Dez 21 2009

Interview mit Robert Basic

Interview mit Robert Basic zum Verkauf des twitter-accounts @RobGreen und seinem Projekt buzzriders.

basic

Hallo Robert,
F: Deine Idee, den twitter-account @RobGreen zu verkaufen, stößt nicht auf ungeteilte Freude oder gar Respekt. Auch Hohn und Spott dürftest Du einkalkuiert haben. Hast Du nicht Angst, Reichweite auf Kosten der Glaubwürdigkeit einzukaufen?

A: Nicht einmal ein bisschen. Das hat ganz einfach zwei Gründe. Erstens, ich stelle mich hin und sage, dass Twitter im Wesentlichen ein Informationskanal ist. Nebst seiner Rolle als sozialer Kuschelkanal, der es für einige ebenso sein mag. Wer in @robgreen außerhalb meines Bekannten- und Freundeskreises etwas anderes als einen Infokanal gesehen hat, war auf dem falschen Dampfer. RobGreen bin ich für meine Follower, Infos waren und sind die Währung, Robert Basic bin ich für meine Freunde und Bekannten und das sind nicht 5.000. Demnach verkaufe ich einen gut ausgebauten – für deutsche Verhältnisse – Informationskanal. Keinen Freundeskanal. Ehrlich und straight, ohne blabla.
Zweitens: Wer sich Gedanken ob dem Ausverkauf von Followern machen will – so wie in meinem Fall – sieht Twitter auf seine eigene Art und schaut sehr kurz. Twitter selbst ist nicht wegen Freundschaft finanziert, und Google noch sonst jemand wird deswegen Unsummen eines Tages hinblättern. Darüber mache ich mir wenig Sorgen, es ist Business. Follower und User selbst sind deren Business. Daher sei mir ein Schmunzeln ob der Frage nach der Glaubwürdigkeit erlaubt, da ich offen und transparent agiere.


F: Kann buzzriders jetzt schon die publicity gebrauchen? Steigt nicht der innere und äußere Druck durch solche Aktionen, da durch das Publizieren des Namens auch eine Erwartungshaltung erzeugt wird, die Helfer, Dienstleister und zuletzt auch Dich an zügige Ergebnisse bindet?
A: Druck war nie schlecht, übermäßige Erwartungen mögen zwar aufkommen, doch das Projekt habe ich für mich von Beginn an für fünf Jahre ausgelegt, bis es da steht, wo es vom Ziel her stehen soll. Ein großes Vorhaben, von dem ich mich nicht abbringen lasse. Nach fünf Jahren ist für mich persönlich Schluss, dann packe ich meine Sachen. Also 2014.


F: Du nutzt Don Tapscotts Bestseller wikinomics als Blueprint für die Organisation des Projekts. Dort vertritt der Kanadier einige Thesen über das Wirtschaften der Zukunft

  • freiwillige Zusammenarbeit
  • Offenheit
  • eine Kultur des Teilens
  • globales Handeln

Hast Du nicht den Eindruck, dass der kalkuliert publikumswirksame Auftritt diese Thesen konterkariert?
A: Aufmerksamkeit und Interesse wecken, ist unendlich schwer in einer Gesellschaft, die förmlich zugeballert wird mit Mehr und Höher und Weiter. Ich finde, wir machen es mit Buzzriders dahingehend sehr bescheiden, sehr realistisch und übertreiben nicht. So auch dieses Angebot, meinen Account zu verkaufen, das ohne viel Trara sachlich und sehr analytisch im Angebotstext beschrieben wird. Trara machen diejenigen daraus, die Jehova hören und mitschreien.


F: Wie sind eigentlich deine praktischen Erfahrungen mit diesem theoretischen Gerüst von Tapscott? Kannst Du sie bestätigen, oder zeigen sich in deinem Projekt andere Tendenzen?
A: In vielen Bereichen – eigentlich wie bei allen Dingen – entspricht es weder dem einen noch dem anderen Extrem (”es geht wunderbar” bis “es geht gar nicht” so nach Wikinomics). Eine große Rolle spielt das Soziale, das Zwischenmenschliche. Ebenso im organisatorischen Umfeld: ohne Leitung geht es nicht, mit völligem Loslassen überhaupt nicht. Was aber festzustellen ist, dass man durchaus Menschen mit einer Vision begeistern kann, sich einzubringen. So schwer es auch fällt, außerhalb einer Unternehmensorganisation das Ganze organisatorisch dann effizient zu managen. Denn, die Mitwirkenden können mal mitarbeiten, mal nicht. Im Gegensatz zu Angestellten. Aber das war mir von vornherein bewusst, dass ich und wir alle extrem viel zu lernen haben werden, Fehler machen werden, doch wenn man sich fokussiert und nicht vom Ziel ablässt, wird auch das gelingen.


