Jun 30 2009

Klaus Eck lernt Social Media

Klaus Eck versucht seit einigen Jahren das Thema Web 2.0 als seinen unique selling point (Alleinstellungsmerkmal) zu profilieren. Er scheint damit viele Menschen überzeugen zu können. Ein Grund mehr, einmal die Substanz hinter dem Profil zu betrachten. Aktuell hat er in seinem Blog einen Artikel veröffentlicht, der 21 Beispiele für Social Media Newsrooms (SMN) sagen wir mal aufzählt. Dieser Aufzählung stellt er in guter alter Brigitte-Manier die 21 MUST-DOs vor. Er bezeichnet sie als die Charakteristika für einen gut gemachten SMN (Originaltext kursiv):

Ein gutgemachter Social Media Newsroom ist essentiell für die Online-PR: Er …

1. eröffnet einen schnellen Zugang zu den wichtigsten Unternehmensinhalten

Die wichtigsten Unternehmensinhalte verbleiben am besten hinter der Firewall. Man muss der Wirtschaftsspionage ja nicht PROAKTIV (ich liebe diesen Begriff) entgegenkommen.

Zu fragen bliebe, ob hier nicht eine Diskussion der Zielgruppen, Sinusmillieus, Teilöffentlichkeiten, Kunden, Partnerprofile (je nach Ausbildung suchen Sie sich bitte den passenden Begriff raus) an genau dieser Stelle extrem zielführend wäre. Zusatzfrage: Was ist ein schneller oder langsamer Zugang? Ich kenne nur die Qualifizierung offen, gefiltert, anpassbaren oder geschlossenen Zugang.

2. lebt von aktuellen und vielfältigen Inhalten, die möglichst täglich erneuert werden

Jetzt hebt der junge PR-Berater aber ab. Wohl zu lange in der Lokalredaktion des Puppenburger Augenspiegels gesessen. Welches Unternehmen veröffentlicht täglich Neuigkeiten? Sowas geht vielleicht im Firmenblog, aber im Social Media Newsroom? Ach übrigens, aktuelle Inhalte, die täglich erneuert werden sind weiße Schimmel oder kleine Babies. Tautologien haben den Vorzug, das Richtige zu sagen, aber die Redundanz erhöht mitnichten den Informationsgehalt.

3. ist komplett per RSS abonnierbar und individualisierbar

Eine webbasierte Oberfläche wie ein SMN ist nicht wie eine Intranetseite mit Portlets oder ähnlichem individualisierbar. Man könnte bei großen Konzernen einfach durch Ausklicken bestimmter Themen-/Geschäftsbereiche in einem sogenannten „Smart View“ per Cookie reproduzierbar die Anzahl der Inhalte einschränken, die man sehen will. Bei Panasonic schaut halt der Foto-Journalist selten auf die Maschinen oder Hifi-Anlagen, aber das ist nicht ein indivdualisierbares Portal. Zu RSS kann ich nur sagen, dass ich extrem wenig Journalisten kenne, die Presseinhalte per RSS-Feed abrufen. Die kriegen nämlich sowieso schon täglich Dutzende Pressemitteilungen, die sie nicht die Bohne interessieren. Aber warum nicht, wenn man die PIs eh per Blogsoftware publiziert, weil es billiger ist als ein CMS, dann ist ja der Link zu Atom oder RSS 2.0 eh schon im Layout enthalten (oder wie Herr Eck schreiben würde -inkludiert-.)

4. basiert auf Pull-Elementen und nicht auf Push

Ähem. Push und Pull sind hier offenbar nicht so ganz verstanden worden. RSS ist eine PUSH-Technologie. Nur Techies bezeichnen es als Pull, weil der Client die Meldungen rauszieht. Aus Sicht des Nutzers ist es PUSH. Oder Eck meint die Bedeutung von Push und Pull aus dem Marketingumfeld, aber das kennen ja noch weniger Leser seiner Seiten. Das wäre allerdings mal interessant. Denn die bisher rein technologisch geführte Push/Pull-Debatte könnte man einfach mal auf die Qualitätsachse zu heben und sagen, was attraktiv ist, sei automatisch ein Inhalt, der gepusht wird, weil ihn die Webnutzer viral verteilen. Denn einfach Inhalte in eine digitale Bibliothek zu stellen und Social Media Newsroom darüber zu schreiben bedeutet keine neue inhaltliche oder qualitative Erweiterung der klassischen PR-Arbeit. Nur die Distribution wird zusätzlich zum klassischen Verteiler noch um ein blogbasiertes Archiv erweitert. Das aber ist NICHT social media. Es ist web 1.0. Führen wir den Push/Pull-Gedanken weiter: Unattraktive Angebote müssen gepusht werden, während attraktive darauf warten können, gepullt zu werden! In diesem Sinn ist der Knaller im Kino ‚Pull‘, während die Werbung davor als ‚Push‘ geduldet wird. Bannerwerbung teilt die Webseiten in der Fläche auf, und die Anbieter hätten sich Gedanken zu machen, nicht wie sie pushen können, sondern wie sie erreichen, gepullt zu werden. Die Formulierung zeigt ein weiteres Mal, daß beide Modi unmittelbar ineinander übergehen.
5. spricht Journalisten wie andere Influencer gleichermaßen an

