Aug 31 2009

John Chambers (Cisco) on new leadership and social software

csico-chambersJohn Chambers ist seit 1991 bei Cisco, seit 1995 im Aufsichtsrat (Board) und seit 1995 CEO des IT-Unternehmens.
Vorher war er bei Wang Laboratories, Inc..

Interview mit der Washington Post (April 09):

Oder hier direkt bei der Washingtonpost:

Vortrag beim MIT (Jan09)


Aug 29 2009

Das System Gehorsam

Wir lesen und hören es zu jeder politischen Wahl in allen Medien. Die Mitmacher brechen weg. Die Parteien auf dem platten und bergigen Land verwaisen. Die Wähler bleiben zuhause. Die Steuerzahler fahren mit kleinen Köfferchen in Steuerparadiese. Die Mitarbeiter gehen in die innere Mongolei. Die Mütter flüchten in die Berufswelt und die Väter in die Kneipen oder Sportvereine. Die Kinder traktieren elektrische Kästchen bis die Finger taub werden oder schweigen die Wand an.

Ein fremder Besucher könnte den Eindruck gewinnen, dass wir alle auf das Christkind warten und uns bis dahin die Zeit vertreiben mit Demokratie, Ehrgeiz und Wettbewerb. Bei genauer Betrachtung sind alle nur in einer Beschäftigung wirklich intensiv bei der Sache: Gehorsam. Jeder droht seinen Untergebenen, Partnern, Kindern oder Nachbarn solange mit Geldentzug, Liebesentzug, Anerkennungsentzug bis der Andere Gehorsam zeigt.

Das ist auch eine Form der Beziehung.

Gesellschaft: Macht besteht aus Gehorsam

Allerdings eine Beziehung, die unter einem besondere Stern steht. Denn Macht besteht nur einem einzige Stoff – und das ist Gehorsam. Wir können also am Beginn des dritten Jahrtausend feststellen, dass wir menschliche Beziehungen mit dem agens oder Benzin oder Nektar der Macht betreiben. Wir betanken oder ernähren diese Macht mit Gehorsam.

Wenn in einer Partei in einem Ortsverband plötzlich und unerwartet jemand aufbegehrt gegen die herrschende Meinung dessen, der Gehorsam einfordert und dafür Brosamen seiner Macht verteilt, dann gibt es im Rahmen des von uns praktizierten Beziehungsmusters in dieser Gesellschaft zwei Chancen: Entweder er gewinnt genug gehorchende Schafe, die sein Bellen anerkennen oder er wird vom Schäferhund von der Wiese vertreiben unter lautstarkem Geblöke der Schafherde.

gehorsamDas ist soweit keine Neuigkeit. Die Frage ist jedoch, ob es ein sinnvolles Modell ist, ein Volk planvoll denkender und handelnder Menschen so zu führen, wie ein Hirte seine Schafherde.

Wer ist nun der Hirte? In der Demokratie erkennt man das Volk als Souverän an. Wenn das so ist, dann würden wir uns selbst dazu verurteilen, entweder die Rolle des bellenden Hundes oder die des blökenden Schafes einzunehmen.

In der Realität gibt es aber in jedem Dorf und in jeder Stadt Menschen, die zu bestimmten Gebieten des modernen Lebens besondere Kenntnisse und Erfahrungen erworben haben. In manchen Ländern werden diese zu den Mächtigen gewählt, da sie die besten Studiengänge an den besten Schulen besucht haben. Oft haben sie einen begüterten Familienhintergrund, der den Besuch dieser Schulen ermöglichte. Sie haben in diesen Schulen Hunderte Bücher zum Thema gelesen. Aber qualifiziert sie dieser Hintergrund auch zu einer Führungsposition bei bestimmten Themen?

Bildung: Macht Lesen klug?

Andere Länder gehen andere Weg und bestimmen die Kaste der Hirten anders. Dort, so sagt man, habe jeder alle Chancen. Da Mutter und Vater arbeiten, müssen die Kinder sich alleine bilden, was mal mehr und mal weniger erfolgreich gelingt. Was aber ist Bildung? Es gibt einen Katalog von Fähigkeiten, den einige Firmen eine zeitlang brauchen und es gibt einen Katalog von Fähigkeiten, die Menschen mit viel Freizeit erstrebenswert finden. Beides gilt als gute Bildung. Wenn man also diese Bildung aus Büchern in das menschliche hineinkopiert, dann hat man einen gebildeten Menschen vor sich. Fast. Denn der Mensch muss auch Gehorsam haben vor dem was er liest und denen die es geschrieben haben, und vor denen die es lehren. Es reicht, wenn man den Gehorsam nur nach außen zeigt und innerlich anderer Meinung ist. Wenn man diese aber artikuliert bekommt man soziale Einschränkungen zu spüren von all denen, die sich mühsam zum schweigsamen Gehorsam durchgerungen haben. Noch mehr Ärger bekommt man mit denen, denen es leicht fällt, die vorgegebenen Inhalte anzunehmen.

Manchmal machen es sich Leute ganz schwer und versuchen ein Problem mal ganz von vorne und ganz alleine zu durchdenklen. Sie gelten als dumm, da sie die vielen Bücher, die vor ihnen geschrieben wurden für einen Moment vergessen wollen. Sie werden selten in Gruppen integriert. Sie vereinzeln. Sie verlieren den Bezug zu den Anderen. Man hat den Eindruck, dass die Gemeinschaft das Ergründen von Verhältnissen und Situationen nicht belohnt. Warum? Das Zurückgehen hinter die traditionell erlernten Inhalte wird als Angriff aufgefasst, als Arroganz denen gegenüber, die aus diversen Gründen wenig infrage stellen.

Man nennt das demokratischen Fortschritt. Und nur wer diese Fragerei sein lässt und sich zu dem bekennt, zu dem sich ALLE bekennen, der ist auch ein Bürger. Die Anderen sind eben abseits, ein bißchen am Rande – wahrscheinlich sind es noch nicht einmal Demokraten.

Achja. Es wäre schön, wenn diejenigen, die es betrifft erkennen würden, dass Mitmacher nicht aus Gehorsam mitmachen sollten sondern aus Überzeugung und innerer Entscheidung. Das kann mehr Probleme lösen als auf den ersten Blick denkbar ist.


Aug 28 2009

Video: Clay Shirky im Interview über Zusammenarbeit im Web und adhocratie

Elektrischer Reporter – Clay Shirky: “Der Anführer muss nicht der Manager sein”


Aug 28 2009

Kritik und Anregungen zum Digital Natives Manifest

DNAnativesHabe das Manifest der DNAdigital gelesen. Es erscheint zumindest im ersten Teil ein Manifest der Differenz zu sein. Das ist per se mal weder gut noch schlecht. Ich habe nur den Eindruck, dass das Anhäufen weitgehend unbestimmter Modebegriffe keine besonders gute Basis für eine Kommunikation mit dem Rest der Gesellschaft ist. Ein Paar Anmerkungen von mir. Ansonsten bitte ich den geneigten Leser dieses Manifest zu würdigen und zu beachten, vor allem all die Experten aus der Kommunikations- und Marketingwelt. Es sollte als Lackmustest dienen für die vielen selbst ernannten Berater, die vorgeben, diese Generation virtuos „bedienen“ zu können. Es reicht nicht, zu sagen oder zu schreiben, dass man in den Dialog tritt. Denn einen Dialog muss man mit etwas eröffnen: dem Geben. Ich hoffe, dass den Digital Natives diese Kritik eine kleine Gabe zur Diskussion ist.

Eingeborene der digitalen Netze

Das Manifest der Digital Natives – von Robert Dürhager und Timo Heuer.

