Okt 30 2009

Medientage: Dinosaurier finden den riesigen Meteoriten ganz bezaubernd

Auf den Medientagen in München hat es erneut ein Wiederkäuerpanel gegeben. Zum gefühlt 297. Mal wurde die völlig überflüssige Frage gestellt, ob Papier oder LCD-Monitore die bessere Grundlage für Recherche und Distribution von Nachrichten sind.

Zum gefühlt 297. Mal hat keiner über die Abwesenheit der Leser diskutiert. Manchmal reden welche über die goldenen Zeiten der Kleinanzeigen und Stellenangebote damals 1985. Aber bei der Diskussion über Rechteverwerter (alias Verlage), Schreiberlinge (alias Journalisten und Blogger) und Werbekunden hat man den öffentlich als goldenes Kalb gebrandmarkten Verursacher von Massenmedien völlig vergessen. Es ist die scheue Spezies des Lesers.

Das ganz neue Neu wird jetzt noch neuer

webDa wird neu strukturiert, neu organisiert, neu gelauncht und alles wird total erneuert. Alles? Nein. Ein kleines unbeugsames Dorf namens Gehalt und Strategie bleibt eisern bei seinen alten Göttern. Sollen doch die irren Römer die ganze Welt um uns neu anstreichen. Mia san mia wie der Bayer sagt. Denn mia haben den geheimnisvollen Zaubertrank. Und so zeigt Jeff Jarvis, der mittlerweile qua dpa zum Internet-Guru gekrönt wurde (er ist übrigens jemand, der sich viele Gedanken um Journalismus im Web-Zeitalter macht und daher die im Web erfolgreichste Firma beobachtet hat), in seinem tweet das ganze Dilemma der Qualitätsdebatte. Drei von vier „Artikeln“ über seinen Auftritt verdienen den „Grünen Punkt“ als recycleter Content. Und auch meedia wiederholt die alten Kamellen von link economy etc. pp. ohne auf das Thema und die spannenden Diskussionen anzuknüpfen. Warum auch. Wir haben ja den Zaubertrank, in den Markwort schon als Kind gefallen ist: Qualitätsjournalismus.

Es ist wirklich noch immer so, dass alle glauben, dass der Wert einer Zeitung im Journalismus läge. Wir wissen, dass der Gewinn aus den Kleinanzeigen und den Stellenageboten kam. Der Wert bestand immer darin, eine bestimmte Klientel in ihren Vorurteilen zu bedienen. Wie waren die Schreihälse laut, wenn es mal einer wagte, in einem großen Hamburger Magazin plötzlich erzkonservative Werte einzuziehen und die Hälfte der Leserschaft vor den Kopf zu stoßen. Noch heute überholt dieses Magazin den wahren erzkonservativen Cicero manchmal auf der Standspur.

Zeitungen für den Leser oder vom Leser?

Oder als neulich Roger de Weck den Feuilletonchef einer Frankfurter Zeitung darauf hinwies, dass sie gefährlich nahe am Boulevardjournalismus operiere. Ist es besonders wertvoll, wenn einem das Wasser so nahe an der Lippe steht, dass man überall nach neuen Absatzmärkten fischt? Sogar fast verschenkte Bordexemplare und Probeabos werden dazu benutzt, um Qualitätsjournalismus noch weiter in seichte und trübe Gewässer zu ziehen. Gäbe es echte Qualität, dann könnte man sie daran erkennen, dass sie rar wäre. Und rare Güter sind teuer. Preisbildung. Meinen Sie?

Wer schon mal in den Staaten war, der weiß, welche Nachrichten dort rar sind: Internationale Nachrichten. In keiner TV-Nachrichtensendung und in keiner Zeitung kommen internationale Ereignisse vor – außer Erdbeben, Tsunamis oder ein Mitglied der amerikanischen Regierung ist irgendwo in Übersee. Warum? Es würde kein Amerikaner dafür bezahlen. Die Qualität des Journalismus beruht auf einem einfachen Prinzip. Der Leser ist der Herausgeber. Er entscheidet über das, was gedruckt wird. Sonst keiner. Das ist der Grund, warum die BILD-Zeitung auch mit einem Getränkeautomaten als Chefredakteur so glänzende Erfolge feiern würde. Drei mal verlorenes Kind, zwei abbe Arme, eine Sechslingsgeburt, vier Arbeitslose auf dem Weg in den Himmel und ein frisch enthülltes Geheimnis eines C-Promis plus Fußballergebnisse und Trainergerüchte reichen.

Eine Prise brand eins gefällig? Mehr oder weniger vernebelte Firmenstories unter dem Deckmantel eines Themenhefts. Immer mit guten Teasern und fast immer mit brüllend personalisierten und/oder trivialisierten Aufbereitungen vermeintlich hipper oder zukünftig hipper Themen. Es geht dabei nicht um Aufklärung sondern um das narrative Element (Infotainment heißt das im TV). Man muss auf eine geschickte Weise Firmenportraits malen, die nicht so plump als Gründerstory daherkommen. Nein, diese Firmen haben Philosophie/Askese/Konflikt/Diversifikation/Evolution unter der Haube.

Oder die FAZ? Freie Fahrt für freie Banken und Versicherungen. Wir deregulieren das Land solange verbal bis wir das ganze Dilemma unserer Liberalisierungsarien in die Arme von hilflosen Politikern überantworten, die ihrerseits die Verantwortung wieder an die Experten abgeben, die die Dilemmata hervorgerufen haben unter lautem Beifall eben dieser FAZ die jetzt den Vater Staat als liebenden Patriarch entdeckt hat.

Sind Presseorgane die schlechteren Parteien?

Erkennen Sie einen Analogie? Ja, da haben Sie Recht. Die Parteien sind ganz genauso. Die sagen nur das, was die hören wollen, die sie wählen wollen. Und dann kommt die Wahl. Und dann kommt das böse Wort: Wirklichkeit. Wir würden gerne was tun, wie wir versprochen haben, aber die Sachzwänge.

Das ist auch das Problem der Medien, die Sachzwänge. Und so schreiben weiterhin professionelle Stammtischler für Amateure an der Theke. Zufällig passiert dann mal ein Heft, das über neue Technologien berichtet, die nur von einem Hersteller sind. Oder Qualitätsmagazine nutzen Hautkrankheiten um über den Zustand ihrer Selbstüberschätzung hinweg zu senden. Und die Magazine nutzen weiterhin dpa Meldungen um die 30-40% eigenen Inhalte gekonnt als glitzerndes Lametta zu drapieren.

Und damit man das alles nicht merkt, diskutieren sie ganz feste mit den jungen Blöden über das tolle/böse/schnelle/oberflächliche/hilfreiche Web. Denn wer über Papier und digitale Distribution streitet, der braucht nicht über die öffentliche Willensbildung und den Informationsauftrag zu reden. Man kann ja hilfsweise auf den Hilfweisen verweisen. Habermas wehrt sich ja nicht mehr. Und Lyotard? Wer ist das? Ein Fußballspieler aus Marseille oder Lyon?

Die Medien der Zukunft sind frisch, neu und – anders?

Und Blogs sind ganz anders? Wirklich?

Und Ziesemer möchte seine Korrespondenten in 5 Jahren noch bezahlen können und die allwissende Professorin Meckel erklärt, dass Print nun exklusiv und teuer werden muss. Bei Ziesemer kann man das verstehen, die machen jetzt die brennenden Innovationen von 2000 nach mit TabloidFormat und viel mehr NEU. Meckel fällt nix Besseres ein, als den Wiedeking zu machen. Wenn schon in den roten Zahlen, dann wenigstens mit sehr teuren Produkten. Leider gibt es keine russischen Mafiosi, die exklusive Zeitungen aus mundgelecktem Nilpapyrus mit kniegeklöppelten Büttenapplikationen in Schildpattschuber goutieren.