Oops. Influencer kenne ich nicht. Vielleicht meint er die Hubs aus der Buzz-Marketing Theorie von Emanuel Rosen. Oder er meint Meinungsführer? Aber zu der Aussage, dass SMN Journalisten und Meingsführer gleichermaßen anspricht, kann ich nichts sagen, da es keine qualitative Aussage ist. Es ist ein Satz ohne jede inhaltliche Bedeutung wie etwa der Satz: Die Reifen eines Autos befinden sich in derselben Nähe zum Lenkrad wie die Radkappen. Ich kenne die Relation der Kategorie Journalisten zu Meinungsführern nicht, da ich nur Menschen kenne. Metarelationen von sozialen Rollen zueinander kann man diskutieren, aber nicht auf dem Niveau dieser Aussage.
6. verweist nicht nur auf die eigenen, sondern auch auf fremde Quellen (Verlinkung)

Ja, das war die Idee von Ted Nelson, als er 1963 den Begriff Hypertext prägte, der für die Väter des Web als geistige Grundlage diente. Das ist aber Web 0.0001 und nicht Web 2.0.
7. öffnet seinen Pressespiegel für alle (Social Bookmarking erleichtert das)

Ja, da bin ich mir sicher, dass Journalisten genau studieren wollen welche anderen Magazine und Zeitungen schon zum Thema berichtet haben. Das ist vielleicht sogar der wichtigste Teil einer journalistischen Recherche, wenn man beim Puppenburger Augenspiegel ein Volontariat gemacht hat.
8. ermöglicht den schnellen Kontakt für einen Dialog (Twitter, Facebook, Skype, etc.)

Ein SMN liefert Links zu Friendfeed, Twitter und Produkt- oder Firmenprofilen in Sozialen Netzwerkportalen. Ob das allerdings den Kontakt beschleunigt, hängt von der Nutzung und personalne Ausstattung der Firmen ab. Wenn nur dreimal in der Woche der Werkstudent im Marketing das Twitterprofil beschickt  oder zweimal im Monat Inhalte bei facebook einstellt oder Fragen beantwortet, dann hilft all dies gar nichts. Im Gegenteil. Dann wären keine Links fast die bessere Lösung.

9. nutzt Real-Time-Elemente (Livestreaming auf Basis von Twitter oder Friendfeed)

Das ich dieses Wort jetzt noch lesen darf. Ich erinnere noch an die Echtzeitstreams von der webciety oder der re:publica. Ich rate dringend davon ab, wenn man nicht mindestens 15.000 EUR Budget (pro Tag) für einen guten Diensteister und leistungsfähige Knoten ins Netz zur Verfügung hat. ganz abgesehen vom lokalen Netz…
10. erleichtert die Vernetzung mit den Ansprechpartnern im Unternehmen

Wer wird hier vernetzt? Die Journalisten mit den Abteilungsleitern oder Sachbearbeitern? Oder sind hier einfach die Mitarbeiter der Pressestelle gemeint? Meistens sind diese auch ohne SMN über die angegebenen Wege auf der Presseseite erreichbar. Ob sie aber die genwünschten Informationen herausgeben wollen oder dürfen hängt in keiner Weise mit einer Presseseite auf Blogbasis zusammen. Auch wenn 123 Links zu 12 Videoportalen und 356 Links zu 66 Sozialen Netzwerken auf der Seite erkennbar sind, ist die Vernetzung eine ganz andere Kiste. Vernetzen heißt nämlich einbinden über mehrere Knoten. Das sind meistens Menschen diese Knoten. Gut, wenn man die Pressearbeiter und die Öffentlichkeitsarbeiter vernetzt, aber zwei Menschen, und das ist es meistens, können sehr effektiv über Telefon/Skype und Mail/attachment kommunizieren. Das Besondere an Web 2.0 sind n:n Beziehungen. Wäre schön, wenn darauf eingegangen werden könnte, das ist nämlich ein KERNPUNKT der ganzen Web 2.0 Sache.

11. bietet reichhaltiges lizenzfreies Video- und Bild-Material (gerne auch Pod- oder Vodcasts)

liest sich wie ein Katalog der örtlichen Schlachterei. Ich weiß nicht, was mit lizenzfrei gemeint ist, gemeinfrei wohl eher nicht. Was reichhaltig ist erschließt sich mir nicht. Vielleicht geht es einfach darum den Originalblogbeitrag, der hier RICH MEDIA FILES vorsieht sinnvoll zu übersetzen…Wer weiß das schon.
12. fordert alle Besucher zu Copy & Paste auf

Mit Befehl, mit seinem tollen Design oder wie passiert die Erfüllung dieser originellen Aufforderung. Sehr lustig. Ich habe jetzt noch blaue Flecken auf den Schenkeln.

Stimme aus  dem off:

Achtung! Achtung! Die Inhalt auf dieser Seite müssen innerhalb von fünf Minuten gänzlich heruntergeladen werden, da sich sonst ungefragt ein Virus auf ihrer Festplatte breit macht!

13. regt Online-Diskussionen auf anderen Plattformen (Facebook, Twitter, Blogs etc.) an

Dies wäre jetzt wirklich mal ein paar Gedanken wert, wie eine Presseseite das anstellt, dass sie Diskussionen bei anderen MENSCHEN anregt. Das könnte auch mit den Inhalten zusammenhägen und nicht mit den Formaten oder den reichhaltigen Videos. Aber vielleicht irre ich mich da.