Digital Natives denken anders, kommunizieren anders und arbeiten anders als analog geprägte Menschen: online, vernetzt und hierarchiefrei. Ihre Kultur ist im Entstehen, ihre Auswirkungen aber sind erst im Ansatz begriffen. Wie sie die Welt sehen, haben zwei Digital Natives in einer programmatischen Erklärung niedergeschrieben. changeX dokumentiert das Manifest der Digital Natives. / 13.07.09

Wir sind die Assimilanten der digitalen Kultur, unser Leben gestalten wir digital. Dies ist unser Manifest. Es richtet sich an alle, die mit uns kommunizieren oder kollaborieren möchten.

Um es mal vorsichtig zu formulieren. Analog und digital sind zwei Begriffe, die ich euch nicht empfehlen kann als konstituierendes Moment. Digital als Gegenbegriff zu analog bedeutet, dass von einem gegebenen Augenblick eine Probe gemacht wird und diese Probe als Messvorgang auf eine Zeitleiste gebracht wird, die einem vorgegebenen Zeitraster entspricht. Das bedeutet, dass aus der realen Welt ein Stück Zeit und etwas physikalisch Meßbares (Ton oder Bild) herausgetrennt wird, um es nach einem Übertragungsprozess wieder darzustellen. Oft kommen beim Verarbeiten der Zahlenwerte informationsreduzierende Algorithmen ins Spiel (Datenreduktion). Im Gegensatz dazu wäre dann die analoge Abbildung der Welt ein kontinuierliche Aufzeichnung der Gegenwart. Ihr gestaltet Euer Leben aber sicher nicht anhand vieler kleiner meßbarer events. Dieser Gegensatz, der oft so gerne kolportiert wird reduziert, das, was jemanden ausmachen kann, der mit Computern aufwuchs, auf eine sehr enge Schiene: Die Repräsentation der Erlebniswelt als Ton- oder Bildkonserve. Lasst euch nicht auf dieses analog-digital Ding ein. Es geht hier um etwas ganz anders, wenn ich Euch richtig verstehe. Solche Dualismen sind in bezug auf soziales Miteinander leer und ohne Aussage – auch und gerade weil sie so oft inflationiert werden.

Wir sind die Generation Internet
Wir sind die Evolution der Fernseh-Generation, deren gemeinsames Schicksal der Passivität noch heute Kultur und Gesellschaft prägt. Indem das Leben der Zuschauer hinter geschlossenen Türen stattfindet, entwickeln diese in Abgrenzung zur Masse ihre Individualität. Doch während die Fernseh-Generation selbst bei Ausflügen ins interaktive Internet sich hinter Pseudonymen versteckt und weiterhin passiv als (Be-)Sucher Inhalte auf nun neue Weise konsumiert, sind wir es, welche die Interaktivität als (Be-)Nutzer tatsächlich leben. So sind wir Individuen in der Unterschiedlichkeit unserer Netzwerke, immer und überall online, als Peer im Kontakt mit unseren Netzwerken. Die Tauschkultur im Netz ist unser Werk und die offene Gesellschaft unser Ziel.

Evolution ist ein passiver Begriff. Es ist eine biologische Beschreibung dessen was nicht-naturwissenschaftlich ausgebildete Menschen Schicksal nennen. Es ist unausweichlich, aber es ist ein vielgestaltiger Prozess, der sozusagen eine Parallelstruktur der Lebensgestalten in den jeweiligen Lebensumgebungen umfasst. Die eine oder andere Gestaltung ist schlecht angepasst auf ihre lokale Umgebung und pflanzt sich daher nicht fort. Ihr wollt Euch aber von der Passivität (die dieser Begriff im Extrem beinhaltet) abgrenzen. Es wäre daher klug, diesen Satzbeginn zu überdenken.

Ich hoffe inständig, dass Ihr Euch mit Karl Poppers Werk zur offenen Gesellschaft und eventuelle Bourdieus Gedanken zum Tausch (es gibt noch viele andere Quellen der Wirtschaftssoziologie) auseinandersetzt, um möglichen Fragen zum Manifest zu begegnen. Denn diese Begriffe sind alle schon besetzt. Vielleicht wollt ihr Euch ja aber gerade davon abgrenzen und eigene Entwürfe darlegen.


Das Netz wirkt auf die Welt
Wir Digital Natives verstehen das Virtuelle als Teil der Realität. Auch wenn Virtuelles nicht physisch ist, hat es dennoch einen erheblichen Einfluss auf das Denken und Fühlen. Betrachtet man das Internet als geistigen Lebensraum, so sind dessen Auswirkungen reale Wirklichkeit. Indem wir online sind, flüchten wir nicht vor der Realität, sondern partizipieren an der virtuell erweiterten Realität des 21. Jahrhunderts.

Ich möchte nicht zu tief gehen, aber Ihr befindet Euch in einem Dreieck dessen Ecken beschreibbar sind als 1. mentale Tätigkeit als Gedanken und Sprache (Geist) 2. gewachsene Dinge (Natur) 3. geschaffene Dinge (Technologie). Die virtuelle Welt ist in diesem Dreieck einfach eine Verbindung aus Sprach-Code und geschaffenen Dingen. Die reale gewachsene Welt wird davon nicht unmittelbar tangiert. Ihr braucht Euch daher nicht davon abzugrenzen. Von der Technologie könnt ihr Euch nicht abgrenzen, da es ohne elektrischen Strom diese virtuelle Realität nicht gibt. Es gibt daher auch keinen Lebensraum im Netz sondern einen Sprachraum, vergleichbar einer Region in Deutschland, in der ein Dialekt gesprochen wird. cultura heißt Pflege. Ihr pflegt also im Netz neue Formen der Sprache und des Austauschs. Das ist vergleichbar mit einer sozialen Skulptur an der alle mitarbeiten. Vielleicht kann Euch dabei Joseph Beuys mit seiner Sozialen Plastik inhaltlich weiter helfen.


Netzwerke sind die besseren Problemlöser
Wir arbeiten vernetzt und kollaborieren in dynamischen und offenen Netzwerkteams. In unserem Arbeitsleben spielt die kollektive Intelligenz eine große Rolle. Crowdsourcing ist ein Begriff, der nicht nur unsere Arbeitsweise geprägt hat, sondern unser ganzes Denken. Nicht zuletzt wegen der vielfältigen Kommunikationsinstrumente, von (Micro-)Blogs bis Wikis, können wir jederzeit und zu jedem Thema mit anderen zusammenarbeiten. Eine Arbeit, die uns bisher Stunden gekostet hätte, wird durch ein Micro-Posting zu einer Sache von Minuten. Die Schwierigkeit eines Problems misst sich bei uns nicht am Wissen des Individuums, sondern seiner Fähigkeit zur vernetzten Kommunikation. Abhängig vom Grad der individuellen Vernetzung gelingt es uns, für fast jedes Problem eine Lösung zu finden.
Allerdings funktioniert Crowdsourcing nur, wenn die Arbeit öffentlich zugänglich ist. Wir Digital Natives fordern deshalb die digitale Öffnung und digitale Modernisierung der Arbeitswelt. Zu viele Ideen sind als Interna gestorben. Sie erhielten nie die Chance, die Welt zu verändern oder wenigstens Sympathie für das Unternehmen zu erwirtschaften.