F: Was wäre dein Tip für jemanden, der heute ein Webprojekt zusammen mit der Net Generation durchziehen will? Barcamps bis zum Umfallen und dann das übrig behalten, was massenkompatibel erscheint?
A: Die Idee, sehr früh vor Ort gemeinsam an einer Idee Dritte mitmachen zu lassen, kann ich jedem nur empfehlen. Und ein wichtiger Rat: Egal, welche Struktur man sich gibt, eine muss her. Ohne geht es nicht. Es organisiert sich nicht von alleine. Sei es das Sammeln von Ideen, explizit, das Verteilen, Aufgreifen, weiterdenken, wieder treffen.


Bildnachweis: mrtopf


Dez 8 2009

Visuelle Suche mit Goggles: Google ist zwei Jahre vor dem Wettbewerb

Die Verlage meckern über ihre mickrigen 10% Gewinn; das sind sie nicht gewöhnt. Google muss wohl schuld sein, dass die Innovationen vieler Verlage keine waren. Wer sonst? Die Kunden vielleicht? Dann müssen sie dafür zahlen – und zwar gesetzlich geschützte Zahlungen wie bei der GEZ müssen es sein. Es geht schließlich um ganze Verlegerdynastien, die sind so etwas wie die Dinosaurier, die muss man pflegen und hegen. Wenn die Asiaten Europa bald zum Touristenparadies erklären, dann hat man was Pittoreskes zum Vorzeigen. Derweil wird Google größer als Mercedes, Ford und EADS zusammen. Wie? Weiterlesen!

Microsoft hat versucht mit bing die Idee von Google etwas zu verbessern. Also haben sie Videos und das social web integriert. Nett. Gute Idee. Aber zukunftsträchtig?

Denn mittlerweile befindet sich das Web in der Hosentasche von Millionen von Nutzern. Das Telefon bringt unter anderen mit der innovativen Telefonnummer zum Mitnehmen (Google Voice) und den vielen location based services à la Gowalla und Foursquare einen echten Mehrwert, weil die Menschen nun ihre Umwelt und ihre Handlungen mit Webfunktionen synchronisieren, dokumentieren und erweitern können. Nicht auszudenken, wenn Flip, iPhone, Zooms H2 und ein DVB-T-Tuner in einem Android Gerät zusammenwachsen…

Mobile Mediamachines. Fehlt nur noch der Anschluß an die Warenwelt, oder?

Was wäre, wenn dazu noch eine Suche käme, die direkt mit den Dingen um uns herum funktioniert. Handy raus, das Weinetikett fotografieren und Googles neue visuelle Suche namens Goggles findet den Anbieter, das Anbaugebiet, einen Laden in der Nähe, der denselben Wein noch billiger anbietet oder sucht den passenden Käse dazu aus. Damit nehmen sie den Fehdehandschuh von Wikitude und Layar auf.

Wer glaubte, dass Google den Zug mit social software verpennt hat, der wird feststellen, dass sie offenbar das Social Web genauso überspringen, wie viele Microsoft Kunden Windows Vista ausgelassen haben. Enterprise 2.0 nehmen sie ja mit Wave noch mit. Macht Sinn die visuelle Suche, denn wenn augmented reality so funktioniert wie Goggles, dann ist das nächste große Rad, Werbung und Empfehlungen To Go im mobilen Web. An dieser Stelle scheint Goggle dann noch deutlich weiter als wikitude und layar. Das dürfte dann noch ein paar Anzeigenmilliarden aus dem Fernsehen ins Web ziehen. Goggle 1.0 hat der Presse die Hosen ausgezogen. Goggles wird das für Radio und TV erledigen. Da macht es auch nichts, wenn Android 2013 die Nummer zwei hinter Symbian wird. Kann helfen. Vielleicht werden sie sogar das iPhone unterstützen – eine zeitlang.