14. Integriert eigene Corporate Blogs und Microblogs

Corporate Blogs im Intranet oder im Web? Wenn mt Microblogs Twitter gemeint ist, dann steht das hier schon weiter oben. Ein Corporate Blog hat eigentlich eine ganz andere Aufgabe als das Herausdröhnen von Presseinformationen. Es geht ja genau darum DIREKT mit den Kunden zu kommunizieren. Ein Social Media Newsroom kommuniziert ja nur dann mit Nicht-Journalisten, wenn er auch für Nicht-Journalisten interessant ist. Hier sind wir wieder bei der Ausgangsfrage nach dem Zielpublikum bzw. deren heterogenen Erwartungen.
15. bringt die News des Unternehmens zum Laufen

Diesem tollen Satz kann ich nur noch ein: Auf die Plätze! Fertig! Los! entgegen rufen.


Jun 29 2009

Verlage bestraften sich selbst mit ihren bisherigen Geschäftsmodellen der Papierinflation


Jun 25 2009

Social Networking für oder von Dummies? – Koch und Richter über Enterprise 2.0

enterprise20Michael Koch und Alexander Richter haben in ihrem Buch Enterprise 2.0 (Oldenbourg Verlag) Informationen aus vielen Werken zusammengetragen, die sie bereits gelesen haben. Sie bilden damit in Deutschland die Spitze der Literatur, die auch andere Autoren mit ähnlichen Zusammenstellungen liefern. Die mangelnde praktische Erfahrung der meisten Autoren wird mit sogenannten „best practises“ ausgeglichen. Es sind zumeist Anwenderberichte von Firmen, die spezifische Software oder IT-Strukturen/Architekturen ausprobiert haben und dies nun stolz als Erfolg darstellen. Die Gründe für diese Darstellung sind vielfältig, aber lassen sich zumeist mit Profilierung und Selbstdarstellung im besten oder schlechtesten Sinne umschreiben. Sind diese Teile der „Standardwerke“ noch ganz spannend, fallen die Teile, wo eklektizistisch einfach andere Inhalte aus zumeist internationalen Werke zusammengetragen werden, extrem in die Beliebigkeit ab.

Stellvertretend nehme ich mir heute aus besagtem Buch den Teil „Vorteile von Social Networking aus unternehmerischer Sicht“.

Sie beziehen sich auf folgendes Buch: Teten, D.; Allen, S. (2005): The Virtual Handshake: Opening Doors And Closing Deals Online, Mcgraw-Hill Professional, Amacom, New York.

Man erkennt am Titel, dass es sich hier um ein Werk aus dem Bereich Sales/Entrenpreneurship handelt! Wer will, kann es sich hier kostenfrei nach einer Registrierung herunterladen. Es lohnt sich.

Koch/Richter erklären mit Bezug auf dieses Werk folgende Vorteile von Social Networking:

1. Unter Ausnutzung der intensiven Vernetzungen kann man die eigenen Qualitäten einer größeren Zielgruppe darstellen. Die Kompetenzen der Mitarbeiter lassen Rückschlüsse auf die Qualität des Outputs des Unternehmens zu.

Was sollen diese ungelenk formulierten Sätze beschreiben? Sie erklären, dass eine intensive Vernetzung genutzt wird, um sich selbst darzustellen. Wer interne und auch externe Netzwerke kennt, wird erlebt haben, dass meistens die fähigsten Mitarbeiter ihre Profile am nachlässigsten pflegen. Ob es daran liegt, dass sie keine Zeit haben, wenig Sinn in der Selbstdarstellung sehen oder schlicht keine Veranlassung haben, sich anzubieten, sei dahingestellt. Eine – wie auch immer gemeinte – intensive Vernetzung funktioniert nicht qua fein granulierter Profilbearbeitung. Hätten Koch/Richter das Werk von Teten und Allen genau studiert hätten sie dort gelesen, dass Social Networks eben selten dazu dienen, fremde Personen besser kennen zu lernen. Sie sind sehr effektiv darin, die Beziehung zu Leuten aufrechtzuerhalten bzw. wiederaufleben zu lassen, die man irgendwann mal kennen gelernt hat. Die Amerikaner nennen dies das Verwandeln einer schwachen in eine starke Verbindung (s.u.). Diese intensive Vernetzung entsteht also NICHT auf der Basis eines tollen Profils.

Der zweite Satz, dass die Kompetenzen Rückschlüsse auf den Output eines Unternehmens zulassen, halte ich für einen Gemeinplatz, der so radikal reduziert ist, dass er eigentlich als falsch und unlogisch zu entlarven ist. Es liegt auf der Hand, dass viele gute Köche nicht unbedingt besser kochen als ein guter Koche alleine. Hier greifen die Autoren Koch/Richter aber auf den Kompetenzbegriff zurück. Dieser umfasst jedoch neben der Sachkompetenz, die in Zertifikaten öffentlich dargestellt wird, vor allem im Kontext des gesamten Unternehmens die interdisziplinäre Kompetenz sowie als Realisation der Fachkompetenz die Eigenverantwortung und Eigeninitiative. Alle drei Elemente sind mitnichten in den Profilen eines sozialen Netzwerks abzulesen – noch nicht einmal direkt im Output der Firma ablesbar.

Ingesamt ist diese 1. These falsch, weil sie keinerlei qualitativen Bezug zwischen Profilen, intensiver Vernetzung und Qualität des Outputs erstelllt bzw. in eine nachvollziehbare Relation setzt.

2. Durch das Social Networking wird ein Zugang zum Wissen des Kollektives geschaffen. was zu Kompetenzsteigerungen des Einzelnen führen kann. Dies entlastet das Unternehmen, da die bereitgestellten Ressourcen extern in Form von Humankapital kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.