Ohne eine präzise Kenntnis des Begriffs Soziale Netzwerke kann man sich schnell verlaufen in der Sprache der Agenturen und Pseudoexperten – gerade auch wenn das Wort Kollaboration fällt. Weit schwerer wiegt der Begriff der kollektiven Intelligenz, der von Ameisenstaaten und Schwarmbeobachtungen hergeleitet ist, und über dessen Inhalt die Wissenschaftler bis auf einige beschreibende Beobachtungen praktisch nichts wissen. Die einen nutzen ihn als Begriff der Emergenz von höheren Formen von Intelligenz, wenn Lebewesen mit niederer Intelligenz zusammenkommen. Andere betrachten es als Netz von sehr limitierten Agentensystemen, die gemeinsam nach einer Trainingsphase Aufgaben übernehmen können, die durch eben diese Trainigsphase sehr präzise vorgegeben – um nicht zu sagen limitiert – sind. Gerade das Beispiel Wikipedia nimmt zurzeit eine seltsame Entwicklung und deutet an, dass der Umgang mit dem crowdsourcing eine oft sehr rigide Hierarchisierung unter der Oberfläche zeigt (siehe auch Open Source Projekte). Aber: Allein der Begriff der Intelligenz ist etwas, das kein Wissenschaftler im Konsens mit anderen Wissenschaftlern umfassend definiert hat. Da tappen die Neurowissenschaftler noch im derart im Dunklen, dass sie Faktizität nur mit Experimenten schaffen, die sie ohne konsensuelle Grundlagen deuten müssen.


Wir befreien die Arbeit
Klassische Neun-bis-fünf-Uhr-Jobs sind ein Relikt aus den Zeiten der Industrialisierung. Es wird Zeit, die Arbeit von starren Arbeitsmodellen zu befreien. Als Netzwerkindividuen befinden sich unsere globalen Kontakte in verschiedenen Zeitzonen, sodass die klassischen Arbeitszeiten für uns kontraproduktiv sind. Und auch den Arbeitsablauf wollen wir flexibel gestalten können. So lassen sich verschiedene Aufgaben miteinander verknüpfen und damit effizienter und schneller erledigen, wenn nicht sogar Synergieeffekte dafür sorgen, dass inhaltlich neue Ideen gefunden werden.
Genauso arbeiten wir lieber ortsunabhängig an der Stelle, die uns gerade am nützlichsten erscheint. Das kann ein Café, ein Büro oder das Homeoffice sein. Das Internet erlaubt uns, von überall aus mühelos auf arbeitsrelevante Daten und Instrumente zugreifen zu können.
Flexible und öffentliche Arbeitsmöglichkeiten, flache Hierarchien und Mitbestimmung sowie Vertrauen, motivierende Herausforderungen und eine ergebnisorientierte gerechte Bezahlung sind die Arbeitsqualitäten unserer Wahl.

Ich kann auch hier nur bitten, schon bestehende Systeme zu betrachten und anzupassen oder zu verwerfen. Es kann nicht schaden, auf den bestehenden Erfahrungen mit ROWE (Results-Only Work Environment) aufzubauen oder sich abzugrenzen.


Arbeit kann nur privat sein
Unser Wertesystem kennt neben Lohn auch den Wert der Selbstverwirklichung und Eigenmotivation. Zwischen Arbeit und Privatleben zu unterscheiden fällt unter diesen Voraussetzungen schwer. Für uns gehört es zum Alltag, dass viele Angelegenheiten in beide Kategorien fallen und somit immer nach persönlichen Maßstäben und anhand allgemeiner Moralvorstellungen bewertet werden.
Eine Arbeitsstelle messen wir also daran, welche persönlichen Wachstumschancen sie uns eröffnet und wie motivierend ihr Arbeitsumfeld für uns sein kann. An Unternehmen schätzen wir, neben dessen Transparenz und Offenheit, auch den sozialen Umgang mit Arbeitnehmern und Umwelt.

Dazu lasse ich Dan Pink sprechen:


Unsere Verantwortung zur Öffentlichkeit
Weil wir unsere Stärke in der öffentlichen Zusammenarbeit wissen, teilen wir nur zu gerne unser geistiges Kapital und schaffen damit freie Wissensressourcen. Konkurrenzdenken gibt es bei uns nicht, dafür aber Wettbewerb um die besseren Ideen und Reputation für erbrachte Leistung.
Wir kennen das Potenzial von freiem Wissen und fordern deshalb den freien Zugang zu allen steuerlich geförderten Forschungsergebnissen und Lernmaterialien. Gleichzeitig soll es Bildungseinrichtungen finanziell und inhaltlich ermöglicht werden, die zur Verwendung der Informationen notwendige Medienkompetenz an die zukünftigen Generationen vermitteln zu können.
Für uns ist es von großer Wichtigkeit, dass freie Wissensressourcen gefördert, erhalten und für jeden zugänglich gemacht werden. Als Digital Natives unterstützen wir deshalb alle Initiativen, die Informationen und Werkzeuge frei und wiederverwendbar verfügbar machen.
Die neuen Medien verstehen wir allgemein als Chance für eine bessere Welt. Ihre Veranlagung (im Sinne des lateinischen „virtus“ für Kraft, Tugend), Informationen zu verteilen und zu verarbeiten, ermöglicht es den Menschen, auf viele neue Arten miteinander zu kommunizieren und sich auszutauschen. So stellt unsere digitale Kultur schon jetzt räumliche, kulturelle und damit auch politische Grenzen infrage und bietet eine echte Chance für einen partizipativ-demokratischen Kosmopolitismus. Denn als Digital Natives sind wir Weltbürger und eine der ersten globalen Generationen. Erste Schritte hin zu einer partizipativ-demokratischen Weltpolitik wären die uneingeschränkte Transparenz politischer Arbeit und Entscheidungsfindung sowie der vielfältige Ausbau der Online-Partizipation.

Das Netz hat eine Kultur
Wir verstehen das Internet als sozialen Kulturraum. Mit unseren realen Identitäten prägen wir dessen Inhalte und mit unseren sozialen Beziehungen dessen Vergesellschaftung. Im Rahmen der Legalität und manchmal auch im konstruktiven Diskurs mit dieser, sind wir hier die Exekutive, ist unsere Moral die Judikative und unser Code die Legislative. Eine vierte Gewalt wählen wir durch unsere Aufmerksamkeit.
In der globalen und diversiven Wirklichkeit unserer Netzwerke verstehen wir Relevanz vor allem als soziale Relevanz. Unsere mehrdimensionalen Netzwerke bieten die Möglichkeit des Erfahrungsaustausches und der gemeinsamen Bewertung. Aufgrund der sozialen Beziehung sind Empfehlungen und Informationen aus einem dieser Netzwerke besonders relevant.
Als Digital Natives sind wir uns bewusst, dass unsere Kultur vom technischen Fortschritt abhängig ist. Genau deswegen nutzen wir frühzeitig technische Innovationen, um einerseits neue Möglichkeiten für unsere Kultur zu erkunden, und andererseits, um mit unserem Feedback Fehlentwicklungen entgegenzuwirken.

Dem Netz gehört die Zukunft
Wie jedes Medium hat auch das Internet seine Schwächen. Durch Interaktivität und Vernetzung lässt sich jedoch Transparenz aufbauen, weswegen das Internet den anderen Massenmedien überlegen ist. Die Möglichkeit der polydirektionalen Kommunikation ermöglicht es zudem, ein vielfältigeres Abbild der Wirklichkeit zu liefern, was das Internet zum passenden Medium einer postmodernen Welt macht. Das Netz etabliert sich zu Recht als Leitmedium und dessen offene Kultur eignet sich wie keine andere als Maßstab für eine gerechte Gesellschaft der Zukunft.

Credits:
Moritz Avenarius, Björn Bauer, Nicole Braun, Andreas Dittes, Anna Dürhager, Bettina Fackelmann, Anne Grabs, Jana Hochberg, Boris Jäger, Alexander Rausch, Christian Spannagel, Dominik Wind, Simon Wind.


Aug 27 2009

Dan Ariely und Dan Pink: Warum Belohnungen und boni in der Arbeitswelt Schaden anrichten

Dan Ariely:

Dan Pink on carrots & sticks and the damage it does to our economy:


Aug 26 2009

FREE: Jeder Überfluß kreiert immer auch einen Mangel

anderson_freeChris Anderson ist über jeden Zweifel erhaben. Er ist Chefredakteur des Wired Magazine, einer angesehenen Zeitschrift rund um die digitale Welt, die durch den kongenialen Kevin Kelly berühmt wurde. Eines seiner Bücher (Out of Control: The New Biology of Machines, Social Systems, and the Economic World) war Pflichtlektüre beim Dreh der legendären Trilogie Matrix der Wachowski Brüder. Einen ähnlichen Meteoriteneinschlag, wie in ihn seinerzeit jenes Buch verursachte, mag Anderson im Sinn gehabt haben, als er FREE: The future of a Radical Price schrieb. Allerdings fehlen Anderson die radikalen Thesen, die Kelly einst berühmt und berüchtigt machten.