Wie erklären wir denen, dass die meisten Menschen ohne Zeitung gar keine Frühstückspause, keine Zugfahrt, keinen Friseurbesuch, kein Wartezimmer oder gar einen Sonntagmorgen im Bett aushalten können. Allerdings reicht für jedes Bedürfnis eine Anzahl von 2-3 Zeitungen. Da wir nur noch wenige Hobbys für Reiche haben (Segeln, Villen, Sportwagen) und nur ein Hobby für fast Arme (Sport), kann man die benötigte Zahl der Wochenzeitungen mit 3 bezifffern und die der Magazine mit 12 plus 2 für 24monatige Trends wie Kochen. Oder gibt es Trinkerzeitungen? Und bitte, können wir der armen SPD, die ja schon wohlwissend ein zweites Standbein in der Tageszeitungsindustrie hat, einfach die Last der Politik abnehmen und ein virtuelles mentales Altersheim für alle Angestellten und Arbeiter zwischen 6.00 Uhr und 14.00 Uhr einrichten – wahlweise in der Pause abzurufen. Dann übernehmen die einfach eine Tageszeitung für das ganze Land mit einer Mantelredaktion beim ehemaligen Schröderspezi Diplom-Sozialarbeiter Hombach. Die Zeitung mit den vier Buchstaben soll sich nicht grämen. Sie wird weiterhin unter die Marlboro, die Schrippen, die Pulle Korn geklemmt und mitgelesen. Denn fürs stille Örtchen braucht man ja schließlich auch was.


Okt 29 2009

Startup School 2009: How twitter started – Biz and Ev telling the story behind


Watch live video from Startup School on Justin.tv


Okt 23 2009

Wikipedia: Wer Relevanz und Referenz verwechselt

Ein ewiger Streit rund um Wikipedia ist die Entscheidung darüber, welche Inhalte bleiben dürfen oder neu aufgenommen werden. Es gibt zwei Ebenen: Texte, die editiert bzw. aktualisiert werden und ganz neue Texte zu bisher unbeschriebenen Dingen und Sachverhalten. Neulich führte Wikipedia unter Federführung der Deutschen eine Hierarchie der Autoren ein, sodass altgediente Wikipedianer (admins) die Änderungen neuer Nutzer dominieren können. Das führt auf lange Sicht zu einem Inzestmodell des geschlossenen Kulturkreises. Das ist eine sehr sinnvolle Methode, um in einige Jahren den Weg für neue Online-Enzyklopädien zu öffnen. Eine noch bessere und schnellere Methode besteht darin, einfach weniger neue Inhalte zuzulassen.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Wenn man die Zahl der Administratoren mit besonderen Rechten beschränkt, dann muss auch der zu überwachende Inhalt beschränkt werden.

Nun ist der Aufschrei groß. Die zwei Vertreter der alten Erkenntnis-Philosophie Alles-muss-rein=Inkludisten und ihre vermeintlichen Gegenspieler Nur-das-Wichtige=Exkludisten haben beide ein Problem. Ihre Argumentationen sind ohne weitere intellektuelle Begründung passiert. Die Einen verwechseln Relevanz mit Referenz und erklären, dass nur Inhalte mit belegbaren Quellen (in der Holzmedienwelt) von Belang sind. Sie leben noch in dem Weltbild, das Journalisten gerade schmerzlich vermissen: Was auf Papier veröffentlicht wurde, hat einen Wert. Ihre „Gegenspieler“ begründen neue Artikel allein mit der Tatsache, dass Menschen daran arbeiten und daher ein Interesse der Masse besteht. Sie laufen Gefahr, enorme Redundanz zu produzieren und den Suchenden in ein Netz aus Ähnlichem zu verstricken. Dabei ist nicht die Übersicht das Problem, sondern Tiefe und die essenzielle interne Verlinkung. Aber das ist das geringste aller Probleme rund um Faktenwissen.

WikipediaBeide Lager aber begehen einen Kategorienfehler. Denn eine Enzyklopädie kann aus antikem Verständnis eine alltagsorientierte Einführung oder Hinführung zu höherem Wissen sein – was in gewissem Sinne durch die Querverweise am Ende eines Eintrags belegbar wäre. Wenn diese Links dort unten wirklich zu sachgerechten Zielen führen würden und nicht bloß den Text darüber belegten. Die ersten Enzyklopädisten um Diderot und d’Alembert, die die Deutungsmacht der Kirche durch eine alphabetisierte Ordnung des verschrifteten akademischen Gedächtnisses im Auge hatten, waren im Namen der Freiheit unterwegs. Der Philosoph Hegel wollte aus dieser Emanzipation der Aufklärung ein grundsätzliches Unterfangen stricken: Nichts Geringeres als ein System des menschlichen Wissens sollte es sein. Nun sind System aber Modelle einer Wirklichkeit. Jedes Subjekt verfügt aber über mehrere Modelle je emotionaler Verstricktheit. Was mir heute als ausgeschlafenem Geits sinnvoll erscheint, kann nach einem Streit im Büro, einem langen Stau und schlechtem Essen zu einer Unerträglichkeit werden. Ich habe diese Relevanzproblematik hier etwas ausführlicher beschrieben.

Das Problem an all diesen Vorhaben ist aber, dass Wissen nicht repräsentierbar ist. Repräsentation ist das Verhältnis zwischen einem Zeichen (Laut, Bild, Wort) und dem, was wir semantischen Gehalt (also Essenz einer Bedeutung) nennen. Nun ist es aber so, dass das Auge das Sehen nicht sehen kann und das Ohr das Hören nicht hören. Deshalb kann auch das Denken nicht das Wissen wissen. Dies ist ein so genannter kategorialer Fehler, in diesem besonderen Fall ist es auch gleichzeitig ein logischer Fehler. Man nennt ihn Zirkelschluß.

Wikipedia ist insofern keine Darstellung von Wissen sondern einfach eine Bibliothek online, die nicht in einzelne Bücher und damit in Perspektiven einzelner Autoren getrennt werden kann. Das erscheint zunächst als ein Art soziale Plastik. Aber die Menschen sind solche gemeinschaftlichen Werke nicht gewöhnt. Das hat zur Folge, dass sie improvisieren. Manche können das gut. Waren früher Buchdeckel zwischen den verschiedenen Meinungen sind es heute die dominanten Editoren bei Wikipedia, die ein lemma (einen Artikel) und die Änderungswünsche dazu überwachen und beurteilen. Es entsteht also das Gegenteil einer community of science, wie wir sie in den letzten Dekaden sogar interdisziplinär erlebten.  Zu Beginn durfte jeder auf der Landkarte des westlichen menschlichen Gedächtnisses seine Pflöcke einrammen und es entstanden heiße Debatten rund um Löschungsanträge und Änderungen. Heutzutage ist mit der Sonderstellung einiger weniger Editoren eine Hierarchie etabliert, die unter dem Vorwand der Übersicht für eine Reinigung sorgt. Das macht dann Sinn, wenn Idioten und Schwachköpfe ihre Kritzeleien vom Schulhof nach Wikipedia retten wollen. Es ist dann schwachsinnig, wenn andere Idioten die Mangelsituation bei Buchseiten oder Bücherregalen als Begründung für Begrenzung anführen oder noch sinnloser auf die Übersicht rekurrieren. Denn Übersicht erfordert einen Horizont, der den Sichtbereich einengt. Im Netz gibt es aber gar keine Dimensionen.

