch Fakten nicht zu begründeten Annahmen oder gar Hypothesen. Sie müssen auch eine Fähigkeit haben, Phänomene zu erklären. Diese Aufgabe eines Denkmodells fehlt noch immer – sowohl bei den Adepten des Web wie bei den Bedenkenträgern. So verbleibt der intellektuelle Diskurs zum Thema soziale Struktur Web in einem Sammelsurium aus Kennst-Du-noch-nicht und darauf aufbauenden Tastbewegungen der Selbstvergewisserung. Macht wenig Zuversicht.