Apr 28 2009

Mutige neue Welt

Jedesmal, wenn ich eine Zeitung in die Hand bekomme, überfliege ich die kaum umgestalteten Agenturnews, die ich ein oder zwei Tage zuvor im Netz schon gelesen habe. Dann suche ich den spezifischen Teil, der eigentlich eine Zeitung ausmachen sollte und finde in deutschen Zeitungen zumeist wenig Erbauliches. Früher habe ich jede Zugfahrt genossen, weil ich die Zeit hatte anspruchsvolle Texte in den Zeitschriften zu lesen. Leider waren sie damals immer zu kurz, weil jeder Verleger unbedingt general interest adressieren wollte. Seither lese ich nur noch die „DU“ aus der Schweiz und untersuche die andere Blätter, wenn sie irgendwo rumliegen oder ich mich auf dem Flughafen frei bedienen kann. Es hat sich eine Menge verändert.

latDie Zeit schmilzt

Brauchte es früher Stunden, eine große Wochenzeitung durchzuarbeiten, bin ich heute schon nach einer Stunde ratlos und frage mich, wer da adressiert werden soll. Viele Wissenschaftler machen sich über das Phänomen her, dass die Medien unsere Zeit einteilen. Früher waren es Tagesrhythmen oder eher halbe Tage, da es noch die Abendzeitung gab. Dann kam das Radio mit seinen Stundenzyklen. Mittlerweile sind auf einigen Sendern alle 15 Minuten Nachrichten zu hören. Über Twitter geht es noch schneller. Die Zeitscheiben werden immer dünner.

Denker der alten Schule sehen darin eine Verflachung der Information. Der gemeine Bedenkenträger hat aber angesichts seiner Rationalisierungen der Angst vor dem Neuen (das Web) eines nicht bedacht: Seit dem Radio hat sich wenig geändert hinsichtlich der Geschwindigkeit. Es hat sich aber eine Menge geändert hinsichtlich der Verbreitung der Publikationsmittel und noch mehr hat sich geändert hinsichtlich der Möglichkeiten der Webnutzer, ihre Souveränität zu realisieren, um verschiedenste Quellen zu finden, die oftmals nur einen Klick weit auseinander liegen. Das Gegenlesen, oder auch das 6-Augen-Prinzip findet nunmehr beim Leser statt. Wenn man viele Quellen zu einem Thema liest, wird offenbar, was hinter der journalistischen Arbeit steckt. Es ist nicht immer die Recherchetiefe oder gar die Archivgröße sondern das Ausdeuten der vorhandenen „Fakten“. Der Genius eben, der im Verknüpfen und Neudenken alter Hüte liegt. Der klassische Anspruch, einfach möglichst viele Fakten darzustellen und so Objektivität zu simulieren, ist in der postmodernen Welt entlarvt als sinnloses Gestammel eines Archivars, der auf seinen gewaltigen Schlagwortkatalog zeigt und wie der seelige Luhmann glaubt, mit diesem riesigen Kasten das Rauschen der Welt zu ordnen.

Die Zeit verläuft nicht in linearen Bahnen und sie läßt sich auch nicht in Kästchen aufbewahren. Wieviel Menschen haben noch heute das pappa-ante-portas Syndrom und suchen verzweifelt den Kulturteil der Ausgabe vom 27.08.2001? Es wird Zeit diese Art des Journalismus zu bezeichnen als das was es ist, eine zwanghafte Institution, die versucht der Kontingenz der Welt eine heile Ordnung überzustülpen, die mit den Waffen des Archivs, dem exegetischen Quellenstudium und der scholastischen Umgangsform des Glaubenkönnens durch profundes Wissen ins heilige Land des Edelmuts reiten will.

Die Zeit verläuft jedoch wie eine Spirale in zwei Bewegungen gleichzeitig, einerseits in einer Kreisbewegung und gleichzeitig schreitet sie in Z-Richtung voran. Das bedeutet, dass wir zwar immer wieder Ähnliches erleben, aber jeweils auf einem unterschiedlichen Niveau. Chronos und Kairos gelten immer nur zusammen.

Der Raum schmilzt

Wer seine Plattensammmlung damals sukzessive in eine CD-Sammlung verwandelte, hatte es einfach beim Umzug. Keine elend schweren Kartons mehr. Keine besonderen Regalkonstruktionen, die das enorme Gewicht der Musiksammlung überhaupt aufnehmen konnten. Wer heutzutage seine CD-Sammlung auf eine externe Terabytefestplatte bannt (nimm zur Sicherheit lieber zwei!), der gewinnt Raum. Man hat mehr Platz. Man sieht endlich wieder die Wand im Wohnzimmer. Und wenn dann noch die Bücher verschwinden, können die Umzugsunternehmen gleich mit einem Bully anreisen…

Wer weiß, eines Tages gibt es auch digitale Möbel. Und man kann sie bei jedem Umzug einfach verlustfrei zippen und in eine Tüte stecken. Die digitale Revolution findet nicht bei den Redaktionen statt sondern im Wohnzimmer und im Handy der Leute. Warum gibt es die Zeitung noch nicht als tägliches „Hörbuch“ fürs Handy, wo ich mir jederzeit im Stau oder im Zug alles vorlesen lassen kann und per Sprachsteuerung durch die Rubriken navigiere? Wie dumm muss man eigentlich sein, um nicht zu verstehen, dass man das meiste Geld mit Bequemlichkeit verdient. Nicht wenige Menschen kaufen ein MacBook wegen der schönen Präsentationen mit Keynote, die aussehen, als hätte die extra eine Werbeagentur gemacht. Und man kann Manager aus jedem Level damit blenden. Wenn ich etwas bequem, einfach und wirklich schön mache, kann ich damit Unsummen verdienen. Allerdings müsste man das hohe Ross verlassen und mit dem Zepter der Aufklärung in das Museum für prähistorische Medienwissenschaften einreiten.

Wer den Menschen mehr freien Raum im Wohnzimmer, unter dem Arm, in der Handtasche und in der Aktentasche schenkt, der gewinnt den Kunden.

Komplexitätsreduktion besteht nicht darin, einfach die Welt der vielfältigen logischen Zusammenhänge auf einzelne formallogische Axiome zu beschneiden. Das ist das Geschäft der Dummheit, die nicht mit polylogischen Verhältnissen umzugehen gelernt hat und einfach das Altbekannte herbeisehnt. Es geht darum, einfach mehrere Ebenen zu erfassen, ihre Relationen zueinander möglichst umfangreich zu verstehen und dann erst zu priorisieren, was optimiert und angepasst werden soll und wie. Im cluetrain manifesto wurde vor 11 Jahren beschrieben, wie der Markt heute funktioniert. Einige Anbieter haben die Dekade genutzt und ihre Hausaufgaben gemacht. Andere werden einfach langsam dahinsiechen. Dass sie das unter großem Wehklagen tun, ist ihre Sache. Der Alte Preuße würde sagen: Sterbe wie ein Mann!