Und so argumentieren auch die anderen Schwachköpfe, die glauben, dass diese bisher nicht physikalisch beschriebene Welt im Web mit allem Denkbaren vollgeschrieben werden sollte. Wenn die Wikipedianer schlau wären, dann würden sie alles Mögliche zulassen und nach einigen Monaten des Monitorings feststellen, dass es Bereiche gibt, die sehr sehr selten genutzt werden. Diese Bereiche könnte man dann an alte, schlechter angebundene Serverfarmen übergeben oder in ein statisches Archiv überführen, wo sie gegen Geld oder andere sinnvolle Güter angesehen werden könnten oder auf ewig meditieren – bis ein guter Geist eine Änderung anfordert.

Dies wäre eine Abbildung des Lernens und Entlernens analog zum Menschen. Leider scheint aber bei wikipedia kein Konzept vorzuliegen, dass sich um den Kontext zwischen Lernen und Wissen kümmert. und so diskutieren weiterhin falsche Argumente gegen andere falsche Argumente und produzieren dadurch sachfremde Diskussionen, die niemandem helfen und einen sympatischen aber naiven Umgang mit menschlichem Faktenwissen dokumentieren, der wenig überzeugend erscheint. Es wäre vielleicht ganz gut, wenn mindestens einer der Verantwortlichen mal David Weinbergers Buch „everything is miscellaneous“ liest. Wenn derjenige sich dann auch noch kleines bißchen mit den Begriffen Wissensrepäsentation und dem Zusammenhang zwischen Lernen und Wissen befassen würde, könnte man den Eindruck bekommen, dass das Verantwortungsgefühl der Wikimedia Foundation auch in wissenschaftlichen und sachgerechten Bahnen verläuft. Ich würde es dem Projekt wünschen. Im Moment verhält es sich so, als rufe es danach, dass endlich Konkurrenz auftaucht, damit es eine externe Evolution erfährt. Ich muss allerdings zugeben, das Evolution manchmal tödlich ist für einige Spezies.


Okt 23 2009

Web2.0 Summit: Wichtigste Diskussion 2009 über Gegenwart und Zukunft von Nachrichten im Web

40 Minuten spannendes und großes Tennis!
John Battelle (Federated Media Publishing), Martin Nisenholtz (The New York Times Company), Marissa Mayer (Google), Eric Hippeau (The Huffington Post), Robert Thomson (The Wall Street Journal)


Okt 22 2009

Sloterdijk schreibt das Manifest der Leistungspfleger

kroenchen

Im Jahres des Herrn 2009 bekannte sich Petrus zu einem durchschnittlichen Sommer. Alles lief seinen gemächlichen Gang. Die Bevölkerung stöhnte unter der Abwesenheit des Wahlkampfs. Anfang Juni war noch keiner vor dem dräuenden Sommerloch in südliche Gefilde geflohen. Da entwarf eine bekannter Sprachwissenschaftler, der seit vielen Jahrzehnten um Anerkennung in der akademischen Philosophie kämpfte, einen neuen Gesellschaftsvertrag. Er läutete das ein, was man später als Skrotokratie bezeichnete, eine pekuniäre Verdauungslehre des sozialen Körpers.

Wer keine Arbeit hat, soll den Kopp zumachen und schweigend auf sein Almosen warten

Wie so viele Fachfremde vor ihm, die sich in der Weisheit der Ökonomie Meriten erarbeiten wollen, beginnt auch Sloterdijk seine Abhandlung über das ökonomische Gestell unserer Gesellschaft mit Rousseau:

„Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Das gehört mir!, und der Leute fand, die einfältig (simples) genug waren, ihm zu glauben, ist der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft (société civile).“

Wer immer diesen Satz an den Beginn einer Erklärung zum Wirtschafts- und Sozialleben stellt, hat mindestens eines ausgeblendet: Das Privateigentum erhielt seine Inauguration schon lange vor den Zeiten der Skythen. Denn viele Völker – vor allem die Reitervölker OHNE ortsgebunden strukturierte Gesellschaften – bestatteten ihre Krieger mit deren Privateigentum (Pferd, Schwert, Helm, Sattel und Schmuck). Der Satz von Rousseau ist nett, aber bedeutungslos. Die Aufklärung war mitnichten eine Leuchte der präzisen historischen Wissenschaften. Ihre romantisierende Sicht der Welt kann heute erheitern, aber nichts erhellen, was im Nebel liegt. Aus ihrer Perspektive gelangte auch der Glaube zu uns, dass das Ende des Mittelalters und damit auch der Beginn der Moderne im Auftritt des Individuums besteht. Kurz: Es ist eine willfährige Referenz für allerlei romantisch inspiriertes Gedankengut.

Die Inbesitznahme als Tathandlung des Tüchtigen als Diebstahl oder Leistung zu bezeichnen, geht am Kern der Ökonomie vorbei. Denn diese Wissenschaft bedarf ja der Vorratshaltung. Die bürgerliche Gesellschaft nimmt ihren Anfang also in der Erfindung des Nahrungsspeichers. Denn wer mehr sammelt und erlegt, als er am selben Tag essen kann, der muss sich mit einer besonderen Form der Infrastruktur auseinandersetzen. Das Lagern von Nahrung und das Einteilen der gespeicherten Lebensmittel. Genau hier beginnt nämlich auch die Geschichte des Eigentums der Reitervölker, die die seßhaften Clans und Sippen überfielen, eben weil sie soviel Wertvolles an einem Platz zusammen gestapelt hatten. Der erste Wert des Haushaltens begann also schon weit vor dem Einzäunen von Äckern.

Völlig zurecht bezeichnet Sloterdijk den Rousseauschen Mythos auch als sachfremde und haltlose Begründung der Marxschen Theorien rund um die Frühgeschichte des Kapitalismus. In der Folge führt er aus, dass diese Interpretation des UrUnrechts durch Inbesitznahme des Landes auch zu einer fortdauernden Respektlosigkeit des bürgerlichsten aller Rechte führt, nämlich dem Recht auf die Unverletzlichkeit des Eigentums.

„Von der Respektlosigkeit zur Enteignung ist es nur ein Schritt. Alle Avantgarden verkünden, man müsse mit der Aufteilung der Welt von vorn beginnen.“

Nun könnte Sloterdijk wissen, dass sich der Begriff Bürger von „Burg“ ableitet. Das bürgerlichste aller Rechte ist insofern der Schutz (vor den reitenden Horden und Räubern). Aber wie immer in diesen Zeiten der Suche nach Gründungsmythen und Werten, findet sich ein Geist, sie zu einen und zu führen. Sloterdijk legt hier einen bröckeligen Grundstein in eine leicht sumpfige Gegend, um darauf eine Leistungskultur zu bepflanzen, deren Flora und Fauna noch ein wenig im Dunkeln liegt.

Bleiben wir beim Bürger. Sein antiker Ahn, war qua Teilhabe an der Gerichtsbarkeit und der politischen Macht im Stadtstaat ein Bürger. Er war nicht abgelenkt durch das Ansammeln von Gütern, die man im Speicher aufbewahren und nach ökonomischen Gesichtspunkten verteilen konnte. Das übernahmen die Sklaven jener Zeit. So blieb viel Muße für das Diskutieren von rechtlichen und politischen Problemen innerhalb der griechischen polis.