Vorhersage: 2013 wird der Werbemarkt im Fernsehen im Vergleich zu 2008 bei rund 70% liegen. Aber nur dann, wenn die Sender extreme Rabatte einräumen, sonst eher gegen 70%. Meine Damen, halten Sie ihre Hüte fest. Wenn Goggles zum Fliegen kommt, wird es eng. Dann brauchen mehr Medien als nur die Verleger Schutzzölle für ihre Geschäftsmodelle aus dem Jahr 1852.

Dann werden ehemalige Massenmedien zu Medienmanufakturen für Connaisseurs oder sie gehen baden. Außer Springer: iPhone und Android machen sich nicht so gut neben der guten alte Maurermarmelade mit Zwiebeln.

Quelle: android.net


Dez 4 2009

Visualisierung: Wie Imperien sich in Jahrhunderten verändern

Visualizing empires decline from Pedro M Cruz on Vimeo.

via http://lobotommi.tumblr.com/


Dez 2 2009

Die Welt dreht sich schneller – mit und ohne Web

Photo: Poncke, Amsterdam

Photo: Poncke, Amsterdam

Seit 2 Jahren laufen die Webexperten herum wie Hühner, denen man den Kopf abgeschlagen hat. Der Körper läuft noch, aber die Richtung, die der Körper vor dem tödlichen Hieb eingeschlagen hatte, wird nicht mehr geändert. Und oben spritzt die ganze Essenz des Expertentums heraus. Über Jahrzehnte haben Generationen von Problemlösern den heiligen Rechenmaschinen die tollsten Kunststücke entlockt. Und nun? Jetzt tobt die nächste Generation von Experten herum und ruft die Demokratisierung der Problemlösung aus. Bürgerliche Technologie. Der Geist der französischen Revolution ist in der Lampe und jeder kann dran reiben. Allerdings erscheint keine wunderschöne Jeannie sondern die crowd. Bitte nicht verwechseln mit dem Schimpfwort der Amerikaner für uns Deutsche.

Es handelt sich keineswegs um ordinäres Kraut sondern um die Nutzer des Web. Das sind mal glatt 25% der gesamten Weltbevölkerung. Um das mal aufzudröseln für die Kontinente:

  • Afrika: 6,8%
  • Asien: 19,4%
  • Europa: 52%
  • Nordamerika: 74,2%
  • Südamerika und Karibik: 30,5%
  • Australien und Ozeanien: 60,4%
  • Mittlerer Osten: 28,3%

Das ist die crowd. Denn das ist die Verbreitung des Internet. Schlaue Experten von hüben und drüben des Atlantiks sinnieren über die Gesellschaft als Netz oder die Freiheit im Netz. Wer ein bißchen reflektiert, weil er auch außerhalb des Web Menschen kennt, der wird aufgeregt nicken, wenn Wissenschaftler vom digital divide zwischen der nördlichen und südlichen Hemisphäre sprechen. Wenn aber 50% der Europäer gar keinen Webanschluß haben, dann ist es auch vermessen, hier von einer großen Bevölkerungsgruppe zu sprechen. Die Nichtwähler haben ja auch nix zu melden in diesem Land – die Spalter. Leben hier einfach so rum auf unsere politischen Kosten und beteiligen sich nicht. Brauchen sie auch nicht. Denn das passiert jetzt im Netz. Ja, wirklich? Wo denn? Wie?

War früher das Internet noch eine große Rundablage für allerlei wissenschaftliche Publikationen, verkam es in den Neunzigern zu einer Sammlung hüpfender und blinkender .gif-Grafiken. Als man noch wenig gute Inhalte im Netz fand, entwarfen schlaue Leute Suchmaschinen wie Yahoo und Google. Heute gibt es keinen Mangel mehr an Publikationen. Jeden Monat verzweifelt ein Verleger mit einem neuen Magazin. Jeden Tag starten Dutzende im Netz ein neues Blog. Die Halbwertszeit dieser Blogs und der neuen Magazine pendelt sich bei 8-12 Monaten ein. In der Folge werden die Suchmaschinen mit veritablem Dung gefüttert, aber die Freunde lesen es – mache zumindest, eine Zeit lang. Eine Armada von Suchmaschinenspezialisten nutzt die Eigenheiten von Spidern und Crawlern aus, um die Suchmaschinen davon zu überzeugen, dass mittelmäßige Texte schon lesenswerten Gehalt haben. Insofern muss man Jonathan Zittrain recht geben, der die frühen Gehversuche der IT als „Kühlschränke für Wörter“ bezeichnet.