FREE verdient sich ein Fleißbienchen nach dem anderen und ist ein wahres Kaleidoskop an Rechercheversatzstücken zum Thema Preisbildung und Geschäftsmodelle im Internet. Auf carta bespricht heute Matthias Schwenk dieses Buch und ich deute in einem Kommentar an, dass ich es eigentlich gar nicht rezensieren wollte, da ich nicht glaube, dass es schon fertig ist. Es ist eine schöne Zusammenstellung von Rechercheergebnisse, mit denen man dann nach Vancouver Island oder an die mecklenburgisches Seenplatte fährt und sich seinen Reim draus macht, um eine Reflexionsebene zu erarbeiten auf der man all diese Fakten und Meinungen anhand der eigenen Gedankenwelt anordnet. Man stärkt die Gegenseite so weit wie es geht, um sich seiner Sache sicher zu sein und eröffnet dann in der zweiten Hälfte des Buches seine Sicht der Dinge, persönlich, ausführlich, leidenschaftlich – und am besten anhand einer wirklich tragenden Story. Leider fehlt all dies.

Nicht falsch verstehen. Aus journalistischer Sicht, sind die einzelnen Kapitel als Artikel in einem Themenmagazin teilweise sehr schön geschrieben und wirklich lesenswert. Aber es ist kein Buch.

Aber ich danke Anderson für das Kapitel 12 Nonmonetary Economies.

Es beginnt mit einem Zitat des in Deutschland wenig bekannten Sozialwissenschaftlers Herbert Alexander Simon (er war einer der Experten, die den Marshall-Plan ausarbeiteten):

In einer Welt voller Informationen, bedeutet der Reichtum an Information den Mangel an etwas anderem: Etwas, dass die Informationen verbraucht. Und was Informationen aufbraucht ist eher offensichtlich: Es verzehrt die Aufmerksamkeit der Leser oder Zuschauer. Insofern kreiert der Reichtum an Information eine Armut der Aufmerksamkeit.

In diesem Absatz erklärt sich die gesamte Krise der amerikanischen und europäischen Medien der Postmoderne. Allein dieser Satz und das anschließende Kapital hat die Lektüre des Buches aufgewogen. Denn ich kann seit dieser Zeit all den Versuchen, das Drama der postmodernen Welt zu erklären mit dem Lackmus-Satz: Jeder Überfluß kreiert immer auch einen Mangel auf seinen Gehalt testen. Man kann allen Beratern diesen eine Satz von Adam Smith entgegenwerfen, dass Ökonomie, die Wissenschaft von der Auswahl unter Mangelbedingungen ist.

Ob es nun schlau ist, beim Beispiel der Medien, mit „walled gardens“ – also umzäunten Websites – den Inhalt der Online-Magazine der Verlage einen Mangel zu erschaffen? Die Antwort ist leicht. Gäbe es keine anderen Inhaltsproduzenten, die vergleichbare Artikel liefern, wäre paid content eine super Sache. Hätten die Journalisten der „Qualitätsmedien“ einen Reputationsvorsprung vor bekannten Bloggern, wäre es sogar denkbar. Aber leider haben die Heerscharen der Experten Ende der Neunziger nicht Georg Franck gelesen und erkennen die Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht. Er kam nicht weiter als die Aufmerksamkeit mit der Präsenz in den Medien gleichzusetzen. Aber unter der Maßgabe, dass diese ein kleinster gemeinsamer Nenner wäre, könnte man die Diskussion um die Medien ganz neu stellen. Denn dieser Marktplatz der Reputation wird bisher von der PR-Agenturen mehr oder weniger virtuos bedient. Und hier befindet sich das Konzept des FREE in einer Erklärungsnot, denn ohne Aufmerksamkeit als Produkt mit enormer und steigender Nachfrage, ist heutzutage in vielen Bereichen gar kein Absatz mehr möglich. Die Medien halten den Schlüssel zur postmodernen Ökonomie in der Hand und jammern über die abgewetzten Türen, die nicht mehr zu den hochtechnisierten Schlüsseln passen. Leider kommt Anderson nicht zu dem Schluß, mit diesem alten Hut namens Reputation und Aufmerksamkeit eine neue Theorie zu begründen, die sein Buch und dessen Vorhaben über eine bereits bekannte und erprobte Preistheorie in den Schatten gestellt hätte.

Ich überlasse es dem Leser, das Buch quer zu seinem Vorhaben zu lesen und dort einiges Spannende zu entdecken.


Aug 26 2009

Verhaltensökonomie: Warum unsere Intution uns meistens betrügt

dan-arielyEr ist in Deutschland leider kaum bekannt, aber einer der größten Geister dieser Zeit: Dan Ariely.

Hier erklärt er uns mithilfe seines sehr persönlichen Schicksals, warum Menschen mit ihren Intuitionen meistens falsch liegen, was am System der Aktienmärkte falsch läuft und wie Krankenschwestern ihre Annahmen, was gut für Patienten sei, der Realität anpassen können.

Hier eine kostenfreie Vorlesung bei iTunes von Ariely zu seinem Buch Predictably Irrational.


Aug 25 2009

Sind Zeitungen systemrelevant? Ein Kommentar zu Heribert Prantl

growthGerade eben erfahre ich über twitter, dass einer der Großmeister des deutschen Journalismus – ich verwende ausnahmsweise nicht das Schimpfwort Qualitätsjournalismus – auf blaetter.de einen Artikel zum Thema der Systemrelevanz der Zeitungen verfasst hat. Ich lese ihn und staune: Die Verwirrung, die die Entwicklungen rund um networked journalism, social web und civil journalism auch in Deutschland anrichten, scheinen verheerender als ich dachte. Und dass zu einer Zeit, wo noch sehr viel Geld mit Papiermedien verdient wird. Es lohnt sich, das Konvolut insgesamt ins Auge zu nehmen:

Ja, Zeitungen sind systemrelevant, und ich kann es beweisen. Sie sind systemrelevanter als die Hypo Real Estate, als die Deutsche und die Dresdner Bank. Sie sind sehr viel systemrelevanter als Opel und Arcandor. Die „Süddeutsche Zeitung“ ist systemrelevant, die FAZ ist es, der „Spiegel“, die „Zeit“, die „Welt“, die „Frankfurter Rundschau“ und die „taz“ sind es. Viele andere sind es auch. Das System, für die sie alle relevant sind, heißt nicht Marktwirtschaft, nicht Finanzsystem und nicht Kapitalismus, sondern Demokratie. Demokratie ist eine Gemeinschaft, die ihre Zukunft miteinander gestaltet. Und die Presse in all ihren Erscheinungsformen, gedruckt, gesendet, digitalisiert, ist eine ihrer wichtigsten Gestaltungskräfte. Der Beweis für die Systemrelevanz der Presse ist 177 Jahre alt, er beginnt 1832 und dauert bis heute. Er ergibt sich aus der Gesamtgeschichte der deutschen Demokratie.