„Wenn Meißel und Schiffchen von selbst sich bewegten, würde die Sklaverei nicht nötig sein.“ Aristoteles

Wenn man eine Geschichte der Ökonomie beschreiben wollte, die nicht den Fehler Rousseaus wiederholte, dass Inbesitznahme von Land die Ursache großer Vermögen sei, dann müsste man der kritischen Theorie vorwerfen, dass sie zu zahm agierte. Sie hätte wissen können, dass am Anfang und im Ursprung des modernen Bürgers eine Inbesitznahme von Menschen stand. Die wesentliche Ursache dessen, was wir heute bürgerliche Gesellschaft nennen, war die Sklaverei und nicht das Einzäunen. Wer heute den Besitz als bürgerlichstes aller Rechte kennzeichnet, so wie Sloterdijk es tut, der muss reflektieren auf die Sklaverei als Kern- und Angelpunkt einer bürgerlichen Ökonomie. Das freie Wirtschaften mit der Lebenszeit der griechischen Bürger basierte ja auf der Arbeit der Sklaven. Wenn Sloterdijk diesen nucleus der bürgerlichen Weltentstehung „übersieht“, dann nur, um den lächerlichen Fehler der kritischen Theorie zu brandmarken und dabei die eigenen Geschichtsklitterung als sachgerecht erscheinen zu lassen. Das ist bei einem Sprachwissenschaftler wie ihm verständlich. Sein Text wird durch diesen besonderen Mangel an Reflexion jedoch seltsam eindimensional und tut es an dieser Stelle der kritischen Theorie gleich.

Seine Tiraden gegen Proudhons „Eigentum ist Diebstahl“ wie der ganze Gedankenwald rund um die Kleptokratie baut eine Chimäre auf, die in derselben Verblendung wie Sloterdijks Theorie des Bürgerlichen badet: Das Ding gewinnt den Götzenstatus. Das Objekt wird zum Inhalt eines Streits, der das Wirkende mißachtet und negiert wo es nur geht. Das Subjekt, das als Sklave zum Gegenstand wurde, wäre das Zentrum eines verbitterten Jahrtausende währenden Kriegs. Noch die Briten hatten ja ursprünglich die globale Sklavenindustrie der mohammedanischen Herrscher als Grund für ihren Kolonialismus bezeichnet und seinerzeit den Kampf mit dieser Menschenverachtung aufgenommen. Und die Amerikaner, die in den Südstaaten ja bereits eine patriarchialische und damit gemäßigte Form der Sklaverei ausübten, waren es, die erstmals einen Bürgerkrieg um dieses antike Erbe führten. Kein Wunder, dass das Gemeinwesen in der neuen Welt einen ganz anderen Stellenwert erfahren hat als bei uns. An der Geschichte der Integration der Nachfahren der Sklaven in die amerikanischen Gesellschaft können wir in statue nascendi beobachten, wie und ob die Moderne überhaupt die Mittel zur Verfügung hat, die Wunden, die die bürgerliche Welt den Menschen angetan hat, heilen kann.

Es geht nicht um das Einzäunen und den Besitz der Dinge. Es geht um den Besitz eines Selbst. Nur hier kann eine Freiheit begründet sein – positiv wie negativ.

Und wenn Sloterdijk Recht behalten sollte, dass das movens der modernen Gesellschaft im Kreditwesen beheimatet ist, dann erweitert er das Hegelsche Ehepaar aus Knecht und Herr einfach um eine sexuelle Komponente überschießender Energie, die der Knecht vom Herr borgen kann. Die Libido der Ökonomie kann damit geliehen werden um den Preis der permanenten Schwächung der Potenz in der Zukunft. Was bringt dieser neue Gedanke, der Knecht und Herr durch Gläubiger und Schuldner ersetzt in der Wirklichkeit?

Der Eine lebt in einer gesicherten Existenz und verfügt über volle Speicher, die seine Zukunft sichern – er kann sogar etwas abgeben ohne sie zu gefährden. Der Andere braucht Güter, um seine gegenwärtige Existenz zu erhalten und muss dafür seine Zukunftsaussichten mit Zinsen belasten. Da die Zukunft nicht vorhersehbar ist, hat Ersterer keine Problem unabhängig von der Entwicklung. der Gläubiger jedoch kann im besten Fall seine Schuld UND die Zinsen abtragen, im schlechtesten Fall verliert er seine gesamte Existenz. Genau genommen wettet er mit dem Gläubiger um eine gute Zukunft. Wenn der Gläubiger diese gute Zukunft für sehr wahrscheinlich hält, erhöht er die Zinsen, weil er sich einen guten Gewinn erhofft. Wenn er eine schlechte Zukunft vorhersieht, dann erhöht er die Zinsen, um Ausfälle zu neutralisieren.

Der Unterschied zum Sklaventum besteht tatsächlich im Besitz des Selbst. Der Gläubiger kann aus freien Stücken zum Kreditgeber gehen. Sein negative Freiheit, Zu tun und zu lassen was er will, wird erst dann zu einer positiven Freiheit, wenn er die Mittel dazu in Händen hält. In dem Fall, da er sie durch Gläubiger beschafft, kann er zwar handeln, aber er ist gezwungen, mehr zu erwirtschaften, als er für die eigene Zukunft anspeichern muss. Er kann diese gespeicherten Güter aber nicht für die Absicherung der Zukunft einsetzen, sondern muss sie an den Gläubiger abführen. Sodass er in der Summe die ganze Zeit in derselben Situation ist, wie zum Zeitpunkt vor der Kreditaufnahme. Er hat keine sichere Zukunft. Er kann die Wette nicht gewinnen. Aber er kann sich selbst solange der Illusion hingeben, dass er produktiv ist und damit für die Zukunft sorgt, bis äußere Umstände den Kreditgeber zwingen, die Zinsen so stark zu erhöhen, dass die Zusatzprodukte des Nehmers nicht mehr ausreichen. Dann hat der Geber einen Titel und kann vollstrecken. Der Kreditnehmer, vorher NULL besaß, besitzt nun MINUSVERMÖGEN. Minusvermögen ist gespeichertes Gut, das der Kreditgeber in der Zukunft des Nehmers geparkt hat und immer dann abrufen kann, wenn dieser wieder etwas besitzt.

Dieses gespeicherte Gut, dass in Lagern bewacht wird, wurde später als Geld zu einem universalen Speicherplatz umdeklariert und wird heute in der Theorie als Kapital bezeichnet. Die väterliche Sklaverei der Amerikaner in den Südstaaten wird noch heute in einigen Kreisen als Beispiel dafür herhalten wie gut die Besitzer von Kapital, dass sie durch die Sklaverei erhielten und durch geschicktes Speichern und Verleihen erhöhten, mit denen umgehen, die offenbar zum dumm sind für solcherlei Ansammlung von Gütern. Dass dabei eine ethische Komponente mitspielt, die einigen den Gedanken an das Aufhäufen der Arbeitsprodukte Anderer verleidet, kommt bei Sloterdijk nicht vor. Aus der Perspektive Ausbeuter und Ausgebeuteter spricht keine ethische Reflexion. Und um diesem Mangel an transzendentem Überbau etwas entgegenzusetzen, führt er auch folgerichtig an die Stelle eines spekulativen Übergeordneten schnell den Staat ein. Dieser verkrüppelte Gottesbegriff dient ja mit seinen Gottesvaterassoziationen zu allerlei lustigen Thesen zwischen Himmel und Hölle, reich und arm.

Und natürlich kommt in der Folge des absolutistischen und totalitären Herrschers der moderne Staat derart unter die Räder, dass die radikalen Individualisten ihrer Zeit jeweils den Staat oder zumindest seine Regeln als Restalkohol vom absolutistischen Rausch bewerten. Nun haben aber auch die Liberalen und Libertären so einen Rest absolutistische Promille behalten. Es ist das enge Verhältnis des Königs zu seiner Reichweite. „Gebt dem König, was des Königs ist.“ Sloterdijk bleibt in dieser Tradtion des Privateigentums als agens und movens der Freiheit seltsam unentwickelt und indifferent.

„Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, dem antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen. Dies ist ein politisches Dressurergebnis, das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen.“

Denn er führt den Begriff der Produktivität ein. Dabei basiert aber dieser Begriff auf zwei Stromgrößen. Diese charakterisieren sich dadurch, dass sie einen Zeitraum als Bezugshorizont haben. Der Quotient aus Output und Input ist die Produktivität. Bei der Arbeit ist das Ergebnis durch Arbeitsaufwand. Allerdings ist dort nicht der Verschleiß der Menschen oder Maschinen eingerechnet. Bei der Produktivität ist das einfacher, sie ist definiert als Verhältnis aus Produkt zu Kapitaleinsatz. Besteht das Kapital hier aus Geld und nicht aus Maschinen, dann entsteht kein Verschleiß. Menschen die produktiv sind, müssen mit schleichendem Abbau ihrer Produktivität rechnen, eingesetztes Geld hat diesen eingebauten Alterungsfaktor nicht.

„So ist aus der selbstischen und direkten Ausbeutung feudaler Zeiten in der Moderne eine beinahe selbstlose, rechtlich gezügelte Staats-Kleptokratie geworden. Ein moderner Finanzminister ist ein Robin Hood, der den Eid auf die Verfassung geleistet hat. Das Nehmen mit gutem Gewissen, das die öffentliche Hand bezeichnet, rechtfertigt sich, idealtypisch wie pragmatisch, durch seine unverkennbare Nützlichkeit für den sozialen Frieden – um von den übrigen Leistungen des nehmend-gebenden Staats nicht zu reden. Der Korruptionsfaktor hält sich dabei zumeist in mäßigen Grenzen, trotz anderslautenden Hinweisen aus Köln und München. Wer die Gegenprobe zu den hiesigen Zuständen machen möchte, braucht sich nur an die Verhältnisse im postkommunistischen Russland zu erinnern, wo ein Mann ohne Herkunft wie Wladimir Putin sich binnen weniger Dienstjahre an der Spitze des Staates ein Privatvermögen von mehr als zwanzig Milliarden Dollar zusammenstehlen konnte.“

Hier versucht Sloterdijk das manipulative System der staatlichen fluidmechanischen Kontrollorgane für das Element Geld zu diskreditieren in einer Metapher des Dienstahls, die er noch gerade eben bei der kritischen Theorie verworfen hat. Er scheint allen Ernstes davon auszugehen, dass es sich hier um ein Geben und Nehmen handelte, das durch allerlei Bürokratur einen sozial ausgleichenden Nutzen schaffe und stellt das Gelingen ex negativo (der lupenreine Putin)dar. Und da durch Putins Duzfreund Schröder lustige steuerliche Entlastungen der Firfmen um mitterlweile mehr als 10% und Dinge wie Verbriefung und die Zulassung der Hedge-Fonds an der Tagesordnung waren, kann er auch ruhigen Gewissen den Liberalen diese und andere Wohltaten der Deregulierungzugute halten?

Das klingt seltsam, aber nun kommt die sauber komponierte Dauerberieselung endlich zum dramatischen Wasserfall, der leider in einem mentalen Durchfall endete:

„Lebten im ökonomischen Altertum die Reichen unmissverständlich und unmittelbar auf Kosten der Armen, so kann es in der ökonomischen Moderne dahin kommen, dass die Unproduktiven mittelbar auf Kosten der Produktiven leben – und dies zudem auf missverständliche Weise, nämlich so, dass sie gesagt bekommen und glauben, man tue ihnen unrecht und man schulde ihnen mehr.“

Jetzt wird die Gesellschaft nicht mehr in Freie und Unfreie oder Arme und Reiche oder Gläubiger und Schulder gezwängt. Ganz verhaftet im heiligen Dualismus all seiner Werke bestreitet Sloterdijk seine Sicht auf das fundamentalistische Zeitalter mit der Reduktion auf Produktivität. Dadurch bezieht er eine Stromgröße aus der Welt der Kybernetik und Systemtheorie, um sie den Bürgern als Kaisers neue Kleider anzupassen. Und bei dieser Couturiersarbeit mißlingt ihm der ganze schöne Überbau mit seinen persönlichen Kabalen rund um die kritische Theorie. Denn seine Gedanken sind einfach nicht durchdacht oder gar geprüft. Ich zitiere Wikipedia ungern, aber warum es aus Sicht des Kapitals hilfreich ist, unproduktiv zu sein, erfährt man hier:

In aller Regel nimmt die Arbeitsproduktivität mittel- und langfristig zu, während die Kapitalproduktivität eher sinkt wie hier in den OECD-Ländern. Eine bemerkenswerte Ausnahme sind die USA, für welche die OECD ein Wachstum der Kapitalproduktivität 1983 bis 1992 von jahresdurchschnittlich 0,1 % und von 1993 bis 2002 von ebenfalls 0,1 % angibt.

Eine langfristig sinkende Kapitalproduktivität ist problematisch, da dieses bedeutet, dass langfristig die gesamtwirtschaftliche Kapitalrentabilität (Kapitaleinkommen im Verhältnis zum Kapitalstock) nur gehalten werden kann, wenn der Anteil der Arbeitseinkommen am BIP verkleinert wird, wobei dieses natürlich spätestens dann ein Ende hätte, wenn diese Lohnquote den Wert null erreicht hätte.

Es sei denn, Sloterdijk will gar nicht die Reduktion des Anteils Arbeitseinkommens am BIP durch eine geringere Arbeitschaft sondern durch ständig sinkende Löhne erreichen. Dann müsste er das den Volkswirtschaftler erklären, wie er so die Nachfrage im Land mindestens stabil halten will oder gar für „Wachstum sorgen“, die heilige Kuh der Libertären. Er müsste außerdem erklären, dass der Ersatz der  Produktivität der Arbeiter durch Maschinen und Computer Teil der Entsolidarisierungsbemühungen der Unproduktiven ist. Er müsste die postdemokratischen Bewegungen genau bezeichnen, die von denen ausgeht, die Arbeiten wollen (Produktiv sein) aber nicht eingestellt werden. Er müsste auch die Kindererziehung, die Kulturleistung von unbezahlten Künstlern und Musikern einrechnen. Sloterdijk müsste insgesamt das Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot in eines verwandeln, dass zur Folge hätte, dass Produkte nur noch dann ein Preis erzielen, wenn sie die Produktivität von Menschen im Arbeitsleben steigern. Die Arbeitswissenschaften haben nachgewiesen, dass mehr Urlaub, mehr Freiheit, mehr Einfluss und bessere Arbeistbedingungen die Produktivität deutlich steigern und das Angst, Gehorsam und mangelnde Anerkennung der Arbeitsleistung die Produktivität ebenso deutlich reduzieren.

Aber all dies scheinen die Auftraggeber und geistigen Väter von Sloterdijks naiver Gesellschaftstheorie nicht bedacht zu haben. Viele Beispiele aus der Welt der Reichen und Superreichen deuten an, dass ihre soziale Verantwortung gegen Null geht. Die zahlreichen Selbstverpflichtungen aus den letzten Jahren in allerlei gesellschaftlichen Bereichen haben gezeigt, was für einen Nutzen es hat, wenn sich bestimmte Kreise selbst organisieren und kontrollieren in Bezug auf das Abgeben eigener Akkumulationen die über ein Menschenleben hinausreichen (ich meine Beträge über 1 Millionen Euro).

Schade. Er hätte eine wirksame Kritik an der kritischen Theorie in einen tragfähigen Diskussiongrund für eine Gesellschaft ohne Parteiendemokratie und ohne Lobbyismus  und die damit verbundenen enormen Transaktionkosten erweitern können. So bleibt Sloterdijk platt und ohne mentalen Einfluss, da seine Argumente alt und am Ende einfach nur schlicht sind. Ich hätte mir ein furioses Finale gewünscht. Dass die kritische Theorie sich selbst abgeschafft hat, ist offenbar. Dass die Libertären so eine fulminante Grabrede brauchten, bezweifle ich.