Ach ja, eine sehr gut Zusammenstellung, wie man mit Online-Formaten Geld verdienen kann bzw. wie Online Geschäftsmodelle funktionieren können, gibt es hier beim jepblog.


Apr 22 2009

Irgendwas mit Abschreiben

Auf einem Bloggertreffen namens re:publica begab es sich aber zu der Zeit des Frühlings im Jahr des Herrn 2009, dass ein Wissensmanagementexperte der Firma mit den drei Buchstaben zu dem überfüllten Saal sprach über die Zukunft des Web 2.0 in den Firmen. Und da in den Firmen auch in ferner Zukunft erfolgreich geforscht sein soll, müssten die zukünftigen Forscher heute schon in den Schulen das Abschreiben aus dem Internet lernen. Gleichzeitig müssten dann auch die Anforderungen an die Schüler hochgeschraubt werden, da sie ja auf unzählige Quellen im Web zurückgreifen könnten.

book1Das erkenntnistheoretische Bild hinter dieser Forderung könnte man wohlwollend als konstruktiv bezeichnen. Könnte. Denn dann erklärt uns der Experte, dass niedere Intelligenzformen wie etwa Schwarmintellligenz die bisherige Gatekeeperfunktion von Wissensmanagern und internen Redakteuren ersetzen könnten. Lustig verwürfelt er diesen Begriff mit der „wisdom of the crowd“ und meint zeitweilig crowdsourcing. Alles in allem ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn man zuviel liest, ohne den Inhalt auch zu verstehen bzw. die theoretischen Grundlagen für solche Konzepte mitzubringen. Ich würde Herrn Schütt gerne Recht geben, wenn ich den EIndruck hätte, er würde das Thema seines Radebrechens halbwegs selbst begreifen. Aber von der anderen Seite her wird in dasselbe Horn noch weit kräftiger geblasen.

Da passt eine andere Diskussion die der Oberste Textkritiker, der Heidelberger Professor Roland Reuß, gerade im Auftrag der FAZ bzw. dem Zeitschriftenverlegerverband vom Zaun bricht, ganz gut ins Bild. Und die Zeitung Die Welt sekundiert, dass die Macht mit ihm sein möge auf seinem Kreuzzug gegen die Krake Google und die dummbatzigen Kauze der Open Access Bewegung, die das freie Publizieren für Wissenschaftler fordern. Er schmeisst wirklich beides in einen Topf.

Angesichts der enormen Kosten für die Jahresabos wissenschaftlicher Journale erscheint Open Acces ja sinnvoll. Reuß erkennt nun in ihnen willfährige Hansel, die mit Rechtsbeugung und Durchlöchern des heiligen Reiches deutscher Urheberrechte eine Art diktatorischen Putschversuch von Google vorbereiten, dem die armseligen Verlage nichts entgegenzusetzen hätten als die heilige Angela Merkel auf ihrem Vollblutaraber AL Lobbystatica, einem direkten Nachkommen von Amurath.

In einem Pamphlet kommt es zu der folgenschweren hermeneutischen Analogie zwischen Google und Open Access, wie sie wohl nur einem in der Postmoderne ungeübten Literaturprofessor zustoßen kann:

Das verfassungsmäßig verbürgte Grundrecht von Urhebern auf freie und selbstbestimmte Publikation ist derzeit massiven Angriffen ausgesetzt und nachhaltig bedroht. International wird durch die nach deutschem Recht illegale Veröffentlichung urheberrechtlich geschützter Werke geistiges Eigentum auf Plattformen wie GoogleBooks und YouTube seinen Produzenten in ungeahntem Umfang und ohne strafrechtliche Konsequenzen entwendet. Gleichzeitig propagiert national die ‘Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen’ (Mitglieder: Wissenschaftsrat, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Leibniz-Gesellschaft, Max Planck-Institute und andere) weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen grundgesetzwidrig wären.

Seltsam das Urheberrecht ist gar nicht erwähnt in der Verfassung. Ob er wohl das Allgemeine Persönlichkeitsrecht meint? Vielleicht hebt er ja die unabdingbaren Urheberpersönlichkeitsrechte in den Stand der Verfassungsmäßigkeit qua akademischer Eingebung? Die Veröffentlichung eines Werkes kann gar kein geistiges Eigentum entwenden. Sie kann nur ohne Einwilligung des Urhebers geschehen. Schade, dass er gar nicht auf die Vervielfältigung oder gar Speicherung in Datenbanken abhebt. Da aber die meisten Urheber in sehr weitreichenden Autorenverträgen ihre Rechte an Verleger abgetreten haben, sind in den seltensten Fällen die Urheber selbst betroffen – für die er da gegen die Windmühlen anreitet. Die Produzenten geistigen Eigentums werden meistens schon vor der Zweit- oder Drittveröffentlichung durch Google Books quasi „enteignet“ zu einem sehr dürfigen Honorar, das die Verlage zahlen. Da wären die 67% der Einnahmen, die sie von Google erhielten schon bedeutend mehr als die mickrigen Beteiligungen die die Verlage oder die VG Wort vorsehen. Allerdings lässt sich Google auch nicht in seine Einnahmen blicken.

Google will  in lieferbare Bücher so viel Einblick ermöglichen, wie es die Rechteinhaber – also Autor oder eher die Verleger – erlauben werden. Alte und vergriffene Bücher sollen derart verwertet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, dass die Nutzer die Bücher ansehen, ausdrucken oder auch als Print-on-demand-Version kaufen können – so lange nicht die Rechteinhaber Einspruch erheben. Dass Google kein Samariter ist, muss nicht besonders erwähnt werden.

Ist veröffentlichte Meinung schon ein  Faktum, eine Wahrheit oder eine anerkannte Hypothese?

Der Kern dieser Diskussion ist jedoch die Ursache von Open Access. Nämlich die Tatsache, dass wenige Universitäten und keine privaten Personen das Geld haben, um die enormen Abokosten von mehreren Zehntausend Euro pro Jahr und wissenschaftlicher Publikation zu zahlen, obwohl die Autoren, die zumeist auf Staatskosten forschen, keinen Heller sehen. Aber sie müssen Publizieren, um ihren Rang in der community of scientists zu halten bzw. zu erlangen. Und hier sind wir wieder bei unserem Wissensmanagementexperten Schütt, der das Abschreiben so präferiert.

Es gibt nicht wenige publizierte Studien, die frisiert und getuned sind, um in den großen Magazinen zu landen. Es gibt sehr viele Dissertationen, die Unmengen von Thesen und Meinungen aus „großen“ Werken einfach übernehmen, weil sie zititert werden müssen, weil der Student oder Schüler nur so nachweisen kann, dass er die „herrschende Meinung“ kennt. Wikipedia ist zwar zugänglicher aber keineswegs unfehlbarer oder didaktisch klarer als andere Publikation – ob auf Papier oder im Web. Ob er oder sie die Thesen einordnen oder gar reflektieren kann, steht gar nicht mehr zur Debatte. Der Citation Index beherrscht die Diskussion um die Güte eines Forschers und damit die Relevanz seiner Hypothesen und Arbeiten.