Eine Affirmation zu Beginn ist immer gut. Nicht reißerisch, aber eben gut. Dieses Gutsein bezieht einen Großteil seiner positiven Tendenz daher, einer größeren Sache zu dienen (Demokratie). Diese Argumentation haben schon andere historisch Bedeutende benutzt, die eben auch nur Gutes wollten. Spannend ist die Tatsache, dass hier der Journalismus nicht einfach nur mentale Funktion zweiter Ordnung (Filterfunktion) sondern als eine kreative Kraft im politischen Raum bezeichnet wird. Das könnte den aufklärerischen Geistern, die Objektivität und Neutralität verlangen, übel aufstoßen. Denn bisher galt Journalismus als Diener der Meinungsbildung Anderer. Bei Prantl soll er gleich selber bildend tätig sein, also die Emergenzfunktion des Neuen aus dem Vorhandenen beginnt nicht im Leser sondern im Schreiber. Das erfordert dann auch eine neu Rezeptionsäthetik der Presse, mal sehen ob Prantl das auch liefert, sonst fehlen seinem Projekt die Fundamente. Es sei denn er ersetzt konstruktive Mängel mit restaurativen Versatzstücken aus der Geschichte, um ein fehlendes theoretisches Fundament historisch zu simulieren. Lesen wir weiter, wie er verfährt.

Diese Geschichte der deutschen Demokratie beginnt 1832 auf dem Hambacher Schloss, bei der ersten deutschen Großdemonstration. Ihr Hauptorganisator war unser journalistischer Urahn Philipp Jakob Siebenpfeiffer, geboren im Revolutionsjahr 1789. Als die Regierung seine Druckerpresse versiegelte, verklagte er sie mit dem Argument, das Versiegeln von Druckerpressen sei genauso verfassungswidrig wie das Versiegeln von Backöfen. Das ist ein wunderbarer Satz, weil darin die Erkenntnis steckt, dass Pressefreiheit das tägliche Brot ist für die Demokratie. Das ist die Hambacher-Schloss-Erkenntnis von 1832: Pressefreiheit ist das tägliche Brot für die Demokratie.

Die kreationistischen Kräfte der Demokratie liegen in einer Demonstration bürgerlicher Kräfte im Vormärz. Hm. Wenn man es genau betrachtet, liegt der Kern der Opposition darin, dass die freiheitlichen Grundregeln, die in Rheinpfalz herrschten ein Überbleibsel der französischen Revolution waren und diese Bürgerrechte aufs Feinste mit den zentralstaatlich orientierten Machthabern aus Bayern unvereinbar waren, sodass der Alltag eine Art double-bind zwischen bayrischen Allmachtsphantasien und französisch geprägten Bürgern hervorrief. Die Geschichte der Deutschen Demokratie begann also in der französischen Revolution. Denn andere Bürger opponierten gar nicht gegen Zentralregierungen. Der Grund für die Versiegelung war die Zensur (wir hatten da gerade so eine Diskussion mit einer Ministerin). Die Einschränkung der ehemals weitreichenden Bürgerrechte gipfelte in der christlich-bayrisch geprägten Zensur. So etwas Unpatriotisches würde natürlich ein Journalist der Süddeutschen Zeitung geschickt ausklammern. Es kommt noch schlimmer, denn Siebenpfeiffer ließ gar nicht die deutsche Seele hochleben sondern die Seele aller Völker.

Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland – Volkshoheit – Völkerbund hoch!“ Also könnte man mit Fug und Recht behaupten, dass hier bereits der Völkerbund und die europäische Vereinigung Kern der Rede waren und die deutsche Frage sich vor allem um die Souveränität der Bürger als Volk drehte. Dieser Souverän könne dann direkt und offen mit den anderen Nationen rundherum in einem freundschaftlichen Bund (gegen den Deutschen Bund gerichtet!) eine Vereinigung erleben. religere – eine quasireligiöse Vereinigung der Menschen gegen die Trennungen, die Jahrtausende durch wenige Territorien der Adelsfamilien künstlich gespalten waren. Das tägliche Brot des Siebenpfeiffer floh übrigens zusammen mit Wirth in die Schweiz.

Dies ist nicht von ungefähr ein passendes Analogon, dass anschaulich macht, wie ganz anders im Nachkriegsdeutschland die Medien und die Presse eine Demokratie aus dem Boden stampften. Noch während des zweiten Weltkrieges (in Asien) gründeten einige Herren um Emil Carlebach die Frankfurter Rundschau. Ihre Philosphie und ihr Credo fasste er so zusammen: „Oberstes Prinzip ist die antifaschistische Zusammenarbeit. Jeder ist in seinem Ressort selbstständig, hat aber Partei- und andere Sonderinteressen dieser Zusammenarbeit unterzuordnen.” Jeder war in seine Ressort selbständig. Es gab keine Interessen, die aus Richtung Objektleitung (Anzeigenleitung) in die Redaktion regierten. Es gab auch keine Parteibonzen und Industriekapitäne, die mal eben beim Golf mit dem Herausgeber die Zukunft von Redakteuren besiegelten.

Hambach war damals, in den ersten Tagen der deutschen Demokratie, der Boden, in den die Freiheitsbäume gepflanzt wurden. Heute sind diese Freiheitsbäume gut verwurzelt, sie sind groß gewachsen, sie werden gepflegt vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Karlsruhe ist so etwas wie das Hambach unserer Zeit. Und dieses Karlsruhe hat die Systemrelevanz der Presse in großen Urteilen bestätigt. Im „Spiegel“-Urteil von 1965, im „Cicero“-Urteil von 2007: „Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse“ ist ein „Wesenselement des freien Staates“. Und: Die Presse ist ein „ständiges Verbindungs- und Kontrollorgan zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern in Parlament und Regierung“. Das ist nicht ganz so plastisch formuliert wie im Hambacher Schloss, bedeutet aber nichts anderes: Pressefreiheit ist das tägliche Brot der Demokratie.

Ich würde gerne in das Credo einfallen, wenn ich nicht wüßte, dass die SPD mit ihrer Beteiligungsgesellschaft ddvg mit Anteilen an über 70 Tageszeitungen und einigen Radiosendern sowie dem edutainment Verlag Tivola (Lernsoftware für Kinder) und der Zeitschrift Ökotest eben diesem Satz aus Karlsruhe Hohn lacht. Wenn ich nicht wüßte, dass schon diverse Einflußnahmen von Parteien auf Journalisten über diverse Berater- und Moderatorennebenjobs stattfanden. Und noch etwas: Karlsruhe sagt, dass die Presse ein Wesenselement des freien Staates sei – nicht der Demokratie! Demos und Territorium stimmen nicht überein. Oder sollen wir den Nationalismus soweit treiben zu sagen, dass Demokratie ein freier Staat sei? Vielleicht ist gerade die offene Sphäre des Internet ein frühe Form der Neuorientierung in eine poststaatliche Ära der Demokratie. Kein rechtsfreier sondern ein staatenloser Raum. Auch die repetitio des Satzes um die Presse als das tägliche Brot wird nicht profunder, wenn sie von Karlsruhe als Nabelschnur zwischen Volk und Bürger gesetzt wird, denn die Zeitung ist eine Einbahnstraße, die nur etwas verkündet, aber keinen Dialog ermöglicht. Wer ein bißchen in die Geschichte der Demokratie geschaut hat, der wird in Aristoteles‘ autonomia erkennen, dass alle an der Meinungsbildung zu beteiligen sind und nicht nur die Einen empfangen, was die Anderen durch Journalisten zu sagen haben. Nebenbei bemerkt, degradiert Karlsruhe die Zeitungen zur PR-Agentur für die Politiker. Oder tragen die Zeitungen den Volksmund zusammen, um in Sitzungen die Politiker über Volkes Meinung zu informieren?

Das täglich Brot geben uns natürlich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk und das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sie sind Presse im Sinne des Gesetzes – und werden für das tägliche Brot auch gut entlohnt. Die Anerkennung der Systemrelevanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind die Rundfunkgebühren. Verglichen mit dem, was ARD, ZDF, Deutschlandfunk & Co insgesamt schon an Rundfunkgebühren erhalten haben, ist das Milliardenkonjunkturpaket für die Wirtschaft der Jahre 2008/09 nur ein Päckchen, sind die bisherigen staatlichen Ausgaben für die HRE-Bank beinah ein Kleinkredit. Aber für dieses Geld liefert der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht nur das täglich Brot, sondern auch allerlei Gebäck: Süßzeug, Hörnchen mit Quark und Plunder mit Frischkäse.