Sloterdijk soll seinen Fundamentalliberalismus mit einem Augenzwinkern geschrieben haben, laut seiner eilfertigen Adepten. Und dann kam das große Thilo Sarrazin Tennisturnier und Sloterdijk springt ostentativ dem geknechteten bei:

„Denken wir an den entlarvenden Vorgang, der sich vor wenigen Wochen anlässlich einiger kantiger Formulierungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin entwickelt hat: Weil er so unvorsichtig war, auf die unleugbar vorhandende Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen, ging die ganze Szene der deutschen Berufsempörer auf die Barrikaden, um ihm zu signalisieren: Solche Deutlichkeiten sind unerwünscht. Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen. Sobald einmal ein scharfes Wort aus einem anderen Narrenkäfig laut wird, bricht auf der Stelle eine abgekartete Gruppendynamik los.“

Nun wollten schon die ersten selbst ernannten Mitglieder des Sarrazin-Freundeskreises auch schon erklären, dass er es wohl eher sarkastisch meint. Aber eigentlich wird sein kategorisches Verdikt über die Integration ganz gerne für bare Münze genommen. Es ist bezeichnend, dass die „Integrationsscheu“ gerne aus eigener Anschauung festgestellt wird. Gegenüber induktiven Schlüssen im öffentlichen Raum über den öffentlichen Raum bin ich skeptisch – vor allem dann, wenn Außerirdische über einheimische Probleme urteilen.

Dass es sich bei der Integration um gruppenhydraulisches Prozesse handelt, ist in der Tat richtig erkannt. Es könnte aber sein, dass es Gründe gibt, die diese Integrationsscheu bedingen. Es kann auch sein, dass diese Trampelei im Porzellanladen sehr viele gut integrierte Ausländer in Deutschland abschreckt, die man sehr gut in dem noch ausstehenden Diskurs über den größten Feind der Demokratie – den Fundamentalismus – als Gesprächspartner verliert. Aber in seiner holpernden und naiven Art über Religion zu denken, hat das Orakel aus Karlsruhe sowieso wenig Detailfreude gezeigt. Das mag seine Sympathie für Sarrazin erklären. Sloterdijk hat in diesem Schutzreflex für den Bundesbanker und Berlin-Sanierer kaum eine tiefe und profunde Gedankentätigkeit zur Sache dokumentiert sondern einfach die Gutmenschenart des argumentum ad hominem realisiert: „In jedem steckt ein guter Kern, also lasst demjenigen dort seine Meinung und respektiert sie – auch wenn es etwas kantiger ist“. Auch öffentliche Personen haben das Recht auf auf ein Stammtischgepolter. Versuche ich es auch mal. Also nach dem Motto: Germanisten und andere Geisteswissenschaftler sind unproduktiv für die Gesellschaft und produzieren noch nicht mal genug Kinder für die Renten der Zukunft. Die sitzen nur herum und reden in einem Jargon, den eh nur 10.000 Deutsche verstehen. Ihr volkswirtschaftlicher Wert geht gegen null. Wenn die nicht mal ihre Probleme und Sprache an den lebensweltlichen Problemen der Mehrheit ausrichten, dann kann man sagen, dass die Integration dieser selbst ernannten Eliten, die sich in besonders teuren Stadtvierteln verschanzen, gescheitert ist. Sie haben offenbar kein Interesse daran, dass sie Mehrheit sie versteht. Und die hat auch noch ihr sinnloses Studium finanziert, damit die sich ihre fehlende väterliche Anerkennung durch fein ziselierte Sätze wieder zurück zu holen wünschen. Nein, Therapie durch lange Studiengänge und Dissertationen gab es für vernachlässigte Kinder nicht mehr geben. Die sollen gefälligst was Produktives studieren und realisieren und in der freien Wirtschaft arbeiten!




Okt 18 2009

Blog World Expo 2009: Death And Rebirth Of Journalism – Panel (Rosen, Solis et. al.)

death and rebirth of journalism discussed by Jay Rosen (NYU) , Hugh Hewitt (Radio Host & Law Professor), Brian Solis (PR 2.0), Don Lemon (CNN), Joana Drake Earl (Current TV)


Okt 18 2009

Blog World Expo 2009: State of the Blogosphere – Video

Richard Jalichandra (technorati) speaks at Blog World Expo 09 about the technorati blogosphere study 2009 (47min):


Okt 17 2009

Blogosphäre in Deutschland

ballonsEinen seltsamen Text las ich heute auf netzpolitik.org. Er handelt davon, dass der Autor ein 3000 Zeichen-Textchen über die deutsche Blogosphäre schreiben soll, der in 11 (elf, eleven) [onze, once] Sprachen übersetzt werden soll. Es handelt sich laut Autor um ein komplexes Thema. Er hat keine Untersuchungen zur deutsche Blogosphäre finden können. 2007 war ja noch Robert Basic auf Platz 99 der Weltrangliste der Carnegie Mellon University gelandet.

Warum auch Studien, denn im Hype Cycle von Gartner ist Bloggen schon im Bereich commodity gelandet also „Massenware“. Die Studienproduzenten verdienen heutzutage besser mit Studien über frühere Stadien von „Technologien“ oder deren Anwendungen wie Corporate Blogs. Aber eine Auseinandersetzung der alten, zumeist aufklärerischen Blogosphäre mit diesem Phänomen findet – wenn überhaupt – nur auf Marketing- oder Kostenebene statt. Keine Diskussion, in der ein demokratischer Impetus, den es manchmal bei Blogs gibt, auch als interne und exteren Kommunikationsmaßnahme die Unternehmenswelt hinsichtlich Kultur und Organisationsentwicklung beeinflussen kann. Kein Hinweis auf Uwe Knaus, der Mitte Oktober 2007 den Daimler Blog gründete. Und die Auswirkungen solcher Firmeninitiativen auf die Blogosphäre.

Kein Hinweis auf die Anfänge der Webtagebücher über Quellen wie FidoNet, UseNet oder die Netzliteraturwelt aus den Neunzigern. Kein wehmütiges Zurückschauen auf Blogs, die wir alle früher gern gelesen haben, die einfach verschwanden oder wie archäologische Artefakte stehenblieben als wäre ein radioaktiver Fallout über sie gekommen und hätte sie im Jahr 2005 oder  2007 einfach eingefroren. Historie scheint leider gar kein Steckenpferd der deutschen alpha-Blogger zu sein – auch nicht bei netzpolitik.org. Schade.

Stattdessen der alte Zahlenfetisch der Statistiker und die Kabbala-Lehre der Reichweiten, bei denen nach ausreichendem Vergleich von Zahlen irgendeine qualitative Aussage über etwas entstehen soll, dass Ausdruck hochansteckender und hochindividueller Informationswirte ist. Wenn Blogs keine Potenz haben, beschränkte und limitierte aber hoch motivierte Leserschaften aufs Trefflichste zu unterhalten und zu verbinden, was denn sonst? Wenn man sich die Mühe machen würde, und historisch diese Werkzeuge betrachtete, dann könnte man erkennen, dass die großen Schleifen durch Blogs laufen.

Frauen und Mädchen stellen Schuhe und schicke Mäntel und Taschen vor. Aber im selben Beitrag, quasi als Nebensatz wird der Ex-Freund, die Schulzeit, der Verkäufer und die gesamte Lebenswirklichkeit reflektiert. Die Männer schnallen sich kleine Elektrogeräte an ihre Extremitäten und beeindrucken ihre Geschlechtsgenossen mehr oder weniger erfolgreich. Da gilt nicht der am meisten, der am besten und fröhlichsten hungern kann. Dort wird immer so verbissen hochgeleistet, dass die Aufgabe darin besteht, außerordentlich gelangweilt auf sechs Kongressen, acht Meetings und drei Kundenpitches pro Woche von einer lustigen Begebenheit täglich im Geschäft, Hotel oder Flughafen zu berichten. Mit einem Augenzwinkern auf die eigene Kindheit und deren Spielzeug- und Warenwelt rekurrierend, kommen die Errungenschaften des Wachstums unter die Lupe der Profilneurose. Und das Kind-Ich dient als Filter und Regulativ, um die leere Leistungswelt mit menschlichem Leben zu füllen. Hier ist die Lebenswelt derart fragmentiert, dass man beim Lesen manchmal Angst um den Autor haben muss, wann der burn-out das Blog zerdeppert.

