Mai 22 2009

Erfahrung ist (k)ein Hemmschuh

lernenErinnern Sie sich noch an die Anfänge der Scientologen in Deutschland? In den Fernsehzeitungen der Achtziger Jahre gab es immer eine Seite mit billigen Minianzeigen, wo Erregungspillen, Wunderschuhe für kleine Männer und Rheumadecken angeboten wurden. Ich habe sie immer bei meiner Oma im reader ’s digest gelesen. Dort war immer auch ein Kopf von Einstein abgebildet und daneben stand sinngemäß: Wir nutzen nur 10% unseres Gehirns. Mit Dianetik, das ist die besondere Methode der Scientologen, sollte man in der Lage sein, das ganze Potenzial des neuronalen Wunderwerks der Natur zu erschließen.

Dann kam das Jahrzehnt der Psychologie und alle und jeder waren plötzlich Experten für Wissen und Erkenntnis, wenn man nur das Wort Dopamin oder Serotonin fehlerfrei schreiben und einer Aufgabe zuordnen konnte.

Erfahrung bildet einen Filter

Viel weiter sind wir heute nicht. Savants (das sind Gedächtnis-, Kunst-, oder Musikgenies, die durch Kopfverletzungen oder Autismus besondere Fähigkeiten im Gebrauch der neuronalen Informationsverarbeitung erlangt haben) helfen den immer noch ratlosen Hirnphysiologen und Psychologen bei der Erklärung der Funktionen des Gehirns weiter. Ein Verständnis des Zusammenhangs von physiologischem Aufbau des Gehirns und dem, was wir Bewußtsein oder gar Wissen nennen, scheint aber immer noch in weiter  Ferne zu liegen. Je mehr bildgebende Verfahren den Menschen beim Denken und Fühlen zeigen, desto ratloser oder spekulativer werden die Bewertungen der Fakten. Räumliche Verortungen zeitlicher Geschehnisse sind den Experten offenbar nicht möglich. Kein Wunder.

Hilft Wissen beim Erkennen einer Situation?

Die Diskussionen um Wissensmanagement haben die alten Studien von Mihalyi Polanyi wieder ins Zentrum gerückt. Mit Bezug auf Gestalttheorie erkennt er ein Hintergrundwissen, das er auf Erfahrungen zurückführt, das er als stilles Wissen bezeichnet. Demgegenüber stellt er das explizite Wissen, das in Wörter und Zeichen abstrahiert, weitergegeben werden kann. Vereinfacht gesagt ist explizites Wissen der Fokus auf die Hand, die den Nagel beim Einschlagen hält. Denn sie muss nicht nur den Nagel gerade halten, sondern ist der Wucht des Schlages ausgesetzt. Die Hand, die den Hammer führt, ist die eigentlich treibende Kraft. Sie wird aber eher unbewußt genutzt und kann daneben hauen. Sie gehorcht dem gewöhnlichen Handwerker nicht in einem intentionalen Sinne, obwohl sie Teil der Persönlichkeit und des bewußten Handelns zu sein scheint. Erst der erfahrene Tischler oder Zimmermann haut sich kaum noch selber auf den Finger. Seltsamerweise ohne ein aufmerksames Beachten ihrer Handlungen. Erfahrung hilft also den Fokus zu verlagern.

Nun haben aber die Forschungen rund um die Savants und ihre Genieleistungen gezeigt, dass sie zu den quasi übermenschlichen Leistungen nur fähig sind, weil ihre Wahrnehmungsfilter gestört sind. Dies sind aber genau die Strukturen, die aufgrund von Erfahrung, das Aktuelle soweit einreduzieren, dass wir Entscheidungen treffen können, ohne der Wucht der Informationsmengen zu erliegen, die jede Sekunde auf uns einströmen.

Erfahrung ist im Wissensmanagement der heilige Gral. Es gibt Dutzende Verfahren, die zum Ziel haben, Wissen und Erfahrungen langjähriger Mitarbeiter in Datenbanken oder neue Kollegen zu transportieren.

Erfahrung behindert den freien Blick

Wenn man auf das Thema Innovationen schielt, ist genau dies der falösche Weg, da meistens der unverstellte Blick auf bestehende Probleme neue Wege und Lösungen erst ermöglicht. Erfahrungen behindern eine genazheitliche Würdigung aller erkennbaren Phänomene. Sie sind gut im handwerklichen Bereich, wenn es um das Wiederholen automatisierbarer Handlungen geht. Beim Problemlösen kann Erfahrung jedoch behindern.

Es wird langsam Zeit, den Umgang mit Wissen, Erfahrungen und Lernen zu professionalisieren. Das meint vor allem ein Differenzieren der Leistungen und Anwendungen einzelner Elemente der Diskussionen in Psychologie, Pädagogik und Didaktik. Auch die Personalentwicklung sollte das goldene Kalb Skill-Management in ein neues Licht rücken. Nicht jeder Deckel passt auf jeden Topf. Und ein Passen gewährleistet selten einen optimalen Einsatz.