Diese fragwürdigen Auswüchse einer überkommenen Hochkultur des Wissens, die in keiner Weise kritisches Hinterfragen, geduldiges Erforschen gar kreatives Irren fördern, will der Experte für Wissensmanagement auf die Welt der Schulen übertragen? Es ist sicher richtig, den pädagogischen Thesen des 19. Jahrhunderts und der Computerangst der meisten Lehrer konstruktiv zu begegnen. Aber diesen begrüßenswerten Ansatz nur um des billigen Effektes willen mit einer Freigabe des Zitierens aus Wikipedia zu erkaufen, erscheint als ignoranter Trick eines Menschen, der es besser wissen müsste. Hat die IBM doch mit Gunter Dueck einen ausgewiesenen Vertreter einer anderen Denkschule in ihren Reihen. Hier macht ein großer Konzern keinen guten Gebrauch seiner sozialen Verantwortung. Und ich meine damit nicht die fehlende Diskussion über Zitate von der Scholastik bis zur Hermeneutik und Derrida. Nein, es geht schlicht um ein Verspielen des Kontakts mit einer Generation, die am Computer eine ganz neue Kultur errichten kann und mehr Sorgfalt und präzises Zuhören verdient hat.


Apr 20 2009

Me 2.0: Personal Branding

Die Diskussion über Medien-, Werte- und die Finanzkrise verleitet mediokre Geister zu abenteuerlichen Gemeinplätzen mit dem mentalen Gehalt der gemeinen Steinlaus. Da werden Geschäftsmodelle von Menschen bewertet, die noch nie einen Businessplan gelesen oder erstellt haben. Da werden Bankkaufleute zu Finanzexperten und Medienwissenschaftler zu Ethikfachleuten und Naturwissenschaftler üben – fern vom sicheren Hafen des Urknall und der Raum/Zeit sowie den thermodynamischen Gesetzen – philosophischen Einstand. Kein praktischer Philosoph oder Versicherungsmathematiker würde eine neue Bosonentheorie entwickeln, kein Medientheoretiker käme auf die Idee, die Kondratieffzyklen auf Rohstoffpreise anzuwenden. Selber denken wird immer wichtiger. Aber noch wichtiger wird selber handeln. Am wichtigsten ist das Erkennen der eigenen Fähigkeiten, skills und deren Grenzen.

Denn die Generation Golf verlässt zu 70% innerhalb der ersten zwei Jahre ihren Arbeitsplatz. Wer auf den Firmenruf seines (ehemaligen) arbeitgebers setzt ist praktisch verloren. Employer Branding ist angesichts des management by Karotte oder management by kasernenton eine nette Geste, aber bei den aktuellen Datenskandalen ist klar, dass sich die Qualität der aktuellen Führungs- und Leitungskräfte in sehr vielen und leider auch oft prominenten Fällen aus wissenschaftlicher Sicht im unteren ungenügenden Bereich einpendelt. Man kann sich also durch einen langfristigen Arbeitsplatz bei den großen und sehr großen Unternehmen unter Umständen seinen Charakter schädigen. Wer trotzdem oder gerade deshalb auf einen guten Ruf der eigenen Person setzt, und vor allem, wer gerade auf Brautschau (Jobsuche) ist, dem sei folgender Auszug des Buches Me 2.0 ans Herz gelegt (Ladevorgang dauert ein bißchen):

Me 2.0: Build a Powerful Brand to Achieve Career Success Me 2.0: Build a Powerful Brand to Achieve Career Success KaplanPublishing Excerpt from Me 2.0: Build a Powerful Brand to Achieve Career Success


Apr 18 2009

The Digital City Manifesto

Deutsche Version hier.

„Twitter and Facebook are, OMG, so last millennium,“ is the first phrase of Anand Ghiridharadas‘ oustanding letter from india two weeks ago. And he is right, he is probably more right than he knows. I think they are grandchilds of an ancient structure. Why?

Paris-Foto:  Patkisha (SXC)

Paris-Photo: Patkisha (SXC)

In Ghiridharadas‘ little village no one lives in anonymity and radical privacy like we do in our modern single-family houses. Everyone gets to know if the neighbours are argueing heatedly or love themselves from break of dawn until sunset. It seems to be a part of the game, that everyone is involved in everyone’s everyday’s things. It is because it is better to be part of a community. You hear opinions even when you do not ask, receive advice you do not need, get a little love from everyone and a lot from no one.

The Origin Of Digital Cities

These values are familiar to everyone. Not in day-to-day life, but at least you have heard about it in history lessons, where we once learned about the origins of civilisation and cities. The roots of our big capitals lie in groups like clans and tribes. Once a tribe decided for a good place with a cave as an ancient inventory and a near-by natural spring they piled various community tasks on top like caring for kids and the old ones, cooking for the whole clan and stuff like that. The consequence was that they got more leisure.

Leisure Creates Culture

Leisure was the most significant outcome of all planned mutual activities. It was driver and cause of all following cultural benefits like tools or even basic materials like iron. One had to be full up and part of a reliable and friendly community in order to have enough time for trial and error experiments with stones and bones. Unlike many of experts who want us to be more efficient, it is extremely important for a tribe to be effective. That means, it is ok if you fail and it happens to be quite normal that we do not invent wheels and knives every second week – even if we have a lot of leisure time to hang around and try things out.

Social Networks Are The Daily Dingplace

In the mediaeval structure of some special villages there was a particular place which derived its singular significance from ancient creeds. They were cult sites or places of worship which played an important role in the local community systems. Later on religions like judaism, christianity and islam built big holy buildings on this special places. But the important aspect of these ancestors of digital cities were the ding (ancient german and scandinavian word for thing) because these were the places for law cases. The tribes met and discussed things that went wrong between the local clans and tribes. It was the beginning of legal practice. They became also the first marketplaces because the traveling merchants could be reached by everyone and vice versa without long journeys in dangerous times like those. The negotiations about good and bad between these tribes can be seen as a prefeudal and predemocratic role model for institutions like the United Nations. I must admit that they excercised more power than the UN nowadays does.

This is the very point when it comes to social networks as digital metropolises. At the moment they lack of a community driven legal/moral institution that controls community by the community itself. If we could stabilize these tribal standards the web could be a digital medium of billions of bonfires where people hang out some time and can discuss stuff from new sneakers to moral issues without any aggressive goals like consensus. It would have the same results than delousing has with certain social mammals. It makes a cosy atmosphere, it fosters social connections and it makes everyone stronger by knowing where he or she belongs to.