Auf der anderen Seite stehen die politisch aktiven Blogger, die eine Mission haben, die manchmal über slacktivism hinausgeht, meistens aber nur eine neue Form der Gutmenschen-Profilneurose realisiert. Und die selbst ernannten Experten für dies und das, so wie ich einer bin, die bevölkern natürlich auch das Web mit Blogs. Manche von ihnen haben eine Stimme, andere kennen jemanden mit Erlebnissen und die größte Schar unterhält täglich eine Meute von acht Lesern.

Die Klassischen Medien erkennen den Wert der deutschen Blogsphäre nicht an, schreibt der Netzpolitik-Autor markus weiter. Das blinde Hauen und Stechen der Verleger und ihrer Geschäftsführer wird ausgeblendet. Man könnte darin ein Angstbeißen erkennen oder zumindest eine Anerkennung qua Neid konstruieren. Das ist verständlich, denn:

„Dass die meisten Blogger diese Werkzeuge nutzen, um mit Freunden und Gleichgesinnten einfach nur zu kommunizieren, wird gerne übersehen. Auch fehlt oft noch der Mut bei traditionellen Medien, die neue vernetzte Kommunikationslandschaft als Ergänzung zu sehen und gemeinsam mit Lesern und Bloggern zu arbeiten.“

Also die meisten Leute, die ich kenne nutzen dazu eher twitter, E-Mail, Facebook, und neuerdings Google Wave. Blogs sind nämlich genau deswegen so gefährlich für traditionelle Medien, weil sie im Web als „traditionelle Medien“ abgewertet werden. Hier könnte der historische Blick helfen, zu begreifen, dass es auch und gerade im Web eine Traditionenbildung gibt und Blogs ganz konservativ einen Wert abbilden, der eben nicht Kommunikation mit Freunden sondern themenzentrierte Konversation ermöglicht. Der wesentliche Mangel der Zeitung ist nicht das Broadcastmodell, dass aus einer Richtung alle Inhalte auf eine passive Masse niederprasseln, sondern die Tatsache, dass Journalisten nach Abschluß der Story in der Regel keine Veranlassung sehen, diese Story weiterzuspinnen. Viele marginalisierte Gruppen oder Einzelschicksale haben sich von einem Journalisten oder Autor zum ersten Mal im Leben ernst genommen gefühlt, aber nach der Publikation und dem öffentlichen Raunen nichts mehr von dem Journalisten in dieser Hinsicht erlebt. Der sogenannte Qualitätsjournalismus geht wie ein Tsunami über das Land und dann ist das Wasser wieder weg und kommt in den nächsten 12 Jahren nicht mehr wieder. Genau da können Blogs allgemein und auch deutsche Blogs einen Gegenentwurf liefern, indem sie auch und gerade marginale Themen längerfristig und tiefer betrachten.

Manchmal erfüllen und ermöglichen sie das partizipative Element. Noch wichtiger ist aber, dass sich die enorme Ausdifferenzierung der postmodernen Gesellschaft in Blogs artikuliert. Sie bilden damit den demokratischen Gegenpol zu Massenmedien, die allein deswegen Probleme haben, weil es keine Zielgruppen und Sinusmilieus mehr gibt. Jeder Mensch nimmt täglich neue Ansichten und Funktionen an und identifiziert sich nicht mehr mit einem Werte- und Normenkorsett, das ein Leben lang passen muss.

An jedem Tag wird Gesellschaft neu verhandelt. Blogs sind ein Teil dieser Verhandlung. Oft sind die kleinen und leisen Stimmen viel bedeutender als diejenigen, die mit großem Lärm das verkünden, was vermeintlich jeder zu denken und fühlen glaubt. Leider ziehen sie dadurch viele passive Trittbrettfahrer an, die nach einem kathartischen YEAH einfach weiter gehen. Wer sich in seiner Stimme vereinzelt, der hat die Chance, dem hörenden und sehenden Mitmenschen eine Orientierung zu sein – oder ein Reibungspunkt. Wer alle hinter einem Banner des Guten verbünden will, gelangt schnell an einen Punkt den die Historie als die Kraft kennt, die „Gutes will und Böses tut“. Blogs sind mindestens ein Haufen kristalliner Gedanken – manche aus Kohlenstoff, andere aus Schwefel und viele aus Staub. Aber das ist immer noch mehr als heiße Luft.


Okt 14 2009

Germany’s last Geschäftsmodell

Wer kennt es nicht, das Einkloppen auf die Holzmedien, die Musikverlage, die Autohersteller, die Politiker, die Lobbyisten, die XYZ…

Neulich hat sich mal wieder ein Verlegerdobermann aus der westdeutschen Provinz im „Burda“-Umhang versucht und auf die schlimmen Verhältnisse im Web eingedroschen. Allerdings musste Burda das tun, weil genau das Geschäftsmodell, das er beim vermeintlich Bösen Dämon Google anprangerte, Wochen später selber als neues Geschäftsfeld vorstellte. Rupert Murdoch, der internationale Medientycoon machte das auch unlängst zusammen mit dem AP-Chef Tom Curley. Was Letzterer allerdings im Gegensatz zu den deutschen Kollegen genau wußte, war die Tatsache, dass es eine Inflation an Inhalten im Web gibt. Nachrichten ist aktuell das schlimmstmögliche Geschäftsmodell im Web. Das Netz erstickt dran.

zukunft-zeichenWarum? Alle Zeitungen, die eine Online-Präsenz haben, verbreiten auf dieser Nachrichten, die sie extern bei Agenturen einkaufen. Dadurch sinkt die Relevanz der Inhalte gegen Null. Und den Lesern wird durch vergleichen (man nennt das kritischen Konsum) mit sechs Klicks schnell klar, worin eigentlich die Arbeit der Zeitschriftenverlage bisher bestand: Externe Autoren mit Honoraren beleidigen, die journalistische Exkrementik befördern. Lokale Inhalte werden von den Vereinen, Firmen und Veranstaltern selbst geschrieben und zur Veröffentlichung im Lokalteil eingereicht samt Foto – ich nenne das gern die Erfindung der lokalen Schwarm-PR. Das geht soweit, dass wir uns früher immer einen Spaß daraus machten, extra Fehler einzubauen oder zweideutige Sätze, um zu testen, ob Lokalredakteure im Büro noch lesen oder schon wohnen. Gerade große Regionalzeitungen sind da weitgehend imprägniert und reduzieren ihren redaktionellen Einfluß auf die Auswahl der Bilder (aufgepasst und mitgedacht liebe Taubenzüchtervereine, wer mehrere hochaufgelöste Dateien mitschickt, erhöht die Abruckdrate um 200%, weil der Redakteur Auswählen durfte (hoheitliche Auswahl, die: Berufsethos eines Journalisten ist das Filtern (Auswählen) von Informationen aus einem Überangebot).

In einem herrlichen Beitrag hat Christian Jakubetz gestern die seltsamen Verhältnisse in dieser westdeutschen Provinz (s.o.) ins rechte Licht gerückt und dabei so ganz nebenbei die Finger in die Wunde der aktuellen Krise gelegt, die verschiedene Branchen heimsucht. Es sind nicht immer Umsatzeinbrüche, die diese Krise begeleiten, es ist das schleichende Abwenden der Kunden von überkommenen Geschäftsmodellen, wie in der Autoindustrie oder das Partizipationsmodell „politische Partei“, die ihren Zenit lange überschritten hatten. Und nun stehen die Verantwortlichen vor etwas , dass auch für die gesamte Wirtschaft gilt.