Mai 7 2009

Der Untergang des Rabenlandes

corvus_coraxDer germanische Gott Odin hat seine beiden Raben Munin und Hugin immer dabei. Auch bei Apollon sind sie heilige Tiere. Raben sind seit alter Zeit die Symbole für Weisheit. Abgesehen von den Christen. Sie sahen in den schwarzen Einzelgängern böse Tiere. Das englische Königshaus hält sich eigens ein Rabenpärchen im Tower of London. Und sogar die Wissenschaftler haben in etlichen Experimenten festgestellt, dass der Rabe zu komplexen geplanten Handlungsfolgen in der Lage ist. Noch beeindruckender ist ihr Lernvermögen: Nüsse legen sie bei roten Ampeln auf die Straße und warten, bis die Autos drüber fahren. Bei der nächsten Rotphase picken sie dann das Innere der Nüsse von der Straße. Die Raben in der Umgebung beobachten das und machen es nach. Raben erkennen sogar ihr Abbild im Spiegel.

Wenn man den Menschen hinsichtlich seines Wissens und seiner Lernfähigkeit beobachtet, kommen Zweifel auf, ob und wann solche Transferleistungen vonstatten gehen werden. Es gibt schon seit langem Menschen, die festgestellt haben, dass es erfolgreicher, sicherer und befriedigender ist, die Sprache nicht als manipulatives Instrument einzusetzen. Mit ihnen kann man in einen offenen Dialog treten, ohne einem teilweise sehr dümmlich vorgetragenen Theaterspielen anheim zu fallen.

Auch die Rücksicht auf Flora und Fauna als uns umgebende Sphäre des Lebens könnte eigentlich ein Verhalten sein, das seltener als ökologisch und damit ideologisch befrachtet angesehen wird. Wäre das Lernvermögen der Menschen ähnlich schnell wie das der Raben, würde es weniger Autos, weniger Energieverbrauch und kürzere Arbeitszeiten für mehr Arbeitnehmer geben.

All das ist aber nicht realisiert. Nach langen Jahren Tätigkeit im Bereich des Wissensmanagements, der Personalentwicklung sowie der Beratung von Firmen hinsichtlich des Aufbaus von Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter habe ich viele verschiedene Auffassungen erlebt, wie Menschen über sich selbst und ihre Zugehörigkeit zu Gemeinschaften denken.

Immer in Zeiten von Krisen beginnt ein Hauen und Stechen auf die vermeintlich Schwächeren, um die Ängste zu kompensieren, die entweder aus dem Inneren in vorauseilendem Gehorsam kommt oder konkret durch Leitungspositionen geschürt werden. Dadurch wird die Effektivität und Effizienz derart reduziert, dass fast die Existenz einer Firma bedroht ist.

Wenn dann die ersten gehen oder gegangen werden, klopfen sich die übrig gebliebenen Kollegen auf die Schulter, atmen auf und machen weiter mit einer kaum zu überbietenden Sicherheit, dass sie nun auf alle Zeit gegenüber Problemen imprägniert sind. Bis zur nächsten realen oder eingebildeten Krise.

Diese peristaltischen Bewegungen sind auch in Schulklassen, Vereinen und der gesamten Gesellschaft zu beobachten. Ich bezeichnen sie der Einfachheit halber als soziale Exkrementik.

Denn im Kern geht es um nichts anderes als das Ausscheiden von Nahrung. Leider ist der Darm sich dieser Bewegungen gar nicht bewusst. Nicht einmal das Gehirn hat einen entscheidenden Einfluss auf die Verdauung. Allein das Reptiliengehirn, das noch im Menschen wohnt, steuert als vegetatives Nervensystem solche Prozesse. Leider haben wir bei all den Diskussionen über soziale Systeme, Unternehmenskultur und Zusammenleben immer nur ganz aufgeklärte und moralische Regeln im Sinn, dieses präkulturelle Steuerungsorgan, dass auch in den uralten Clans der vorgeschichtlichen Steppen schon funktioniert, scheint uns ganz egal.

Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die immer dann zusammenhält, wenn sie jemanden Anderen, Unbekannten oder Fremden ausschließen kann, um das Gefühl der Einigkeit zu erleben. Ich glaube nicht, dass diese Verhalten unserer Hochkultur angemessen ist. Es wäre wünschenswert, wenn jeder mehr reflektiertes Bewusstsein in seinem Bestreben erkennen lassen würde, nicht zu vereinzeln.

Die Raben leben sehr monogam als Pärchen. Sie sind treu bis zum Lebensende. Klingt stockkonservativ. Aber scheint kein Ausdruck dummer Lebewesen zu sein.