Up to now we only have bonfire and merchants online. There is no delousing or even legal practice. So if we do not meet in order to find our moral horizons, we do not really have something in common that leads far beyond the same sneakers. It is not about sophisticated ethical discussions on deontological reasoning, but it is about public discussions on the behavior of some members with the yardstick if their actions limit or even enhance other people’s liberty or to argue about consequences that have to follow certain kinds of behavior.

Explosion Of Modern Democracy

So social networks can give back power and responsibility to people where they meet. This can lead to an experienced usage of social skills in real life. Because delegating power and responsibility to other people like politicians, religious leaders and even employers weakens ourselves in the practice of social life.The utmost human duty of aligning one’s moral intentions with others cannot successfully be handed out to others. This is an act of self-underestimation that we have to reverse. The Web as a means of interconnectedness can help us build an infrastructure to do so globally. This is a big opportunity to work against alienation and anonymity in western societies and against all the hidden and obvious forces of oppresion in other countries.

The Digital Capital Is The Nation Of The 3. Millenium

How do you regain your power? Sounds like revolution. But this is not the most important thing. It is all about discussing a world where we all want to live without anonymity and protection against aggressive soliders of fortune. Non one can do this alone. Political parties are more or less part of the problem itself than a solution. It is all about a fusion of millions of bonfires where your friends and fellows hang out – social networks. There everybody can say anything as loud as it is usual in indian villages about whishes, griefs, visions or the awful color your mate’s hilarious sneakers. The community will judge in any aspect.

Marketers will recognize, that they can heat 2600 cities with the power they need to store all this data on servers. People will adapt their behaviour to this strategies and go beyond where no marketer is. The critical mass of people is huge. And the network effect increases the opportunties to play a cat-and-mouse game with companies that want to force you to consume. So grow the social networks. Change them. Build new ones with parks, recreation areas, arenas, villas, hotes, freeways and the big wild wilderness.

But do it in reverse sense of capitalism. Take the politicians, companies and religious leaders to the cleaners: The citizen ot the 3. millenium sets their rights and duties together in a profound discussion. The consumers of the 3. millenium dictate the market. The human being of the 3. millenium dictates the moral.

Author: Joerg Wittkewitz. Creative Commons (BY-ND). You can copy the text, if you link to this source and name the author.


Apr 16 2009

In was für einer digitalen Gegenwart leben wir? Irgendwas mit Inhalt

lupeneffektDer Handelsblatt Chefredakteur Ziesemer hat es neulich mal so richtig krachen lassen, und 10 gemeine Plätze gegen die dummen und lausigen digitalen Nichtsnutze rund um ihn und seine Kreise in einer Tagung von Wirtschaftsjournalisten in die Medienwelt entlassen. Gemäß dem innovativen Weltbild des New German Journalism hat er sich dabei aber nicht etwa Netzwerkjournalismus, Bürgerjournalismus oder gar Social Media zum Feindbild genommen sondern ganz schlicht von ihm identifizierte Gruppen verachtet und entwertet: junge Verlagsmanager und Unternehmensberater, Designer von Magazincovern, Medienblogger, ein Konkurrent, sowie Medienjournalisten ohne Recherchebudget.

Diese Abduktionen haben wir schon früher gelesen. Es liegt mir fern, die angesprochenen „Berufsgruppen“ gegen Ziesemer und Frey zu verteidigen. Es gibt sehr viele mental un(ter)belichtete Geister, die großen Bohei machen und weder theoretische noch praktische Grundlagen ihrer Schreiberei liefern können. Da dilettieren promovierte Physiker als Medientheoretiker, begründen Lokalreporter ganze Verlage oder Werbetexter erklären uns die moderne Welt. Da stören die paar BWLer mit knitterfreiem Anzug aus tex100 und Powerpoint- oder gar Keynote-Blendgranate kaum. Man kann das verachten. Man kann das auch mögen. Beides ist jedoch völlig ungeeignet für eine öffentliche Diskussion. Genauso wie die profunde Einsicht von Ziesemer, dass Recherche und Qualität das Herz einer Zeitung sein. Zu allem Überfluß noch eine Aussage, die er sich von Frau Professor Miriam Meckel ausleihen musste.

Wenn man den mittlerweile unantastbaren Artikel von Peter Glaser In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben? etwas näher beleuchtet, kann man Ziesemer sogar verstehen. Dort leitet der ehrenwerte Ehrendigitalist Glaser seine Notionen mit einer Geschichte von George Bernard Shaw ein, die eigentlich von Platon stammt:

“Wenn zwei Knaben jeder einen Apfel haben und sie diese Äpfel tauschen, hat am Ende auch nur jeder einen. Wenn aber zwei Menschen je einen Gedanken haben und diese tauschen, hat am Ende jeder zwei Gedanken.” (Platon)

Das Problem ist nicht die mangelnde Recherche sondern der andere Inhalt, denn bei Glaser handelt es sich um Ideen und bei Platon um Gedanken. Und an dieser Stelle verabschiedet sich die gesamte Leserschaft inklusive der Damen und Herren Qualitätsjournalisten. Was soll schon die Korintenkackerei? Ideen oder Gedanken? Ist doch einerlei. Wirklich? Glaser geht einen Schritt weiter:

Das Teilen mit technologischer Hilfe führt nicht nur zur Vermehrung von Ideen, sondern auch zur Vermehrung von Problemen. Computer helfen uns dabei, Dinge schneller zu erledigen, die wir ohne Computer gar nicht hätten erledigen müssen, das wußte Marshall McLuhan schon in den sechziger Jahren. Als damals am MIT der erste Großrechner zur Verfügung stand, der Timesharing beherrschte und mehrere Nutzer gleichzeitig bedienen konnte, gab es einen Befehl, mit dem man einfach das ganze System zum Absturz bringen konnte, ohne Raffinesse und ohne jede Eleganz. Das wurde zwei, drei Mal ausprobiert, dann machte es keinen Spaß mehr. Brauchen wir einen solchen Befehl für’s Internet?

Was soll diese Frage? Hat das Mitteilen von Ideen in Form des Austauschs via Papier oder eben Monitor jemals etwas gebracht? Aber klar, denken wir nur an die Entwicklung der Dampfmaschine, die ohne die kostenfreie Verbreitung neuester Innovationen via Zeitung niemals stattgefunden hätte. Haben dort Journalisten den Erfolg vollbracht? Nein! Anfang des 19. Jahrhunderts haben sich englische Minenbesitzer im Lean’s Reporter darüber ausgestauscht, welche Verbesserungen man an Dampfmaschinen ausführen müsste, um die anfälligen Eisenmonster aus dem Hause Watts zu optimieren. Es war also eher eine Maßnahme der Praktiker gegen die Macht eines Monopolisten, die sich bar jeder Gedanken über geistiges Kapital gemeinsam mittels des Mediums monatliche Zeitung austauschten. Die Free Software Bewegung nutzt dieses Beispiel seit Jahren, um die Ursprünge ihrer Gedanken historisch zu begründen.

growthWas diese Zeitung aber so besonders machte, war ihr direkter Nutzwert für den Lebenszusammenhang seiner Leser. Bei all den polemischen Attacken von Journalisten gegen Blogger oder von Bloggern gegen die Aktivisten für tote Bäume fehlt eigentlich immer der Hinweis auf die Braut, die es zu gewinnen gäbe: Lady Marian in Gestalt der Leser, oder aus Sicht des Handelsblatts das Geschmeide von Maid Marian.