OK, die sieben Milliarden, die die Sender Jahr für Jahr in Technik und private Produktionsgesellschaften ehemaliger Mitarbeiter verbraten sind also vergleichbar mit dem Geld, dass der Staat seinen eigenen Landesbanken sowie der bisher inoffziellen Bad Bank namens HRE versenken. Zum Verständnis: Prantl möchte, dass die Medien auch ein Stück vom großen Kuchen abbekommen, den politisch geführte Institutionen sowie die Herrschaften, die über Wohl und Wehe von Politikern verfügen, unter sich aufteilen. Warum? Weil sie schon 2007 die Krise erkannten über die 2003 die ersten Bücher veröffentlicht wurden? Weil die Medien, die Skandale der diversen Einmischungen von Politikern und Industrie in die europäischen Volkswirtschaften eher widerwillig oder gar nicht veröffentlichen. Weil die Medien keinen direkten Kanal für die Bürger hin zu den Politikern offen halten und sich nicht zum Sprachrohr des kleinen Mannes machen? Dafür sollen sie Geld erhalten? Für welches System ist denn eine Presse relevant, deren Inhalte immer mehr von Agenturen und externen kaum verschleierten Arbeitgeber-Instituten stammen?

Staatsfinanzierte Zeitungen ?

Sie glauben jetzt wahrscheinlich, ich hätte mit diesen Ausführungen zur Systemrelevanz der gedruckten Presse mein Plädoyer für deren Staatsfinanzierung oder Staatsunterstützung begonnen. Nein, wirklich nicht. Ich will keine Solidaritätsabgabe für die Presse, keine Staatsbürgschaft, kein Hilfspaket und keinen Notgroschen. Den Zeitungen fehlt es gerade noch, dass es bei ihnen zugeht wie beim ZDF – dass also die politischen Parteien glauben, sie könnten sich nicht nur den Chefredakteur beim ZDF, sondern auch noch den bei der „taz“ aussuchen. Ich will aber vor allem deswegen keine Staatsbürgerschaft, kein staatliches Hilfspaket und keinen Notgroschen für die Zeitungen, weil ich die Not der Zeitungen, über die allenthalben geklagt wird, so nicht sehe. Ich sehe eher einen merkwürdigen journalistischen Dekadentismus, der eine Mischung ist aus Melancholie, Leichtlebigkeit, Weltschmerz und vermeintlicher Ohnmacht gegenüber Anzeigenschwund und Internet, gegenüber dem Stand und dem angeblich unaufhaltsamen Gang der Dinge. Die angebliche Not, die angebliche Existenzkrise, ja Todesnähe der Zeitungen oder gleich gar des professionellen Journalismus, das alles gehört zu den Hysterien, die im Journalismus noch besser gedeihen als anderswo. Der Kikeriki-Journalismus, die aufgeregte Kräherei, die seit einiger Zeit unsere politische Publizistik prägt, kräht nun das eigene Ende herbei. Man schreibt sich sein eigenes fin de siècle. Man schreibt sein eigenes Produkt schlecht, so lange, bis es alle glauben – selbst kluge Leute wie Jürgen Habermas und Dieter Grimm.

Wird jetzt endlich die Diagnose zu einer Differentialdiagnose oder erstickt der aufgeklärte Geist am gleißenden Licht der Erkenntnis? Es ist übrigens kein Wehklagen der Journalisten udn Verlagseigentümer und -lenker. Es ist schlicht der Hilfsreflex, der Mächtige zu Idioten machen soll. Wenn man mit Forderungen nichts erreicht, dann jammert man so lange, bis einer aus dem Bermudadreieck aus Täter, Opfer und Helfer sich aufmacht, seine Position einzunehmen. Man nennt dies ein systemische Aufstellung. Wer gegenüber den Medien steht, ist entweder Täter (bezichtigt sich selbst des Mordes an der Presse) oder er ist ein Retter. Auf diese Weise schiebt man in Gruppen über 2 Personen die Menschen in Rollen und Aufgaben – das Spiel heißt Gruppenhydraulik und klappt immer.

Der Philosoph Jürgen Habermas und Dieter Grimm, der frühere, für die Pressefreiheit zuständige Bundesverfassungsrichter, haben für eine Staatsfinanzierung von Zeitungen geworben. Sie glaubten und glauben an die existenzielle Not von Zeitungen – und ihre Antwort darauf ist eine fast verzweifelte demokratische Liebeserklärung. Wir, die Journalisten, haben sie zumeist ziemlich überheblich zurückgewiesen, nicht selten deshalb, weil eine solche Zurückweisung leichter ist, als die Phantasielosigkeit des eigenen Verlagsmanagements zu beklagen und als überzogene Renditeerwartungen der eigenen Verleger anzuprangern. Überzogene Gewinnerwartungen von Eigentümern sind kein Ausdruck von Not, sondern von Kurzsichtigkeit und Dummheit.

Es ist ja bitteschön nicht so, dass die Zeitungen in Deutschland rote Zahlen schreiben, es ist nicht so, dass sie seit Jahren in der Verlustzone drucken. Sie machen nur nicht mehr so hohe Gewinne wie zuvor. Das kommt in den besten Unternehmen vor, auch in den Unternehmen, für die es kein spezielles Grundrecht gibt. Die Verlage nutzen aber die angebliche Not für überzogene Notwehr. Viele der sogenannten Restrukturierungsmaßnahmen und Kündigungswellen in deutschen Medienhäusern sind Putativnotwehrexzesse – die zugleich, und das ist das wirklich Tragische, die Basis für künftiges Gedeihen der Presseunternehmen gefährden.

Die deutschen Zeitungen brauchen kein Staatsgeld. Sie brauchen aber Journalisten und Verleger, die ihre Arbeit ordentlich machen. Sie brauchen Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig, selbstkritisch und integer sind. Sie brauchen Verleger, die einen solchen Journalismus schätzen, die also von ihren Zeitungen mehr wollen als Geld, die stolz sind darauf, dass sie Verleger sind; und denen dieser Stolz mehr bedeutet als ein oder zwei Prozent mehr Gewinn.

Das wirklich Tragische ist die Apathie mit der der Journalismus diesen Verrichtungen beipflichtet. Denn Journalismus ist nicht auf Tageszeitungen oder Verlage angewiesen. Verlage verkaufen eine Leserschaft an Anzeigenkunden. Das gelingt nur über das Vehikel Inhalte – früher noch Gehalt. Wenn nun also Verlage dieses Vehikel auf die Höhe eines Gestells herabstufen, kann man vor dem Ende seines brands noch einen ordentlichen Reibach machen und dann zieht die Karawane weiter. Denn die Eigentümer können auch gut ohne Druckerpressen leben. Es gibt ein Füllhorn an neuen Geschäftsmodellen, wenn man einmal die althergebrachten Produktions- und Absatzprozesse zur Gänze vergisst. An ihre Stelle treten dann die Apothekenzeitung oder andere Simulationen von Medien, die den Kontext von Inhalten, Lesern und Meinungsbildung völlig ins Neverland verlegen. In früheren Zeiten hätte man so etwas wohl als Agitation deklariert.