Das „Wissen des Kollektivs“ ist wenigstens die Summe dessen, was alle Mitglieder dieses Kollektivs wissen. Da die meisten Menschen noch nicht einmal selber bewußt nachvollziehen können, was sie eigentlich wissen, ist diese These zutiefst fragwürdig. Sie basiert auf einem mechanischen Weltbild, das Wissen als Materie erfasst, die zusammengetragen und jederzeit frei abgerufen werden kann, was unrealistisch ist. Wir wissen alle aus unserer eigenen Lebenswelt, dass man oft etwas weiß, was man an anderen Tagen einfach nicht erinnert oder dass man sich durch das Darstellen von Problemen durch andere auf die falsche Fährte führen läßt und bei eigener Betrachtung die eigene Formulierung eines Problems schon die Lösung enthält. Ohne weiter auf den sehr fragwürdigen Begriff des „Wissen des Kollektivs“ zu vertiefen, verweise ich hier einfach auf die extreme Problematik, auf Wissen zuzugreifen oder einen Zugang dazu zu haben einfach über die Existenz von Personenprofilen im Intranet. Menschen geben ihre Wissen nicht einfach deswegen preis, weil ein Kollege aufgrund ihres Profils erschließt, dass sie etwas wissen müssten.

Dass die Kompetenz des Einzelnen steigt, wenn er in einem Kollektiv ist, das andere Menschen mit anderen Kompetenzen umfasst, halte ich für einen so schlichten Gedanken, dass ich die Bewertung dem geneigten Leser überlasse. Die Entlastung des Unternehmens geht in diesem Fall eher gegen Null. Begriffe wie Humankapital und kostenfrei in Bezug auf derart komplexe Betrachtungen wie das Zusammenwirken verschiedener Menschen, verschiedener Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizonte angesichts nur einer einzige Problemstellung in ein „Fachbuch“ zu schreiben, halte ich für grob fahrlässig und unverantwortlich gegenüber den interessierten Lesern. Wer Erfahrungen im Projektmanagement gesammelt hat, weiß, wie umfangreich allein das Erarbeiten der einzelnen Schritte zum Problemverständnis und der angemessenen -analyse sind und wie diese Komplexität exponentiell zunimmt, je mehr Abteilungen beteiligt sind.

Auch diese zweite These ist in ihrer Schlichtheit eher falsch als richtig. Ist in der ersten These einfach die Relation falsch bewertet, ist hier grundsätzlich der Wurm drin. Denn sowohl der Satzgegenstand als auch die Satzaussage sind nicht haltbar ohne Zusatzannahmen, die zumindest nicht genannt sind. Der zweite Satz ist einfach nicht belegbar und auch nicht logisch darstellbar.

3. Neue Kontakte, die relevanten Nutzen stiften, können mit Hilfe der Social Software einfacher lokalisiert werden, da die Onlinesuche effektivere Ergebnisse liefert als traditionelle Maßnahmen des Beziehungsmanagements.

Dieser Satz kann nicht Ernst gemeint sein. Natürlich ist eine Datenbank voller Personenprofile, auf die alle zugreifen können, anders als eine Datenbank, die nur der Personalabteilung zugänglich ist. Die Frage ist, ob, wer und mit welchem Recht auf welche Inhalte zugreifen soll und darf. Was aber ein Social Network an neuer Qualität gegenüber der schlichten internen Yellow Pages an neuen Möglichkeiten eröffnet, ist hier mitnichten dargestellt. Wenn man den Beginn des Satzes betrachtet, dann wird dieser zunächst offensichtliche Gemeinplatz noch ins Falsche gekehrt. Man kann in Sozialen Netzwerken keine neuen Kontakte erhalten, die relevanten Nutzen stiften. Man kann dort POTENTIELL neue Kontakte knüpfen, die POTENTIELL neue Perspektiven oder Kompetenzen einbringen und dadurch etwas befördern ODER gar behindern. Die Begriffe Relevanz und Nutzen gehören übrigens zwei unterschiedlichen Kategorien an und sind in diesem Kontext nicht sinnvoll zu verbinden ohne Zusatzannahmen, die hier nicht offenbart wird.

Erneut verhindern unglückliche und kaum durchdachte Formulierungen das Bestätigen eines Gemeinplatzes, der in einer solchen Thesensammlung eigentlich sowieso nichts verloren hat.

An dieser Stelle zitiere ich aus naheliegenden Gründen eine externe Quelle, die eines der Probleme auf den Punkt bringt:

„Komplett neue Kontakte über das Internet aufzubauen, erfordert hingegen einen gewissen Einsatz an Energie, der eben mit einer Kontaktanfrage und einem netten Zweizeiler nicht geleistet werden kann. Viele Nutzer von Online Social Networks sitzen hier einem Trugschluss auf. Sie gehen davon aus, dass bereits das Kontaktieren eine schwache Bindung entstehen lässt, welche für das Business sehr wichtig sein können. Was hingegen beim Empfänger einer solchen Kontaktanfrage entsteht, hat mit einer Bindung meist wenig zu tun. Daher kann man zusammenfassend sagen: Schwache Bindungen lassen sich allein über das Internet nur sehr schwer erzeugen.“

Kommen wir zur vierten These von Koch/Richter:

4. Alle Netzwerkbeziehungen, auch weit entfernte oder nur durch die Plattform zustande gekommene und durch deren technische Möglichkeiten aufrecht erhaltene Kontakte können durch den Faktor [sic!] Vertrauen gestärkt und authentisiert werden. Dieser kann durch gegenseitige Empfehlungen weiter ausgebaut werden bis hin zu einer Expertise oder Garantie : „Displaying conncetions is a way of signalling a willingness to risk one’s reputation“ Donath/Boyd 2004 Seite 76

Tja. hm. Also hier bleibt mir ehrlich gesagt die Spucke weg. Dies verläßt eigentlich den Rahmen eines akademischen Diskurses und driftet in die spekulative Astrologie ab. Beginnen wir hinten:

Der Artikel von Judith Donath und Dana M. Boyd aus 2004 (Donath, J., & Boyd, D. . Public displays of connection. BT Technology Journal, 22 , 71-82 ) erweiterte Boyds eigene Studien aus diesem Jahr dahingehend, dass die Darstellung von Beziehungen zwischen Nutzern (Kontakte des Kontakts) von öffentlichen Sozialen Netzwerken wie Friendster (der Untersuchungsgegenstand von Boyd) eine sehr leistungsfähige Hilfe für das Navigieren innerhalb dieser Netzwerke sei. Im Gegensatz zu Marwick in 2005 (Marwick, A. „I’m a lot more interesting than a Friendster profile:“ Identity presentation, authenticity, and power in social network service. Chicago, IL. ) stellte Boyd auf der Grundlage des oben angeführten Gedankens klar, dass es immer Fakesters (Betrüger) gebe und ein Profil nie ganz real sein könne!

Die sichtbaren Beziehungsmuster (Kontaktliste) eines Profils ermöglichen das Validieren desselben, vor allem wenn man einen oder mehrere gemeinsame Kontakte findet. ABER: dies ist ein Thema öffentlicher Sozialer Netzwerke und ist nur in sehr eingeschränktem Umfang auf interne Soziale Netzwerke anwendbar, da die Neigung zum Fake innerhalb von Firmen deutlich geringer ist, da der Gesichtsverlust und die direkten Konsequenzen deutlich empfindlicher sind. Außerdem ist die interne Kontaktliste bei einer Firma mit 300 Angestellten nicht so besonders heterogen.

Fokussieren wir den Begriff des Vertrauens. Aus eigener Erfahrung und vielleicht auch durch akademische Beschäftigung mit diesem Begriff weiß der geneigte Leser, dass dieses Gut sehr selten verteilt wird und eine lange Vorgeschichte hat. In der Soziologie entsteht Vertrauen auf der Grundlage gemeinsamer kultureller Werte, die langsam zu einem stabilen Gefühl des persönlichem Vertrauens wachsen können. Dieser Begriff des Vertrauens lässt sich eben nicht via Internet begründen. Man könnte das Konzept des Web of Trust an den Haaren aus der Kryptologie herbeiziehen und die gegenseitige Bestätigung der einzelnen Nutzer als eine Art Signatur auffassen. Das wäre interessant liegt aber offenbar außerhalb des Wissensbereichs der Autoren. Die nächstliegende Quelle müsste bei einem modernen Wissenschaftler in diesem Umfeld das Konzept des sozialen Kapitals von Pierre Boudieu sein. Dort ist Vetrauen ein zentaler Bestandteil der Beziehungen zwischen Menschen. Allerdings steht genau dieser Begriff in direktem Gegensatz zum Begriff des Humankapitals. Letzteres fokussiert auf natürlich Personen. Bourdieus soziales Kapital nimmt nur die Beziehungen zwischen ihnen zum Untersuchungsgegenstand. Die Bereitschaft der Akteure, miteinander zu kooperieren erfordert dort eben soziales Vertrauen, welches sich jedoch erst durch KOOPERATION und GEGENSEITIGE UNTERSTÜTZUNG entwickelt.

Das Buch listet noch drei solcher hanebüchener Thesen auf. Ich denke, wer diese liest, wird selbst sehen, auf welch einer Ebene die wissenschaftliche Betrachtung des Themas Enterprise 2.0 zu Zeit steht, denn das ganze Buch der zwei Autoren gilt hierzulande als Standardwerk. Ich habe bei jeder Seite mehrmals laut aufgelacht. Nach einigen Dutzend Seiten ist mir allerdings das Lachen im halse stecken geblieben. Wenn wir dieses spannende Thema auf eine derart triviale Art der Beschäftigung mit ihren Grundbedingungen und Probleme reduzieren, wie Michael Koch und Alexander Richter es tun, dann wäre es besser, es gleich sein zu lassen. Insofern haben all diejenigen Recht, die sich Enterprise 2.0 noch verschließen. Die akademische Diskussion ist im deutschsprachigen Europa bisher auf dem Stand eines Leistungskurses Politik in der 12. Klasse.


Jun 24 2009

10 Jahre Haft für Geschäfte mit Chamenei-Regime sind angemessen

Es wird Zeit, ein extrem striktes Im-Exportverbot gegen den Iran und ein Verfahren am internationalen Strafgerichtshof ICC in Den Haag gegen die Verantwortlichen jetzt anzustreben.

Wenn Russland und China nicht mitmachen, könnten es alle anderen Länder realisieren. Es wäre schön, wenn wenigstens das Symbol einer Ächtung solchen Verhaltens hochgehalten wird. Zumindest ist der Nachweis erbracht, dass Chamenei und seine Schergen den Kontakt zu religiösem Handeln verachten. Es sind einfach nur brutale Kerle, sonst nichts. Da sie nichts erschaffen können, zerstören sie offenbar die Idee und die Chance, ein Land zu erschaffen, das unabhägig von kolonialen Einflüssen wächst und gedeiht. Es ist wie immer: Wichtig kommt von Wicht.