Man nennt es noch etwas wissenschaftlich verklausuliert „Evolution“. Dummerweise haben einige Menschen mit mediokrem Mittelschulabschluß den Slogan dieses Welterklärungsmodells mit „Überleben des Fittesten“ übersetzt und das Leistungsprinzip darin erkannt. Dabei bedeutet „survival of the fittest“ das Überleben des Bestangepassten. Nun ist Anpassung in etwa das Gegenteil von Gehorsam. Es bedeutet, dass ein Lebewesen ja nach den Umständen die Möglichkeit hat, alternativ zu reagieren. Es verhält sich also nicht nach Mustern oder Befehlen, die ihm sozial oder per Expertise eingeprägt sind, sondern es entwickelt im besten Fall eine Methode ganz neu – anhand der aktuellen Situation. Das erfordert Achtsamkeit und und ein flexibles Inventar an Handlungen.

Die superschlauen Berater nennen das neumodisch Improvisation und bemühen Jazzmusiker, um jedem das zu erklären, was er sich in 9-13 Jahren Schulbesuch mühsam abtrainieren musste: Das Erfinden von Ausreden, das spontane Herbeifaseln von Erklärungen mit genauem Blick auf die Mimik des Lehrers, ob man eher näher oder weiter von der Lösung entfernt faselt. Die Systemtheoretiker kommen dann daher und faseln ihrerseits von Mustererkennung und Resonanzen und verkaufen allerlei Tand rund um neuartige Sozialgraphen, die Menschen und Soziale Körper nach Werten, Normen und Ideen strukturieren können sollen. ACHTUNG! All dies ist überholtes Denken aus dem letzten Jahrtausend.

Der einzige, der einer Firma sagen kann, wo es lang geht, ist der Kunde selbst. Leider spricht er in tausend Stimmen. Auch die rhetorisch mehr oder weniger begabten Berater rund um das Thema Babel 2.0 sind hier keine besonders guten Helfer. Aber sie haben einen Vorteil: Sie haben erkannt, dass die systematische, statistische oder stochastische Bewertung von Menschen und ihren Lebensentwürfen Schmuck am Nachthemd sind. Wer glaubt, mit den linearen oder zirkulären Modellen der aktuellen Wissenschaftlergeneration wirklich Relevantes zu erfahren, sollte sich umgehend ärztlich untersuchen lassen. Denn niemand fährt auf der Autobahn mit dem Blick in den Rückspiegel, auch dann nicht, wenn der Rückspiegel alle Prüfinstitute mit einem „sehr gut“ verlassen hat.

Wir schauen nach vorne. Und zu einer Zeit, als es noch keine Navis gab, kamen wir auch an unser Ziel. Wie das ging? Fragen! Einfach die Leute am Straßenrand fragen. Dazu muss man natürlich freundlich sein und gegebenfalls etwas aufschreiben oder die Leute bitten, Details zu erklären. Was man dazu braucht? Etwas Zeit und die Einsicht, dass man weder Marktführer noch Weltmarktführer noch Technologieführer ist, sondern einfach eine Firma auf dem Weg in die Zukunft.

Achja, kennen Sie die muskelbepackten Fittesten aus dem Freibad, die vor lauter potenzieller Kraft kaum gehen können? So ähnlich ergeht es gerade auch den Buchverlagen. Deshalb zeigen diese jungen Leute hier, wie es auch anders geht mit Interview: Einfach anderen Leuten ermöglichen, kostenlos Fachbücher online zu lesen. Das ist kein Geschäftsmodell? Tja, für hochdotierte Experten in Fachverlagen mag das stimmen, für die neue Welt des klaren Kundennutzens klappt es gut.


Okt 12 2009

Web 2.0 ohne Strom

Photo: Scott M. Lidell

Photo: Scott M. Lidell

Ein unappetitliche Angelegenheit keimt in den Kabeln des weltweiten Netzes. Sie wurde ausgeschwemmt aus den Kabeln der Firmennetze. Dort lebt sie schon lange in den verborgenen Welten des technologischen Fortschritts. Legionen von unverbrauchten Mitarbeitern nutzen alle denkbaren Mittel und Werkzeuge, die der technologische Glaube an das große Gute vorschreibt. Es geht schon längst nicht mehr um die (gute?) alte Datenverarbeitung. Kommunikation und Kollaboration sind digital. Das heißt, dass kleine Gadgets den Ritter 24 Stunden am Tag mit dem Schwert der Vernunft ausstatten. Wer schon einmal längere Zeit ohne Elektrizität lebte, hat die Vor- und Nachteile erfahren. Die Lebensqualität nimmt zu, der Lauf der Dinge wird entschleunigt und die Anbhängigkeit von kleinen Helferlein am Gürtel und in der Aktentasche wird schlagartig zum Treppenwitz der eigenen Biographie.

Das digitale Schwert gegen das Unwissen ist nicht mehr die allwissende Müllhalde namens Data Warehouse. Denn mit dem Abgesang der Kaufhäuser in der realen Welt und dem Online-Outlet verläßt auch die Metapher des Warehouses die beschreibende Kraft. Allzeit bereit für die Apokalypse des Unwissens und der Antwortlosigkeit, hatte man sich im Innen- und Außendienst zunächst mit dem Archiv, dann mit dem Firmenwissen und nun dem Wissen der Massen vor Sprachlosigkeit und Ideenblockade zu retten geglaubt. Es wurde aus allen Rohren gefeuert gegen den Dämon des Problems: E-Mail, Office-Programme, Instant-Messaging und Browser für dynamische Datenbankabfragen in feinstem Layoutzwirn, der sogar zeitnah und proaktiv per AJAX auf den Nutzer eingehen konnte.

Und was macht der Nutzer anstatt der Apokalypse zu trotzen? Die Ersten schalten einfach aus. Es werden einzelne Exemplare dabei beobachtet, wie sie proaktiv ihre digitalen Schwerter wie iPhone und BlackBerry einfach zur Seite legen und direkt mit dem Feind des eigenen Nachdenkens umgehen. Das stellt schnell ein direkte Verbundenheit mit aktuellen Vorgängen her, die auf digitalem Wege unmöglich waren. Man kann zum Beispiel am Tonfall hören, ob einer lügt oder ein Aufschneider ist.  Sie sprechen mit den jungen Heißspornen und ermutigen sie ihrerseits, auf Waffen zu verzichten und einfach mal mit dem großen bösen Dämon Unkenntnis, nebelartige Problemdarstellung und Konflikt(un)fähigkeit zu sprechen.

Sei es ein Kunde, der einfach etwas anderes will als das, was die Produktentwicklung aufgrund überirdischer teurer Marktforschung erstellt hatte. Oder ein Kunde, der wirklich ein Problem hat, einfach dem zu folgen, was ein Berater rät, weil der Berater diese Ratschläge nur aus Büchern und Kongresse kennt und keine klare Relevanz für die aktuelle Situation der Firma mit seinen eigenen Worten darlegen kann. Ohne Keynote, Prezi, slidshare und Dutzende Exceltabellen für den Controller ist der Berater/Kontakter/Vertriebler quasi nackt. Ob das eine Frage der Generation ist, bliebt zu bezweifeln

Was dann übrig bleibt, wenn man Office, Intranet, Web, Social Media einfach ausknipst, ist ein Stift, ein Blatt Papier und ein halbe Stunde Zeit. Wer mich so überzeugt, der bekommt den Auftrag.