Mit schöner Konsequenz wird um das Thema Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter herumgeredet. Stattdessen werden Abomodelle und PaidContent diskutiert. Es ist den Verlagen wohl klar, dass man Herrscher der Bahnhofskioske ist. Wie man diese Kioske nun ins Netz kopiert, ohne dass andere erkennen, dass dieselben Inhalte auch in vielen anderen Zeitungen – und mittlerweile sogar in Blogs – stehen, ist offenbar eine opake oder gar mystische Geheimwissenschaft. Um im Bild des 19. Jahrhunderts zu bleiben: Es hätte damals keinen Sinn gehabt, die Bereiche zwischen den Häusern mit Lampen zu elektrifizieren, ohne dass Straßen da gewesen wären. Es hat keinen Sinn, eine nicht vorhandene Infrastruktur mit Zusatzdiensten aufzuwerten. Warum aber ist diese Infrastruktur nicht vorhanden bzw. warum merkt es keiner? Lauschen wir wieder Peter Glaser:

Die Wände, die uns umgeben, werden durch die neuen Kommunikationsmedien durchlässiger und poröser. Unsere Kultur wurzelt in dem hohen Wert, den wir dem Individuum zumessen. Privatsphäre ist der Humus, auf dem dieser Wert gedeiht. Angriffe auf diese Grundlage folgen inzwischen der selben Strategie, nach der auch moderne Kriege geführt werden: Nicht mehr die großen Heere gewinnen die Schlacht, sondern kleine Einheiten. Dieser Salamitaktik hin zu staatlicher Kontrolle begegnen immer mehr Menschen affirmativ. Unsere Gesellschaft scheint von einer unbändigen Lust an der Geheimnislosigkeit erfasst zu sein. Vor ein paar Jahren war Big Brother Synonym für totalitäre Kontrolle; mit den gleichnamigen Containershows hat sich das Ganze in unterhaltsame Sozialpornographie verwandelt – die Leistung der Teilnehmer besteht darin, alles zu zeigen.

Man könnte jetzt trefflich über den Tod des Humanismus streiten. Aber man muss weder Lyotards Inhumanismus der Systemiker noch den der Seelentechnologen herbeizitieren, um zu erkennen, was diese digitale Öffentlichkeit charakterisiert: Es ist die Implosion des Individuums. Bei Ziesemer implodieren die jungen Berater und selbsternannten Medienjournalisten in einem endlosen Mosaik aus fremdem Gedankengut, dass nicht in der kreativen Form von Remixes oder Mashups daherkommt sondern in inhaltlicher Beliebigkeit, die nicht durch den Kontext einer gereiften Persönlichkeit sondern durch das Posen von Einstellungen zu überzeugen sucht.

An genau dieser Stelle könnte eine mindestens dreißig Jahre alte Notion der postmodernen Denker exhumiert werden: Denn Lyotard hatte sehr früh schon erkannt, dass nur die kleinen Erzählungen, die man bei Facebook findet, und die aus Expertensicht so gerne diskreditiert werden, dem heutigen Individuum überhaupt erst zur Existenz verhelfen. Denn ohne das Du der Anderen, die sich im beruflichen, schulischen und sogar vereinsgeprägten Sozialleben eher mit sozialer Fassade denn mit echter Offenheit präsentieren, gibt es gar kein ICH. Und damit ist auch die Ursache der fehlenden Infrastruktur klar.

Der positivistische Blick der Ewiggestrigen, die noch im Glauben an Objektivität verharren und mit sauberer Recherche und Qualitätsjournalismus an ein Weltbild anknüpfen, das weder wissenschaftlich noch lebenswirklich ist, kann daher nur in Wut und Gram umschlagen. Jeder Tiefenpsychologe kennt die Gefühlsebene, die hinter der Wut und der Aggression steckt. Und hinter einem Unverständnis gegenüber einer Welt, der gerade das Individuum abhanden kommt, weil es in einer inflationären Masse wie ein einziger Ruf nach Anerkennung an uns vorbeidonnert, steckt leider allzu oft das Gestell der stillen Bibliotheksarbeit als einzig Halt liefernder Handlung. Wenn draußen das ICH in dröhnender Kakophonie in die Tausende Splitter eines weltumspannenden Spiegels zerbirst, dann bleibt eben nur das Gröhlen im dunklen Keller, bis einer die Sicherung wieder reindreht und die Umrisse des wilden Monsters wieder zum ausrangierten Fitnessrad geworden sind. Auch für diese Dunkelheit hat Glaser einen kollektiven Trick in der Tasche, der uns vorgaukelt mithilfe von Kaugummipapier eine gute Sicherung zu improvisieren:

Die eigentliche Macht der Vernetzung liegt in der informatischen Kraft, die sie jedem von uns an die Hand gibt. Journalisten brauchen nichts von ihrer Expertise aufzugeben, aber sie müssen mehr und wesentlich offensiver ihre Ansprüche mit den Nutzern und neuen Mitgestaltern ihrer Arbeit teilen. Es wird weiterhin erstklassige Reporter und Autoren geben, die uns mit klaren Blicken auf die Welt versorgen. Die Zeit, in der Journalismus von einer begrenzten Berufsgruppe ausgeübt wurde, geht jedoch zu Ende. In der Internet-Ära sind wir alle dazu verdammt, Journalisten zu sein.

Das dunkle Zeitalter des geschwächten Individuuums, das in zuvielen Spiegelbildern sich selbst nicht erkannt hat, kann nicht dadurch erleuchtet werden, dass alle gemeinsam auf das vermeintlich Objektive der „Außenwelt“ starren und es mit Buchstaben zu bannen versuchen. Dieser religiöse Vorstoß, der schon im Alten Testament den ersten Menschen die Aufgabe erteilt, allem Seienden unter der Sonne Gottes einen Namen zu geben, entlarvt das mittelalterliche Denken, dass uns die Adepten der digitalen mutigen neuen Welt als Innovation unterschieben.

Und dann fällt folgerichtig dem Ziesemer wie dem Glaser ein, dass man ja in alten restaurativen Mustern bisher am besten an die Wand gefahren ist.