Wer kein Blut sehen kann, sollte hier nicht klicken.


Jun 24 2009

Iran-Video: Biyaa


Jun 23 2009

Union will Datenpiraten kielholen

Frau von der Leyen hat Glück. Eben hat sie noch die Kinderpornographie nachhaltig und national eliminiert, da kommen schon die großen Brüder aus der Böschung und schießen mit ihrer Wasserpistole auf Käpt’n Blackbeard. Aber die nehmen gleich die Turbopumpgun und legen statt eines bloßen Stoppschildes einfach den gesamten Internetzugang für die wirren Datenpiraten lahm.

Das ist nur konsequent und zeigt, dass sie aus den Fehlern der europäischen Nachbarn wirklich nicht lernen. Die Franzosen haben ein ähnliches Ansinnen gestoppt, die Engländer halten es mittlerweile für ein Einschränken des Grundrechts auf Kommunikationsfreiheit und Drosseln den Zugang einfach. Ich finde es toll, dass die Union ganz ohne richterlichen Beschluß solche Maßnahmen ergreifen will. Weiß sie doch genau, dass das Bundesverfassungsgericht solch ein Stammtischansinnen in der Mittagspause kassiert. Aber man bekommt alle Stimmen der Bertelsmann- und Springer-Mitarbeiter. Dafür werden sich wahrscheinlich die Canasta-Seilschaften verbürgt haben.

Warum das Ganze?

Fast 50.000 oder eher 15.000 Arbeiter und Angestellte leben hierzulande vom Verkauf von Musik-CDs. Das ist jetzt nichts angesichts von Karstadt oder Opel werden sie denken. Aber Frau Schickedanz hat eben nicht so gute Kontakte wie Liz und Friede. Außerdem und überhaupt ist das Netz kein rechtsfreier Raum. Genau genommen ist es ja noch nicht einmal ein Raum. Aber solche Spitzfindigkeiten werden nur 0,06% der CDU-Wähler verstehen können.

Deshalb sollte man jetzt auch jeden Nutzer, der einen torrent-client auf seinem Rechner hat mit deep packte inspection überwachen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen international gesuchten Terroristen handelt, ist größer als bei Lastwagenfahrern mit Sekundenschlaf. Obwohl Letztere mehr Leute umbringen. Aber der LKW-Fahrer nutzt von der Fahrerkabine aus keine Downloads der neuesten Britney Spears CD, also ist er harmlos.

Ich finde es gut, dass die CDU/CSU jetzt endlich die Themen anpackt, die die ganze Nation aus der Krise befördern. Jetzt fehlt noch ein klares Bekenntnis für die Standardisierung der Farbe von Feierabendbrötchen und ich werde mich für die CDU in die UNO wählen lassen – oder sogar in den bayrischen Landtag.

Update:

Die Union hat mittlerweile den Schwanz eingezogen und auf die etwas reißerische Forderung nach Interntesperren für Urheberrechtsverletzer im Parteiprogramm verzichtet – siehe hier bei heise.de.


Jun 23 2009

HartzIV für die Presse

Zunächst musste die Bundesregierung einfach mal einen doppelten Jahresbundeshaushalt für die notleidenden (öffentlichen) Banken auf die Seite legen, das werden über 480 Milliarden Euro. Sterbende Fische wie weiland die Kohleindustrie und nun die Automobilbranche bekommen auch ein paar Milliarden, wenn sie in strukturschwachen Regionen wie Bochum oder Zuffenhausen liegen.

latDie vierte Macht im Staate, so nennt sich die unabhängige und überparteiliche Medienwelt, vornehmlich die Presse, hat nun einen kleinen Peanuts-Coup gelandet. Offenbar hat jemand im bettelarmen Bundesland NRW Eintritt in den Rüttgers Club erhalten. Neuntklässler erhalten ein einjähriges öffentlich gefördertes Abo. Warum die Neunte Klasse? Weil sie als Hochburg des politischen Interesses gilt? Weil es die Pubertät in voller Blüte trifft? Weil, ja weil in dieser Klasse noch ein ganzer Jahrgang getroffen wird. Danach verschwinden ja die meisten in Berufsförderungsmaßnahmen und schulischen Ausbildungen auf Nimmerwiedersehen im vierten Arbeitsmarkt ehemaliger drogenkranker Sozialarbeiter…

Die FTD erklärt ihren Lesern den Sinn dieser Medienbeihilfe:“ Die deutschen Zeitungsverlage verlieren seit Jahren Leser. Vor allem Jugendliche greifen immer seltener zur Zeitung und bevorzugen bei der Nachrichtensuche zunehmend das Internet. Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) liest inzwischen weniger als die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen eine Tageszeitung. Bei der Gesamtbevölkerung sind es noch über 70 Prozent.“

Thomas Knüwer rechnet in seinem Blog, das es wohl teuerer werden wird als die nahezu kostenfreien Flugzeugexemplare. Er geht von Kosten in ein- bis zweistelliger Millionenhöhe aus. Ich denke, es wäre nur fair, wenn der Staat den Verlagen zu den extrem günstigen Flugzeugexemplaren je Stück 2000 EUR Beihilfe zahlen würde, das entspräche ungefähr den Zahlungen, die die Banken erhalten. Es muss doch zu schaffen sein, in einer halben Dekade mindestens eine Billion Euro Schulden anzuhäufen. Dann kann man die nächsten zwei Jahrzehnte auf den dummen sozialschmarotzenden Arbeitslosen rumhacken und und jährlich die Mehrwertsteuer gekoppelt an die Bundestagsabgeordnetendiäten erhöhen.