Sind wir schon weiter als das? Wenn man neuartigen Problemlösern glauben darf, die immerzu „demokratisch“, „sozial“ und „crowd“ in den Kühlschrank hineinrufen, sind wir definitiv viel weiter. Aus deren Sicht sind wir schon im „web of flow“. Hier fließt das einzige wahre Gold der Menschheit in Strömen zu Tal: Kommunikation. Tausende von Kühlschrankverkäufern tun mit und rufen für die vielen Professionellen: „Nur wer Wissens teilt, kann es vermehren“ und ähnlich esoterische Botschaften. Das Hausblatt der organisierten Futuristen namens brandeins hat unlängst ein ganzes Themenheft auf den Markt der Eitelkeiten geworfen und alle brechen in dasselbe Horn: Es ist der Wind of Change zu spüren. Wissen rulez the holy community and free speech flows to the sky…

Leider kommt der Wind nur in Gestalt älterer Großväter vor das Mikrofon und liest vom Telepromter vorfabrizierte Phrasen ab. Begriffe wie Information werden mit einem Kompositkleber namens Kontext zu einem Amalgam verbunden, das Millionen von Clicks standhalten soll. Die ersten Karussellbesucher steigen schon angesäuselt aus der Belustigungsmaschine und schimpfen über die vielen Bilder, die durch die enorme Beschleunigung auf den Hirnlappen einströmen. Die innere Karte der Welt zerbröselt es. Da rufen die weißbärtigen alten Hasen, es sei alles eine Frage der Filterfunktion und fordern die „crowd“ auf, endlich Klarschiff zu machen. Und so rufen wir uns bei jeder Umdrehung zu, dass es gleich ein spannendes Inhaltskristall gäbe oder ein glitzerndes Kontextsteinchen aufzuheben sei. Wie in einem klassischen Jump-and-Run-Spiel sollen wir so alle blauen, roten und goldenen Symbole aufheben und beim nächsten Levelgegner verteidigen um das Adventure zu Ende spielen zu dürfen. Ob dabei bürgerliche Freiheiten und Grundrechte verteidigt werden? Genauso wie seinerzeit beim Markteintritt der mobilen Telefone.

Erinnern Sie sich noch an die erhitzten Diskussionen, über die laut telefonierenden Flegel, die im Zug, in der Stadt und beim Metzger um die Ecke die soziale Ordnung störten?

Genau das ist das Web heute. Man vergewissert sich gegenseitig, dass man am Leben ist. Dann noch ein bißchen eitler Zuckerguß drauf und das obligatorische „Kommt der Klaus heute abend mit zum Bowling oder kommt der erst Sonntag zum Spiel?“. Ich mag das. So sind Menschen eben. Aber ob das ein Zukunftsmodell ist, einfach festzustellen, was für jeden Holzklotz evident ist?

Es ist egal, wieviel Demokratie, Bürgertum, Wissen, Freiheit und sonstwas in die Gestelle der Menschen hineindenken. Es kommt nur etwas dabei heraus, wenn wir denen Zutritt zu unseren Hirnen und Herzen verschaffen, die aus ganz anderen Lebensentwürfen, ganz anderen Kulturen und ganz anderen Gegenden kommen.

Ob das Web uns dabei hilft, die Kluft zwischen der eigenen Scholle und den Schollen der anderen normalen Menschen zu überwinden?

Es wäre zu wünschen. Mit Diskussionen über Hirne, Information und bürgerliche Rechte im Browser wird es nicht so klappen. Ein Öffnen des Unvermeidlichen der Gewohnheit zum ganz Anderen in und um uns wäre schon ganz nett. Aber dafür braucht man natürlich kein User Interface sondern ein Human Face. Die Kongresse und Experten zu diesem Thema sind leider gerade aus – hoffentlich kommen sie morgen wieder rein. Bedarf wäre da.