Ein Problem sei, dass „die Kollegen, die über Medien schreiben, mit wenigen Ausnahmen das Langzeitgedächtnis einer Ameise haben“. Sie würden „den Bullshit, den Verlage präsentieren, eins zu eins runterschreiben“, so Ziesemer. Stattdessen sollten sie lieber mal ins Archiv schauen, was in der Vergangenheit gesagt und getan wurde […]

und in dasselbe Horn entlädt sich auch Glaser:

Vor 5000 Jahren, zu der Zeit, als die Pyramiden gebaut worden sind, haben die Ägypter zwei Dinge erfunden, die wir heute noch haben: den Staat und die Maschine. Der Staat ist als ein erstes Vernetzungsprojekt entstanden. Kleine Dorfgemeinschaften wurden dadurch in die Lage versetzt, Bewässerungsnetze zu betreiben, die sie alleine nicht zustande gebracht hätten. (Blöderweise ist mit dem Staat auch gleich die Steuer mit erfunden worden.)

Kaum verwunderlich. Was lernt man aus der Geschichte? Nun das kommt auf die Perspektive an, die man vor der Recherche einnimmt. Das heißt die Recherche wird bestimmt durch die Erwartungshaltung des Rechercheurs, durch sein Vorwissen oder ähnliches könnte der hermeneutisch geschulte Halbwilde begegnen.Wenn es noch einer Hermeneutik bedurfte. Die ist jedoch selbst abhanden gekommen.

Der nächste Schritt ist die Kritik Michel Foucaults, in der der Mensch als aktiver Faktor und damit auch die menschliche Intentionalität als sinnstiftendes Element verschwindet. Für Foucault verliert die Geschichte daher auch jede Bedeutung, sie ist eine späte Erfindung des okzidentalen Menschen in der sogenannten klassischen Phase der späten Neuzeit, die schon wieder überholt ist. Paradoxerweise sind seine Werke über den Wahnsinn, über die Klinik und über das Gefängnis trotzdem ganz historisch angelegt.“

Georg G. Iggers: Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang.

Foucault’s Ende der Geschichte als Selbstvergewisserung des Subjekts findet heutzutage eben in den 1001 virtuellen sozialen Netzwerken, Communities und digitalen Plattformen statt, und zwar durch die 1001 Statusmeldungen und Pinwandeinträge, die einerseits durch ihre Banalität schon nach wenigen Stunden überflüssig sind, aber aufgrund des großen weisen Bibliothekars Google in der ewigen Maschine auf ewig festgehalten werden. Das bedeutet aber, dass die Macht über gespeicherte Inhalte nicht mehr bei den Verlagen liegt und damit die Macht der Redakteure nicht mehr im Ausgraben per Recherche besteht. Es bedeutet auch, dass das fluidmechanische Bild der Bewässerungsnetze als imago des digitalen Netzes völlig irrelevant ist. Denn das digitale Netz ist mitnichten in der Mitte am tiefsten. Und die Stadt also ihre ersten Formen in Mesopotamien, war eben genau der Teil eines Clans, der aus dem Privaten heraustrat mit verschiedenen Zwecken. Eine städtische Ansiedlung defininiert sich daher als räumliche Verteilung verschiedener Aktivitäten auf begrenztem Raum. Genau dieses Bild wäre eine Infrastruktur, die die elektrischen Leuchten (Medien) sehr gut gebrauchen könnte. Aber dazu müsste es erst einmal einen Raum geben, den Clans gemeinsam für verschiedene Zwecke nutzen. Die Medienherrschaften täten also sehr gut daran, die ersten Baumeister der digitalen Städte wie facebook und Xing zu beobachten. Ein Rumhacken auf den Vogelfreien (Bloggern), Pionieren (Alphabloggern) und den Verbannten (Medienbloggern) lässt erkennen, wie gering sich die Medienvertreter selbst einschätzen beim Bau dieser Metropolen. Statt ihre Position im Innen zu erörtern oder zu definieren, lassen sie ihren romantischen Blick in die Ferne schweifen und entdecken die doofen Eigenbrötler. Dieser fast zwanghafte Fokus könnte ein Hinweis sein…


Apr 15 2009

Différance: wikileaks und die elf logischen Ebenen

Auf ein Neues:

Pressemitteilung bei wikileaks vom 13.04.2009:

Registrar handelt entgegen Abmachung; Debatte steht in Relation zur Enthüllung der BND Netzwerke im vergangenen Jahr

BND Chef Ernst Uhrlau

Am 9. April 2009 wurde die Domain WikiLeaks.de unerreichbar nachdem die Kontrolle über Wikileaks.de dem Domaininhaber Theodor Reppe entzogen, und an die deutsche Registrierungsbehörde DeNIC übergeben wurde.

Die Übergabe der Domain folgt zwei Wochen auf eine Hausdurchsuchung bei Herrn Reppe durch die deutsche Polizei. Die Durchsuchung war Folge der Publizierung der australischen Zensurliste durch Wikileaks. Die Polizei verlangte in diesem Zusammenhang die Abschaltung der Wikileaks.de Domain; der Forderung wurde nicht entsprochen.

Um die Situation allerdings komplett zu verstehen, muss ein Vorfall zwischen Wikileaks und den deutschen Behörden am Ende letzten Jahres betrachtet werden.

Im November und Dezember 2008 veröffentlichte Wikileaks sensitive Informationen zum Bundesnachrichtendienst (BND), dem deutschen Auslandsgeheimdienst. Dies beinhaltete unter anderem Dokumente zu Korruption im Kosovo, wie auch eine Liste mit verdeckten Internet Adressen die vom BND unter dem Decknamen „bvoe.de“ genutzt wurden.

Der Vorsteher des BND, Ernst Uhrlau, drohte Wikileaks mit Strafverfolgung wenn die Dokumente nicht entfernt würden. Sie wurden nicht entfernt.

Über das Bekanntwerden der Adressen aufgedeckte Aktivitäten des BND wurden im Internet diskutiert, so zum Beispiel im Heise Forum.

In der Diskussion bei Heise ging es um die nicht den Richtlinien entsprechende Registrierung der Internetdomain des BND, „BND.de“. Es wurde festgestellt, dass die DeNIC Richtlinien durch die Registrierung verletzt wurden. So war die Domain zum Beispiel nicht auf eine physische Adresse sondern ein Postfach registriert. Der BND, so die Diskussion, habe nach DeNIC Verordnung somit keinen formalen Besitz der Domain da die Registrierung nicht den Ansprüchen für eine deutsche Domain gerecht würde.

Um die Ungleichheit der Anforderungen für den BND gegenüber einer normalen Registrierung zu testen, stellte der Wikileaks.de Inhaber, Theodor Reppe, einen Antrag zum Transfer der BND.de Domain bei seinem DeNIC-Mitglieds „Beasts Associated“ in Hamburg, über den auch die Wikileaks.de Domain registriert war.

Wie zu erwarten wurde dem Antrag direkt widersprochen.