Überhaupt wäre es nur konsequent, wenn staatliche Regeln erlassen würden, die den armen durch zweistellige Renditen gebeutelten Medienunternehmen erlaubten, einfach 80% der Gehälter als Ansparrücklage für Investitionen in Druckmaschinen und Aufsichtsratsausflüge nach Brasilien zurückzulegen.


Jun 23 2009

Somalia – Der Westen erscheint mit reichlich dreckiger Weste

Foto von Stefano Sivieri

Foto von Stefano Sivieri

In Somalia leiden 40% der Bevölkerung an Krebs. Wie bereits 2006 die Gorleben Rundschau berichtete hat das seinen Grund unter anderem darin, dass viele Staaten ihre nuklearen Abfälle vor der somalischen Küste verklappen, sprich: ins Meer kippen. Klaus Töpfer, der Vorsitzende der Unep, das ist das Umweltschutzprogramm der UN, hatte 2006 vor 100 Umweltministern erklärt, das aufgrund des Tsunamis in Südostasien ungewöhnlich viel nuklearer Abfall an die somalische Küste angeschwemmt wurde. „Für viele Teilnehmer waren die Angaben des Unep-Berichtes unerhört. Nicht aber für das Unep. Auf Seite 134 des Berichtes, dessen offizieller Titel auf deutsch «Nach dem Tsunami – Erste Umwelteinschätzungen» lautet, ist zu lesen, dass Somalia eines von vielen unterentwickelten Ländern ist, das seit den achtziger Jahren unzählige Schiffsladungen von Atommüll und anderen schädlichen Abfällen bekam und sie entlang der Küste lagerte. Aufgezählt wurden unter anderem Uran, Cadmium, Blei und Quecksilber. Es fehlten natürlich nicht die Rügen für die nicht näher genannten Schuldigen: Es sei eine Verletzung der internationalen Verträge über den Export solcher Abfälle nach Somalia, und es sei ethisch fragwürdig, ob man solche Verträge mit einem durch einen Bürgerkrieg erschütterten Land abschliessen dürfe.“ heißt es in dem Artikel.

Da verwundert es ein wenig, wenn gestern das MDR-Magazin Fakt berichtet, dass die Somalier unter anderem deswegen so arm sind, weil Dutzende internationale Fischtrawler die Gewässer vor dem bitterarmen und bürgerkriegsgeschüttelten Land leer fischen. Diese atomar verseuchten Fischdelikatessen landen dann mit fragwürdiger politischer und moralischer Duldung der offiziellen  internationalen und nationalen Behörden auf unseren Tischen und in Edelrestaurants. Der Zyniker mag sich freuen, dass sich die reichen Länder mit diesem verwerflichen Doppelakt selbst vergiften.

Es mag die Frage erlaubt sein, ob eine moderne Gesellschaft mit Fingern auf den Sudan, den Iran und Nordkorea zeigen sollte, solange solche Ungeheuerlichkeiten täglich geduldet werden von einer Armada an Marineschiffen, die den Auftrag haben, die Region vor Piraterie zu schützen. Die Grenze zwischen den Guten und Bösen ist dabei, völlig zu verschwinden. Es wäre schön, wenn im Wahlkampfjahr wenigstens einer der Politiker globales Rückgrat zeigen würde und öffentlich dieses Geschehen wenigstens ächtet, wenn nicht sogar Maßnahmen vorschlägt, dass solch scheinheilige Aktionen in Zukunft unterbleiben.

Einzig Thomas Klau vom European Council of Foreign Relations findet klare Worte:“ „Die Bundesregierung hat eine Führungsverantwortung in der EU und in der internationalen Staatengemeinschaft. Indem die eine Kriminalität hart bekämpft wird, die Piraterie, und die andere Kriminalität überhaupt nicht, die illegale Fischerei, versagt die Bundesregierung, weil sie die Verantwortung hätte, das Thema auf die Tagesordnung zu bringen.“

Weitere Links zum Thema:

Kooptech


Jun 22 2009

Wenn Staaten bei twitter mitlesen und beim Handy mithören – Iran ist mitnichten der einzige Staat

3631775069_7f76c8d069_mWie der Wall Street Journal heute berichtet, rückt aktuell ein Konsortium aus Nokia und Siemens in den Mittelpunkt der Kritik von Bürgerrechtlern. Denn auch dem Iran haben beide Firmen ihre Produkte zur so genannten „Deep Packet Inspection“ verkauft. Diese Lösungen erlauben es in Millisekunden, die millionenfach verschickten Datenpakete zu entpacken und nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen. Nokia erklärt dazu auf der Website, dass sie die Produkte nur zum Einsatz für lokale Telefongespräche im Iran geplant und verkauft hatten. Man kann die Aufregung gar nicht verstehen, da bereits sehr viele auch europäische Staaten solche Lösungen im Einsatz haben und sie genau den Anforderungen gemäß ETSI (European Telecommunications Standards Institute) sowie dem 3GPP (3rd Generation Partnership Project) entsprächen.