Die Zeitungsdepression in den Vereinigten Staaten

Die deutsche Publizistik hat sich von der US-Zeitungsdepression lustvoll anstecken lassen. Man tut so, als sei es gottgegeben, dass der state of play in den USA auch der „Stand der Dinge“ in Deutschland ist. Man sieht das amerikanische Zeitungssterben und übersieht zugleich, dass immer noch erstaunliche 50 Prozent aller erwachsenen Amerikaner täglich eine Zeitung aufschlagen. Gleichwohl gibt es die US-Krise natürlich. Lange bevor sich im Herbst 2008 die Banken- und Finanzkrise zuspitzte, steckten 19 der 50 größten US-Zeitungen in roten Zahlen. Wenn es einem Wirtschaftszweig in den USA heute noch schlechter geht als den Banken, dann sind das die Tageszeitungen. Stephan Russ-Mohl, der Journalistik-Professor in Lugano, vermeldet, was die Medienunternehmen mit den Finanzjongleuren von der Wall Street gemein haben: „Es ist noch nicht allzu lange her, da gab es nur eine einzige Branche, in der sich mit dem eingesetzten Geld noch mehr Geld verdienen ließ [als mit Banken und Zeitungen]: Spielcasinos.“

Was genau sagt dieser Absatz über die Medien der letzten Jahrzehnte aus? Überlegen Sie etwas und lesen bitte erst dann weiter.

Banken, Zeitungen, Spielcasinos: Das sollte den Blick darauf lenken, was zur US-Zeitungsdepression geführt hat. Es war vor allem die Geldsucht. Das US-Zeitungswesen fällt jener Wall-Street-Theorie zum Opfer, wonach man Profite dadurch maximiert, dass man das Produkt minimiert.

Das ist eher die halbe Wahrheit; es ist noch eher nicht mal ein Achtel der Wahrheit. Wie oben bereits gesagt, wurden Leserschaften für sehr viel Geld an Werbekunden verkauft. Das übernahmen in Deutschland spezielle Agenturen, wie die Agentur gwp, heute als iq media des Handelsblatt-Verlages, der sich aktuell mit einem WIWO-Chefredakteur Roland Tichy schmückt, der sich über die mindere Qualität des Caterings im Bundeskanzleramts auslässt und etwaige Kritik an dem Ackermann-Event von „rülpsenden HartzIV-Empfängern“ als defiziente Eiterbeulen einer verkommenen Moral disqualifiziert, die sich in lächerlichen political correctness Debatten ergeht. Leider hat diese dumme Bevölkerung keine handfesten Informationen über die Verwicklung der Deutschen Bank in die Bankenkrise von den Medien bekommen, die ECHTE political correctness Debatten aufkommen lassen würde, oder Hinweise darauf, wer mit den deutschen Staatsanleihen seine Bilanzen aufbessert. Es ist nicht allein die Gier der Eigentümer der Medien, es ist noch mehr die faktische Irrelevanz der Medien, die praktisch nichts Essenzielles auf den Tisch der Demokratie legen, dass den Gesellschaftsvertrag einer lobbyverseuchten Quasi-Demokratie in Frage stellen würde. Man ergeht sich in Vereinsmeierei. Das corps zählt mehr als der Einzelne, diese sehr präaufklärerische Sektiererei hat einen Vorzug und einen Nachteil. Das Positive ist im besten Fall der Schutz der Schwachen von den Mächtigen – das Negative liegt offen, nur wer über ausreichende Ellenbogen verfügt und das Grobe der Mehrheit bedient, kann sich durchsetzen.

Die US-Zeitungen sind an die Börse gegangen und dann an der Börse heruntergewirtschaftet worden. Ihr Wert wurde von der Wertschätzung nicht der Leser, sondern der Aktionäre abhängig gemacht. Überall und ständig wurde von den Zeitungen gefordert, ihren Aktienwert zu verbessern. Deswegen gab es Kahlschlagsanierungen, Korrespondentennetze wurden zerschnitten, Büros geschlossen, Redaktionen kastriert, die Druckkosten zu Lasten der gedruckten Inhalte gesenkt. An immer mehr Zeitungen haben die Investmentfonds wesentliche Aktienanteile gehalten. Dass Fondsmanager kein Interesse am Zeitungsmachen haben, liegt auf der Hand. Das war und ist der eine Grund für die US-Zeitungsmisere.

Ein erstes und uneingeschränktes JA.

Der andere Grund hat vielleicht auch mit diesem einen zu tun: Die USZeitungen haben in der Bush-Ära fast komplett versagt. In Washington hat sich – so konstatiert der Pulitzer-Preisträger Russell Baker – „das renommierte Corps der Hauptstadtkorrespondenten mit Lügen abspeisen und zur Hilfstruppe einer Clique neokonservativer Verschwörer machen lassen.“ Die Blogs waren daher nichts anderes als eine demokratische Not- und Selbsthilfe. In Blogs standen die kritischen Analysen und Kommentare gegen Bush und den Irakkrieg, die man in den Zeitungen nicht lesen konnte. Ein guter Journalismus muss wegen der Blogger nicht Heulen und Zähneklappern kriegen: Er kann dem Blog dankbar sein, wenn und weil er seine Lücken substituiert und seine Fehler aufzeigt.

Ein noch deutlicheres JA!

Man kann viel lernen aus der US-Zeitungsdepression. Vor allem, was man tun muss, um nicht in eine solche Depression zu geraten. Und da ist einiges zu nennen: Vielleicht muss zuallererst an die Stelle von Larmoyanz wieder Leidenschaft treten. Ein leidenschaftlicher Journalismus nähme die Manipulationen der Presse durch die Deutsche Bahn AG nicht so gleichgültig hin, wie dies geschieht. Da müsste es einen Aufschrei geben. Aber vielleicht geniert man sich ja, erstens weil man diese Manipulationen mit sich hat machen lassen, und zweitens weil diese nicht von der Presse, sondern von der Privatorganisation „Lobby-Control“ aufgedeckt wurden.

An Machwerken wie Handelsblatt und Wirtschaftswoche wird diese verhaltene Kritik abfallen wie ein Käfer vom pestizidgetränkten Blatt. Investigativer Journalismus muss völlig aus der Triangulierung mit der Werbung herausgedacht werden. Stiftungen, Genossenschaften/Mitgliedschaften aus Lesern und Schreibern oder neue Modelle müssen die unheilige Welt der Anzeigenkunden vollständig aus der Pressefreiheit herausheben. Wer in Zukunft noch glaubwürdige Medien machen will, muss sich einem Schisma beugen: Werbung ja oder nein. Es wird angesichts der enormen Einflussnahmen keine Zwitterwesen geben, die eine unabhängige Berichterstattung überhaupt denkbar erscheinen lassen – das umfasst auch alle Zeitungen aus dem ddvg-Umfeld. All dies erfüllt nicht die Grundanforderungen der Objektivität durch Transparenz und Distanz zu ökonomisch oder politischen Mächten, über die doch berichtet werden soll. Alles was nicht aus dem Dunkelfeld des Verstecks gezerrt werden muss, ist potenziell offene oder verdeckte Werbung.

Dann kommt der herrliche Teil des Prantl-Artikels den der geneigte Leser unbedingt lesen sollte. Ein Credo für den Journalismus im Web und über das Web. Ich bin wieder versöhnt mit Prantls Gedanken.

Hier weiterlesen unbedingt: LESEBEFEHL


Aug 25 2009

Information Underload

mantasmagorical-fussSeit zehn Jahren stöhnen sich die Artikel und Experten gegenseitig die Hucke voll: Das Web hat eine riesige Informationsflut geboren. Täglich prasseln Abermillionen von Buchstaben, Bilder und Tönen auf uns ein und verrichten irgendwo im Geflecht unserer Synapsen ein heilloses Chaos. Natürlich helfen dagegen allerlei Wundermittel wie Datenbanken, besondere Suchalgorithmen, Datenformate, information design und natürlich immer wieder die ganz radikalen Asketen, die in abenteuerlichen Studien erkennen, das XYZ (der Leser setze hier wahlweise, das Web als Ganzes, Youtube, Soziale Netzwerke und zuletzt twitter) eigentlich abgeschaltet werden müsse, weil es total überflüssige Inhalte verbreite.