„Sehr geehrter Herr Reppe,
Sie haben die Domain
bnd.de
per Transfer angefordert. Es handelt sich hierbei – unschwer zu erkennen –
um die Domain des Bundesnachrichtendienstes.
Da es sich hierbei um eine bedeutende Domain handelt, bitten wir Sie
umgehend das entsprechende Transfer-Fax und OwnerChange-Formular an uns zu
senden.
Bis zu Klärung dieses Vorfalls haben wir Ihren Account gesperrt.
Mit freundlichen Grüßen
Daniel Teixeira“

Allerdings versuchte der Registrar auch direkt das Vertragsverhältnis für alle von Herrn Reppe registrierten Domains aufgrund von „Vertragsbruch“ aufzulösen.

Da Herr Reppe für ein volles Jahr im Voraus bezahlt hatte, wurde in einem Telefonat mit der Supporthotline im Januar abgemacht, dass „Beasts Associated“ die Domains nicht vor Ablauf der schon bezahlten Zeit transferieren würde.

Entgegen dieser Abmachung transferierte der Registrar die Domains in der letzten Woche, und entliess Herrn Reppe mit mehr als 30 nicht funktionierenden Domains in das Osterwochenende. Betroffene Domains schliessen seinen populären Tor Node, zwei Filmprojekte und die Domainnamen von non-profit und open-source Gruppen mit ein.

Herrn Reppe wurde nicht mitgeteilt, dass man sich entschieden hatte die mündliche Vereinbarung mit der Supporthotline aufzuheben. Die Gründe für die spezifische Zeitwahl, neun Tage nach dem Ablauf der 3-monatigen Kündigungsfrist des Providers, bleiben unbekannt und können, aber müssen nicht, in Zusammenhang mit der Hausdurchsuchung wegen der australischen Filterlisten stehen.

Der Transfer am Donnerstag abend erfolgte mehr als zwei Stunden nach Geschäftsschluss der DeNIC Büros, und am Abend vor dem langen Osterwochenende.

Entgegen der pro-forma Aussage auf der nun angezeigten DeNIC Seite auf die Leser gelangten die Wikileaks.de aufgerufen hatten, war der Domaininhaber nicht informiert worden, und es wurden ihm auch keine Informationen übermittelt um die Domain umziehen zu können. Dies machte (und macht noch immer) die Domain unnutzbar. In einer Antwort auf eine eMail von Wikileaks, erklärte DeNIC am Sonntag, dass ein Brief an Herrn Reppe voraussichtlich am Dienstag verschickt würde.

Am selben Tag sagte DeNIC Chefin Sabine Dolderer gegenüber der Presse aus, dass die DeNIC selbst den Transfer nicht verursachte, sondern das der Registrar über den die Domain registriert war, „Beasts Associated“ aus Hamburg, die Domain hatte transferieren lassen.

Am Montag bestätigte „Beasts Associated“ Chef Daniel Teixeira das der Vertrag mit dem Domaininhaber aufgrund des „Vertragsbruchs“ im Dezember 2008 terminiert wurde und die Domains deshalb an DeNIC zurückgegeben wurden.


Apr 14 2009

web2expo: Clay Shirky on Collaboration

clay-shirkyAt web2expo 2008 in San Francisco one of the best lectures on collaboration took place.


Apr 14 2009

Zitat der Woche: Henry David Thoreau

thoreau„Ich bin der Ansicht, mein körperliches und geistiges Wohlbefinden allein deshalb zu erhalten, weil ich jeden Tag wenigstens vier, üblicherweise aber sogar mehr Stunden damit zubringe, in völliger Freiheit von jedweden Anforderungen der Welt durch den Wald sowie über Hügel und Felder zu streifen. Sicher wird man mich nun fragen, woran ich hierbei denke. Manchmal denke ich daran, dass die Handwerker und Krämer sich nicht allein des Vormittags, sondern auch während der Nachmittage in ihren Werkstätten und Läden befinden, davon viele zudem noch mit übereinandergeschlagenen Beinen – gerade so, als wären Beine nicht zum Stehen und Laufen, sondern zum Sitzen erschaffen worden –, und dann denke ich, man müsse diesen Leuten eine Art von Anerkennung zubilligen, weil sie ihrem Leben nicht schon vor langer Zeit ein Ende gesetzt haben.“

Henry David Thoreau, 1817 – 1862


Apr 12 2009

Lupenreine Demokratie: Deutsche Wikileaks Domain ohne Vorwarnung gesperrt – update #3

wikileaks-de

Pressemitteilung von wikileaks:

Am 9. April 2009 wurde die Wikileaks.de Domain ohne Vorwarnung durch die deutsche Registrierungsstelle DENIC gesperrt.

Die Massnahme folgt zwei Wochen auf die Hausdurchsuchung beim deutschen Domainsponsor Theodor Reppe. Die Durchsuchung wurde durch das Publizieren der australischen Zensurliste für das Internet ausgelöst. Ein Sprecher der zuständigen australischen Behörde ACMA (Australien Communications and Media Authority) sagte gegenüber australischen Journalisten aus, dass man die deutschen Behörden nicht um Amtshilfe gebeten habe.

Die Veröffentlichung dieser Liste entlarvte die geheime Sperrung vieler harmloser Seiten, unter anderem mit politischen Inhalten, und beeinflusste die Debatte um Zensur in Australien massgeblich. Der Vorschlag zur obligatorischen Internetzensur in Australien wird als Konsequenz dieser Debatte vermutlich nicht durch den australischen Senat bestätigt werden.

Am 25. März 2009, einen Tag nach der Durchsuchung, beschloss die deutsche Regierung den Versuch zur Einführung eines kontroversen und von Experten heftig kritisierten bundesweiten Zensursystems für das Internet.

Während die deutschen Behörden dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gegenüber aussagten, zum Zeitpunkt der Durchsuchung nichts von Wikileaks Rolle als international anerkanntes Pressemedium gewusst zu haben, ist diese ‚Ausrede‘ heute nicht mehr gültig. Bis heute, zwei volle Wochen nach der Durchsuchung, haben die Behörden keinerlei Kontakt zu Wikileaks aufgenommen um den Sachverhalt zu klären.

Die Situation erinnert an einen Rechtsstreit zwischen Wikileaks und der schweizer Bank Julius Baer im vergangenen Jahr. Wikileaks publizierte Dokumente, die Steuerumgehung und das Verstecken von Vermögen auf den Kaimaninseln aufdeckten. Im Zuge des Rechtsstreits wurde die „wikileaks.org“ Domain zeitweise von einem Richter in Kalifornien nach einer ex-parte Anhörung der Bank gesperrt. Wikileaks veröffentlichte weiter über alternative Adressen im Internet, und nachdem sich mehr als 20 renomierte Medien- und Bürgerrechtsorganisationen für Wikileaks einsetzten, gestand der Richter seinen Fehler öffentlich ein und hob die Sperrung auf.