Wir sollten also beim erhobenen Zeigefinger gegenüber dem Iran auch auf die drei Finger achten, die gleichzeitig auf uns verweisen und unsere löcherigen teils prädemokratische Begründungen für solcherlei Technologien.

Es geht also weder im Iran noch bei unseren westlichen Regierungen darum, unliebsame Inhalte einfach nur zu blockieren. Da jeder weiß, dass man diese Blockaden in Sekunden mit web-proxies umgehen kann, ist das Durchleuchten der Datenpakete nicht einfach nur ein Fakt, den jeder sowieso schon immer wußte. Die Erklärung von Nokia, dass viele andere von den „guten“ westlichen Staaten das sowieso schon installiert haben ist eher ein faux-pas, der hoffentlich zu Diskussionen führt, die nicht darin enden, dass plötzlich alle Kritiker an dem Durchleuchten der Datenpakete gewöhnlicher Bürger der Kinderpornographie oder des Mädchenhandels bezichtigt werden.

Ich hoffe, dass der Iran ein Anlass ist, sich an die eigene Nase zu fassen und BKA, Schäuble, seinen Vorgänger Otto Schily. Aus Sicht der iranischen Regierung ist die Tatsache pikant, dass Ben Roome, Sprecher des Joint Ventures zwischen Nokia und Siemens erklärte, dass der Monitoring Center nur für den lokalen Telefonverkehr geplant war. Man verortete den Feind doch immer im „bösen“ Westen. Wenn das so wäre, warum dann eine interne Lösung für das eiegen Volk? Es gibt wohl keinen Anlaß mehr für Vertrauen ins eigene Volk. Was mag wohl dieser Anlaß sein?

Das Joint-Venture lässt jedwede Kritik mit folgenden Argument abprallen. «Es ist besser, den Leuten – egal wo sie leben – die Kommunikation zu ermöglichen, als ihnen diese Wahl nicht zu lassen», erklärt Roome. Außerdem sei die Technik gemäß internationalem Recht geliefert worden: Erklärt der Besteller, dass nur  Daten abgefangen werden, um Terrorismus, Pornographie, Drogenhandel oder sonstige kriminelle Aktivitäten zu bekämpfen, dann ist die Lieferung auch in den Iran legal. Ob das den verschärften Embargobedingungen entspricht, bleibt abzuwarten. Aber wo kein Kläger zu erwarten ist, wird es wohl auch kein Anklage geben…

Detail am Rande: Am 31.März diesen Jahres wurde der Deal über den Verkauf des Geschäftsbereichs der den „Monitoring Center“ anbietet von Nokia/Siemens abgeschlossen. Verkauft wurde an Perusa Partner LLP, eine Holding mit Sitz in Deutschland. Anders als die Beteuerungen von Roome vermuten lassen, kann man dieses Set aus Hard- und Software für weit mehr nutzen als nur ein paar lokale Telefongespräche zu überwachen, wie Ziff Davis ermittelt hat, denn nach eigenen Werbeangaben ist Monitoring Centre „is a remarkably versatile combination of interoperating software and hardware modules, and is designed to perform all tasks related to lawful interception in an absolutely secure, auditable, reliable and verifiable manner in accordance with ETSI LI standards. Its unique modular front-end and back-end architecture allows the monitoring and interception of all types of voice and data communication in all networks, i.e. fixed, mobile, Next Generation Network (NGN) and the internet.“

Bildnachweis: harrystaab

Artikel inspiriert durch diesen tweet von Jay Rosen:

„Waves of PR people on Twitter. Some follow me. They’re never out front on things like Nokia http://tr.im/pkrs reacting to http://tr.im/pkrz“ Montag, 22.06.2009 um 16:44 CET


Jun 22 2009

Iran in Echtzeit: And the world is watching – Demokratie wird endlich bürgernah

Teheran. Azadi (Freiheit) Platz am 15.06.2009

Teheran. Azadi (Freiheit) Platz am 15.06.2009

Clay Shirky hat es bei einem Interview klar gemacht: Dies ist die erste Revolution, die direkt und unmittelbar auf die Weltbühne katapultiert wurde – und zwar über twitter. Schon bei dem Erdeben in China haben die großen Medien wie BBC und andere zugeben müssen, dass sie über twitter am schnellsten informiert wurden. Es ist offenbar, dass mittlerweile die sich entwickelnde Welt die neuen technischen Mittel im Web für direkte politische Einflußnahme viel präziser und besser nutzt als die alte Welt.

Um die Wahl zu dokumentieren hatte schon Anfang 2007 in Nigeria mit Pambazuka News eine Website per SMS die Echtheit von Wahlen überwacht, da alle Wähler aufgefordert waren, per SMS ihre Stimme zu dokumentieren, um nachzuvollziehen, ob die Verhältnisse auch nachher mit dem ofiiziellen Wahlergebnis übereinstimmten. In Amerika hat man dies ein Jahr später mit Video the Vote nachgebaut, um eventuelle Probleme wie in Florida vier Jahre vorher mit Mitteln des Web 2.0 zumindest dokumentieren zu können.

Wer sich in die Demokratisierungsprozesse im Iran direkt einklinken will und in Echtzeit Wissen möchte, was die Iranerinnen und Iraner, die das blutige Niederschlagen der Revolte vom Wochenende überlebten, aktuell zu sagen haben, der schaut auf diesen Seiten nach:

almost.at/#iran

oder hier:

iran unrest

und die BBC:

BBC