Immer wenn man solchen oder ähnlichen Meinungen lauscht, wird man geradezu berauscht von dem inflationären Gebrauch von Begriffen wie Daten, Inhalte, Information, Content oder gar Wissen. Dabei werden gerne mithilfe unbekannter Förmchen aus Daten kleine Informationskuchen gebacken, die bei Genuß zu sofortigem Wissen verhelfen wie einst im Märchen. Dabei kennen wir alle den mütterlichen Rat, dass ein Genuß von zuviel Kuchen schnell zu einem verdorbenen Magen führen kann. In empathischer Sorge um unsere mentale Verdauung eilen dann eben jene Experten heran, die eine mehr oder weniger strenge Informations- oder gar Datendiät verschreiben, indem sie einzelne Regale im Vorratsraum sperren. Entweder darf via Intranet niemand auf Soziale Netzwerke zugreifen oder twitter wird gesperrt oder es gibt eine ganz tolle Suchmaschine, die sogar ein bißchen die Altsysteme mit in das Intranetzeitalter befördert. Manchmal klappt das sogar auch und man muss nicht mehr kryptische Tastenkombinationen erlernen, um in den sogenannten Legacy Systems die besonderen Bedingungen in Altverträge nachzuschauen oder einfach nur den Vertragsbeginn.

So kämpfen sich von der einen Seite die Asketen und von der anderen die Schweizer Messer der Informationswelt gemeinsam und mit rasender Geschwindigkeit auf einen Kulminationspunkt zu. Die Einen rufen Kontrolle und die Anderen wissen, dass Informationskontrolle im Webzeitalter ungefähr das achtfache des amerikanischen Bruttosozialprodukts pro Jahr kosten würde – unter der Vorraussetzung, dass keine neuen Inhaltsanbieter mehr dazu kommen. Seitdem Blogs, posterous, tumblr und twitter die Latte zum online publizieren immer tiefer hängen dürfte dieser Wunsch ins Reich der sieben Zwerge verbannt sein. Kontrolle ist daher obsolet.

Die Fetischisten unter den Informationsexperten sind Journalisten. Sie kümmern sich nicht um das gemeine Datum. Sie bevorzugen das Besondere. Es sollte schon ein vorgebackenes Förmchen aus der Kuchenbäckertradition sein. Etwas, das man mit ein wenig Zuckerguß, ein paar Wallnüssen und einem exotischen Namen als echte Nachricht verkaufen kann. Sie bezeichnen daher ihre Tätigkeit auch als Filterfunktion. Sie probieren manchmal den Sand, oft allerlei Küchlein und rasend gerne ganze Kuchenbleche, die schon vorfabriziert sind von Zulieferern oder anderen Journalisten. Auf diese Weise tragen sie zur Volksgesundheit bei; so sagt man. Jedenfalls sagen das die Bäckerinnungen und die Backzutatenhersteller und die müssen es ja wissen. Zur Filterfunktion der Journalisten und den inflationären Klagen über Information Overload könnte man noch Clay Shirky anführen, der erklärte, dass information overload dasselbe sei wie filter failure, also das Versagen der Filter.

mantasmagorical_burgEs kommt schon vor, dass ein und derselbe Kuchen mehrmals verteilt und gegessen wird. Aber das ist nicht so schlimm wie die Tatsache, dass heutzutage jeder Hinz und Kunz seinen eigenen noch so kleinen Kuchen per twitter anbieten kann. Oft tut er oder sie das sogar nur, um ein oder zwei guten Bekannten einen Gefallen zu tun. Andere Mitleser – Verzeihung Mitesser – haben aber rein gar nichts davon, wenn die sich über diese speziellen individuellen Kuchen austauschen. Man spricht ihnen sogar ab, dass ihre Daten überhaupt die Schöpfungshöhe von Information erreichen. Ganze Studien werden darüber verfasst, dass diese definzienten Formen von Informationskuchen den Alltag verstopfen.

Ist das so? Ist der Klatsch und Tratsch zwischen einzelnen Menschen weniger wert als ein 478.987 Mal abgedruckter kleiner Junge, der in Indien eine gute Tat getan hat und dessen süßes Foto so schön in „Vermischtes aus aller Welt“ passt. Wie geht es dem geneigten Leser, wenn er Nachrichten, die er vor zwei Tagen über twitter erfahren hat, die gestern in elf Blogs standen und die er nun in den Abendnachrichten hört?

Wer einmal in Amerika gewesen ist und dort Nachrichten sah, wird mir zustimmen, dass dort nur lokale Inhalte zählen, aufgehübscht durch Nachrichten aus dem fernen Washington oder Hollywood, der Rest der Welt kommt nicht vor. Nicht, dass ich das befürworten würde. Aber die Volksgesundheit scheint wundersame Wege zu gehen.

Wer glaubt, dass Information aus Daten bestehen, die mit einer Referenz wie Lehrbuch, Zeitung, Dozent versehen zu Wissen werden, der irrt. Er träumt einen Traum, der 300 Jahre alt ist. Damals dachte man noch, man könne mithilfe von vielen Buchstaben aus unwissenden Bauerntölpeln ehrenwerte Bürger machen. Wer heute eine der ewig lustigen TV-Befragungen der Bevölkerung zu einem gegebenen Thema anschaut, dem wird das Lachen im Halse stecken bleiben. Daten über den zweiten Weltkrieg, geographische Kenntnisse über die Lage von Bundesländern oder gar die Namen von bestimmten Ministern scheinen ähnlich weit weg von der Lebenswelt zu sein wie die alpha-helix, mathematische Topologie und das tertium non datur. Irgendetwas scheint mit der öffentlichen Meinungsbildung durch Medien mißraten zu sein: Ich schwanke noch zwischen der Bevölkerung und dem Internet – vielleicht gibt es auch jemand anderen, der die Verantwortung trägt, eventuell sind es mehrere.


Aug 24 2009

Die Adhocratie – eine Organisationsform der Zukunft: Social Software übernimmt Manageraufgaben

mintzberg

Quelle: http://www.flickr.com/photos/personeelsnet/

Dr. Henry Mintzberg sitzt im Raum 544 in Montreals McGill-University und setzt ein verschmitztes Lächeln auf. Seit über 40 Jahren gilt er als Querkopf und ist stolz darauf. 1975 hat er im Harvard Business Review einen Artikel verfasst über die Tätigkeiten, mit denen sich Manager so abgeben. Und diese Gewohnheiten haben sich offenbar kaum geändert in den letzten Jahren. Eine Tätigkeit, die länger als eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, kommt bei dem größten Teil der Manager nur alle zwei Tage vor. Die gemeine Handlung umfasst 10 Minuten und besteht zumeist im Sprechen oder Zuhören.

Manager aus den höheren Rängen verbringen mit diesen zwei Tätigkeiten mehr als 75% ihrer Zeit. Es ist also müßig, sie von Internet, Web oder Social Software zu überzeugen. Sie hätten gar keine Zeit, sie zu nutzen, da sie ohnehin nur mündlich kommunizieren. In absehbarer Zeit werden wir sie wohl sowieso nicht mehr sehen. Denn eigentlich werden sie in analytischen Fähigkeiten ausgebildet, dabei bräuchte man sie, um zusammenzuführen (Synthese). Die MBA-Ausbildung wird daher von Mintzberg als Dinosaurier bezeichnet, der keinerlei Relevanz mehr aufweist angesichts der postmodernen Anforderungen. Und dabei schaut Mintzberg wieder aus seinem Fenster und lächelt, denn er ist bei INSEAD und der London School of Econmics Professor gewesen und INSEAD noch immer verbunden. Er weiß, dass sehr gute Analysten von Harvard, Stanford, Oxford und eben den beiden oben genannten Kaderschmieden exzellente Anlysten sind, aber sehr selten gute Führungskräfte.

Hier weiterlesen