Diesmal sind es die deutschen Behörden, die versuchen eine ganze Presseorganisation wegen einem von hunderttausenden Dokumenten zu schliessen, ohne den Herausgeber überhaupt zu kontaktieren. Kontaktinformationen zu Wikileaks sind auf jeder Seite des Portals zu finden.

Wikileaks publiziert weiter über die nicht-deutschen Domains. Wenn die deutsche Initiative zur Zensur des Internets erfolgreich ist, ist zu erwarten, dass diese alternativen Domains zensiert werden.

China – und nun Deutschland – sind die einzigen Länder dieser Welt, die versuchen eine ganze Wikileaks Domain zu zensieren.

Wikileaks untersucht den Vorfall und wir erwarten ein baldiges Update.

Wer Wikileaks Bemühungen gegen die Unterdrückung von Pressefreiheiten durch deutsche Behörden unterstützen möchte, kann dies über eine Spende an wikileaks tun.

Kommentar: Man kann geteilter Meinung sein, ob es klug, sinnvoll, oder gar verantwortbar ist, so eine Liste ohne Schwärzungen oder ähnliches ins Netz zu stellen. Man kann nicht geteilter Meinung sein, ob die Maßnahme der Totalsperrung der Domain nach bester chinesischer Manier eine angemessene Reaktion auf die Publikation der Liste ist. Das ist ganz kleines Karo in Tateinheit mit sehr kleinem Reflexionsvermögen. Es ist spannend, zu beobachten, wie Deutschland sich zunehmend aus der Reihe demokratischer Staaten entfernt. Ich hatte mich letzte Woche noch mit den Franzosen gefreut über deren Entscheidung, das neue Gesetz über Internetsperren für Raubkopierer doch nicht in Kraft treten zu lassen. Die aktuelle Entscheidung vom 9. April ist nicht Ausfluß mangelnder Übersicht weniger Juristen, die früher auf dem Schulhof immer geärgert wurden und sich nun rächen wollen. Sie ist schlicht eine Dokumentation, dass in diesem Land eine bizarre Form defizienter Intellligenz in der Nähe der verantwortlichen gesellschaftlichen Positionen zu finden ist. Ein Primat des Gehorsams, erkennbar in einer derart zwanghaften Parteiendemokratie, kann naheliegenderweise nur eine sehr seichte mentale Durchdringung der Verwaltung und damit eine hohe Fehlerrate der Bürokratur zur Folge haben. Denn eine hohe Reflexionsfähigkeit ist eher eine Behinderung gehorsamer Strukturen. Ersatzweise könnte man annehmen, so eine Entscheidung läge gar nicht an der leichten Defizienz der Handelnden sondern an deren prädemokratischer Gesinnung. Die Wahrheit könnte – wie immer – in der Mitte liegen.

Nachtrag 2: Heute, am 13.04.2009, teilt die denic-CEO Sabine Dolderer mit, dass mitnichten irgendein Zusammenhang zwischen der Unerreichbarkeit der deutschen wikileaks Domain und den dort verlinkten australischen Listen bestehe. Es handele sich um eine „in transit“ Meldung des Providers. heise.de erfuhr auf Nachfrage beim Provider, dass die Domain aufgrund vertragswidrigen Verhaltens schon Ende Dezember gekündigt wurde und nunmehr zum 30. März diese Kündigung der Domain einfach vollzogen sei. Die Übergabe in den Transit ist daher „weder eine Folge der Hausdurchsuchung vom 24. März 2009 beim Domaininhaber der Domain, noch eine Anordnung einer deutschen Behörde oder eine willkürliche Zensur durch uns. Vielmehr ist die Nichterreichbarkeit das Versäumnis des Domaininhabers sich rechtzeitig einen neuen Provider zu suchen“ erklärte der Provider gegenüber heise.

Dem bisherigen Domaininhaber der deutschen wikileaks website T. Reppe ist dieser Vorgang nicht bekannt.

Die Pfade der Information verdunkeln sich zunehmend, wenn es um Nachrichten, Desinformation, Ideologie und Restauration geht. Es bleibt spannend. Mal sehen, was und ob überhaupt etwas Klarheit in die Angelegenheit kommt. Die Diskussion um das Sperren von potenziell gefährlichen Websites wird dadurch keineswegs übersichtlicher oder gar aufgeklärter. Es nimmt immer die Form von Glaubenskriegen an, denn Transparenz scheint keine Partei bis jetzt in aller Konsequenz umzusetzen. Ein Glück, dass die gesamte bagage um die selbsternannten Adpten der Medien- und Kreativproduzenten bisher weder Deleuze noch Stengers oder Latour gelesens haben. Sonst würden sie die Diskussionen um die Netzfreiheit und das Credo des Demokratisierens der Kreativität sicher ein wenig fundierter diskutieren. Aber ob ein politischer Berater aus dem Umfeld der Medienwissenschaftler oder Kommunikationsologen solchen Diskussionen zugänglich wäre, bleibt fraglich. Sie knapsen noch an der Postmoderne…

Nachtrag 3: Die Folge, wo Dr. Bob dem Patienten die Leber heraus nimmt um eine Sehenscheidenentzündung zu kurieren, lest ihr besser hier selber. Es geht anscheinend um quellwasserreine demokratische Umtriebe bei den lustigen Herren aus Vulgarien. Aber lest doch selbst hier.


Apr 9 2009

Wissen als Quelle des Lebens und der Gemeinschaft

book1Zu Ostern schlage ich die Lektüre zweier englischer Texte vor, die das Spektrum unseres Denkens über Wissen, Entscheiden und planvolles Handeln in eine neue Richtung bringen können.

Zunächst Kevin Kellys aktueller Blogbeitrag: Inevitable Minds. Erneut ein Beispiel für die Distanz hinsichtlich der inhaltlichen Tiefe zwischen den Blogs in englischer und deutscher Sprache. Oder um es auf die Spitze zu bringen: Es ist auch ein Hinweis, wie groß die qualitative Distanz zwischen freien Texten in amerikanischen Blogs und kommerziellen Texten in deutschen Magazinen und Zeitungen ist.

Und der zweite Text ist ein 30 Jahre alter Auszug aus einem Buch von Jean-Francois Lyotard namens The Postmodern Condition. A Report on Knowledge. 1979. Leider kennen die meisten nur das erste Kapitel, das aktueller kaum sein könnte: Knowledge in Computerised Societies. Ich empfehle jedoch die Lektüre aller 5 Probekapitel und besser noch mehr Texte von ihm. Das aktuelle Kernproblem des zwanghaften Festklebens am menschlichen Subjekt als Wissenszentrum kann von Lyotard aus erfolgreich transzendiert werden. Mit seinen Schriften löst sich auch das Problem des aggressiven Aktes namens Konsens aus der Habermas-Welt des vermeintlich herrschaftfreien Diskurses.